Isabella Rossellini

«Ich will nicht als sexy gelten»

Interview: Niklaus Müller; Foto: Getty Images

Isabella Rossellini war 14 Jahre lang Botschafterin von Lancôme – bis man fand, sie sei zu alt dafür. Nun wirbt die Schauspielerin wieder für die Marke, mit 65. Im Interview sagt sie, wie es dazu kam und was Schönheit im Alter bedeutet.

gamevuinhon: Isabella Rossellini, waren Sie überrascht, als Lancôme Sie 2016 kontaktiert hat, um wieder für die Marke zu arbeiten?
Isabella Rossellini: Ja, das war ich! Sogar sehr überrascht! Unsere Zusammenarbeit wurde vor zwanzig Jahren jäh beendet. Damals war man der Meinung, dass Frauen über vierzig nicht länger verführerisch sein können. Also sagte ich Françoise Lehmann, der Generaldirektorin von Lancôme, dass ich nicht jünger geworden sei. Ganz im Gegenteil, einige Jahre seien seither vergangen. Aber Françoise hat mich mit ihrer Intelligenz und ihren modernen Ideen überzeugt. Vielleicht auch, weil sie eine Frau ist. Männliche Konzernchefs setzen meist auf Verführung, Françoise sprach mit mir über Sensibilität, Energie, Lebensfreude. Über Weiblichkeit, die sich nicht über das Alter, sondern über Freude definiert. Eine Weiblichkeit, die sich sowohl an Frauen wie auch an Männer richtet.

Sie sagen, Sie fühlen sich heute mit 65 freier als früher.
Ich habe Glück, dass ich genug Geld verdient habe und heute nur noch das tun kann, was ich will. In meinem Alter mache ich mir keine Gedanken mehr darüber, wie mich die anderen sehen. Deshalb ist es sehr befreiend, ich selber zu sein, Spass zu haben. Make-up zu tragen ist wie einen schönen Tisch zu decken, es ist ein Spiel. Wir Frauen verstehen und schätzen dieses Spiel. Das gefällt mir auch bei Lancôme: die Art, wie diese heutige Weiblichkeit verstanden wird. Wenn wir über das Alter reden, reden wir meistens über Falten und Gewicht, aber niemals über die Freiheit, die wir im Laufe der Zeit gewinnen. Die Vergangenheit ist die Vergangenheit, und jetzt ist alles einfacher und freudvoller.

Welche Rolle spielt Schönheit in Ihrem Alter?
Das hängt davon ab, wie man Schönheit definiert. Am Ende sind es Eleganz und Esprit, die die Schönheit einer Frau ausmachen. Ich denke dabei an Maria Callas oder Frida Kahlo … Mit zwanzig ist jeder Mensch schön und Jeans und ein T-Shirt reichen. Mit 65 wird Schönheit eine Sache von Eleganz, Individualität, Details und persönlichen Gesten. Ich will nicht mehr einfach als sexy wahrgenommen werden, sondern ich will die beste Version meiner selbst sein.

Sie haben kürzlich für Lancôme eine Fotostrecke mit Starfotograf Peter Lindbergh gemacht, den Sie sehr gut kennen …
Ja. Wir haben lange nicht zusammengearbeitet. Aber ich wusste, dass er der richtige Fotograf war für die neue Kampagne. Ich war lange genug Model, um zu wissen, ob ein Fotograf einfach nur Schönheit abbildet oder auch Emotionen. Lindbergh will Emotionen. Erinnern Sie sich an seine wunderbaren Fotos von Tina Turner, so voller Energie.

Und was fällt Ihnen zuerst bei einer Frau auf?
Ganz sicher Humor! Und dann eine gewisse Einzigartigkeit, eine persönliche, individuelle Note. Das ist für mich Eleganz.

Ihr Rat an Frauen?
Wir Frauen glauben, dass wir uns unser ganzes Leben hindurch aufopfern sollen. Mit der Zeit begreifen wir aber, dass es irgendwann so weit ist, Dinge für sich selbst zu tun. Statt der Jugend hinterher zu jagen, sollten wir lieber lernen, uns selber zu gefallen.

Für die Crème Rénergie Multi-Glow arbeitete Lancôme mit einem Visagisten, aber auch mit 60-jährigen Frauen, um deren Bedürfnisse zu verstehen. Wie hat sich Ihre Haut über die Jahre hinweg verändert?
Das Einzige, was mich stört, ist mein Hals! Das übrige Gesicht sieht man täglich im Spiegel und hat nicht das Gefühl, dass es altert. Was mich betrifft, bin ich nicht nostalgisch. Wichtig ist nicht, seine Jugendlichkeit zurückzugewinnen, sondern sich gesund und wohl zu fühlen. Deshalb bin ich auch froh, dass Lancôme die Begriffe Anti-Falten und Anti-Aging gestrichen hat, denn darum geht es nicht.

Wie wichtig ist das Äussere im Leben einer Frau generell und altersunabhängig?
Es ist sehr wichtig. Das Model-Business ist eine der wenigen Sparten, wo Frauen mehr verdienen als Männer. Aber ich glaube, die Dinge haben sich weiterentwickelt: Heute erwartet man von einer schönen Frau auch Tiefe, Persönlichkeit und Intelligenz.

