Autotest

Im Gleichgewicht

Text: Sven Broder; Foto: Annette Keller

Autotest Porsche Panamera
  • Wenns passt, dann passts: Sven Broder, sein Hemd und der Porsche Panamera

Reportage-Leiter Sven Broder passt vielleicht nicht mehr ins alte Hemd, dafür umso besser in den neuen Porsche Panamera.

Dieses Hemd mochte ich wirklich. Die Farbe ist gut. Der Schnitt ist gut. Das Hemd und ich, das passte irgendwie. Doch nun war ich ganz offensichtlich aus ihm hinausgewachsen; wuchs es aus ihm heraus, das Leben, nur mehr notdürftig zusammengehalten von sieben elfenbeinfarbigen Knöpfen, hatte sich zu breit gemacht innerhalb der schmalen Silhouette. Wir werden uns trennen müssen, dachte ich, das Hemd und ich. Das wird ein wenig schmerzhaft werden, aber es ist folgerichtig – und deshalb okay.

Ich hatte es mir soeben bequem zu machen versucht hinter dem Steuerrad des Porsche Panamera, was einem in diesem Auto ja eigentlich sehr leicht fallen sollte, als ich dieses Spannen über Brust und Bauch bemerkte. Und egal wo und wie ich an meinem Hemd herumzupfte, es passte einfach nicht. Also öffnete ich sämtliche Knöpfe, ich sass schliesslich allein im Auto – und startete den Motor. Freiheit fühlt sich gut an. Hat man die Wahl, man sollte sich in jedem Fall für sie und gegen irgendwelche äusseren Zwänge entscheiden.

Es gibt Männer und – was mich anfänglich fast noch ein wenig mehr überraschte – auch viele Frauen, die den Panamera für den übergewichtigen, ausser Form geratenen spiessigen Bruder des einzig wahren Porsches halten: des 911ers natürlich. Und tatsächlich ist der Panamera so was wie die aufgeblasene Version davon. So hat man sich bei der Neuentwicklung des Modells stilistisch auch explizit an die Design-Ikone angelehnt. Aber ein Möchtegern, nein, das ist der Panamera deswegen definitiv nicht. Dafür ist das, was er im Vergleich zu seinem supersportllichen nächsten Verwandten zu bieten hat, einfach viel zu gut. Gerade was die inneren Werte anbelangt.

Das Raumangebot des Viertürers ist herrschaftlich, insbesondere auch im Kofferraum, die verwendeten Materialien sind hochwertig, die Verarbeitung durchs Band erstklassig. Die auf sportlich getrimmte Eleganz wirkt in keiner Weise aufgesetzt, nicht einmal der nach wie vor analoge Drehzahlmesser, der das Zentrum des Cockpits dominiert und – seien wir ehrlich – in so einer Luxuslimousine mehr Spielerei ist denn eine fahrtechnische Notwendigkeit. Die Bedienung und Überwachung sämtlicher motoren-, fahrwerks- oder sonst wie technischen Features – und davon gibt es wahrlich eine ganze Menge in diesem Auto – funktioniert übersichtlich und intuitiv. Man könnte sich zwar ebenfalls verlieren beim Knöpfchendrücken und Rädchendrehen, dies aber eher aus Neugier und Faszination und weniger aus Überforderung. Selbst der grosse, hoch aufgelöste Touchscreen, in ganz vielen Autos heutzutage eine Beleidigung fürs Auge, ist im Panamera … ja, fast schon klassisch-schön.

Und apropos übergewichtiger, aus der Form geratener Bruder: Dem Panamera mangelnde Fitness vorzuwerfen, ist bei einer Fahrleistung von über 420 PS und einer Spitzengeschwindigkeit von 285 km/h ein ziemlicher Hohn. Er mag vielleicht im galanten Nadelstreifenanzug daherkommen, aber unter seinen breiten Hüften stecken definitiv ein paar kräftige Muckis.

Um zum Schluss noch den Bogen zu meinem zu eng gewordenen Hemd zu schlagen: Eines Tages ist es Zeit für die nächst grössere Grösse. Die ist dann vielleicht nicht mehr ganz so sportlich, nicht mehr ganz so dynamisch, dafür aber umso bequemer, praktischer. Und am Ende vielleicht einfach auch ein bisschen ehrlicher.

Modell: Porsche Panamera 4S Diesel
Motor: 4.0 l V8-Biturbo
Fahrleistung: 422 PS, von 0 auf 100 km/h in 4.5 s
Höchstgeschwindigkeit: 285 km/h
Masse: Länge 5.05 m, Breite 1.94 m, Höhe 1.42 m
Leergewicht: 2050 kg
Kofferraumvolumen: 500 l
Verbrauch: 6.8 l/100 km
CO2-Emission: 178 g/km
Energieeffizienz: F
Preis: ab 142 800 Franken
Infos:

Sven Broder

Der Reportagenleiter schwärmt für Anekdoten und gute Geschichten, mag Fragen lieber als Antworten, Optimisten lieber als Nörgler. Er hat ein Näschen für Tabus und Fettnäpfchen, aber erschreckend wenig Talent, sie aktiv zu meiden. Er lebt mit Frau und drei Kindern in Zürich.

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