Sehen Sie die gleiche Entwicklung in der Filmwelt?
Auf der Leinwand ist es anders, denn dort erzählen wir Geschichten. Man kann immer eine Nebenrolle als Grossmutter für eine Schauspielerin finden! Aber dank TV und dessen Serien gibt es inzwischen viel mehr Rollen für Frauen, besonders in den USA. Es gibt immer mehr Drehbuchautoren, die auch über Nischenthemen und jeden Geschmack schreiben, und deswegen wird viel produziert. Krimis, historische Sachen, Dramen … Die letzten Jahre habe ich ständig gearbeitet.

Trotzdem leben Sie auf einem Bio-Bauernhof, wo Sie Hühner züchten. Doch ein ziemlicher Gegensatz zum Filmbusiness.
Was für mich besonders interessant ist, ist der Wechsel zwischen diesen zwei Welten. Ein aktives Leben zu leben und dann auf den Bauernhof zurückzukehren. Das ist die perfekte Balance. Vor mehr als zehn Jahren, als ich um die fünfzig war und kaum noch gearbeitet habe, ging ich zurück an die Universität. Ich habe Tierverhalten und Tierkommunikation studiert, Themen, die mich immer schon interessiert haben. Ich bin fasziniert von der Arbeit der Ethologin Jane Goodall. Der Bauernhof war daher der logische Lebensort für mich. Ich habe Schweine, einige Ziegen, aber vor allem mehr als hundert Hühner. Diese stammen von einer alten Art ab, die heute niemanden mehr interessiert, weil man sie nicht ökonomisch ausschlachten kann.

Umweltschutz ist ein grosses Thema für Sie?
Eigentlich ist es gesunder Menschenverstand!

Vor Kurzem liefen Sie mit Ihrem Sohn über den Laufsteg. Was bedeutet es Ihnen, mit Ihren Kindern zu arbeiten?
Für mich ist es wichtig, für die Kinder wahrscheinlich weniger. Sie sind erwachsen und leben ihr eigenes Leben. Meine Tochter arbeitet im Foodbereich, mein Sohn arbeitet als Model und Fotograf. Ich unterstütze sie und bin froh, dass sie etwas gefunden haben, das ihnen gefällt. Wir verstehen uns gut. Ich arbeite im Moment weniger, weil meine Tochter eben ein Baby bekommen hat. Ich bin Grossmutter geworden! Es ist wunderbar. Ich will so oft wie möglich für sie da sein.

Glauben Sie, dass Sie Ihre Tochter in Sachen Schönheit beeinflusst haben?
Was mich vor einigen Jahren verwirrt hat, war die enorme Wichtigkeit, die Elettra und ihre Freundinnen dem Aussehen eingeräumt haben. Ich dachte, dass nach all den Jahren des Feminismus die nächste Generation weniger auf Masse schaut und Schönheit viel mehr danach definiert, sich selbst auszudrücken. Aber ich glaube, dass sich Frauen und deren Platz in der Gesellschaft weiterhin entwickeln. Die Dinge werden besser. Dass ich jetzt wieder für Lancôme arbeiten kann, ist ein Beweis dafür. Das ist nicht nur für mich positiv, sondern für alle Frauen. Und was mich am meisten freut in meiner Rolle als Botschafterin von Lancôme, ist, eine Zeugin dieser Entwicklung zu sein in einer Industrie, die sich der Weiblichkeit widmet, ihren Träumen und Wünschen. Meine Tochter hat ja auch schon für Lancôme gearbeitet und bei einem Shooting für die Marke sogar den Vater ihres Kindes kennen gelernt.

Worauf sind Sie in Ihrer Karriere besonders stolz?
Meine Schwiegermutter sagte immer, dass sich im Leben immer wieder Kapitel öffnen und schliessen. Ich bin froh, dass ich meine Kapitel gut gemeistert habe: das Modeln, die Schauspielerei, mein Studium über das Verhalten der Tiere, dann wieder Filme und jetzt meine Theaterstücke, die ich schreibe und interpretiere. Ich gehe voller Freude von einem Kapitel zum nächsten.

Was hat sich in den letzten zwanzig Jahren als Botschafterin von Lancôme verändert?
Früher waren Kosmetikmodels dazu da, Träume zu erzeugen. Ich musste beispielsweise immer meinen Ehering für die Fotos ablegen. Es ging nicht darum, eine eigene Identität zu haben, sondern nur darum, Schönheit zu verkörpern. Heute ist das Gegenteil gefragt: Komplexität, Persönlichkeit und Individualität.

Verraten Sie uns Ihre schönsten Erinnerungen?
Meine Eltern: Ingrid Bergman und Roberto Rossellini. Ich denke immer an sie. Sie waren so voller Lebensfreude. Wir haben so viel zusammen gelacht. Und Lachen ist das Wichtigste.

Niklaus Müller

Kosmetik und Schönheit haben den gamevuinhon-Beautychef schon immer fasziniert. Aber auch andere schöne Dinge des Lebens interessieren den Basler: gutes Essen, Musik, Film und Reisen.

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