Zu provokant?

Bei Haar Gefahr

Redaktion: Niklaus Müller; Fotos: Daniel Valance; Perücke: Coiffeur Barberia

Bei Haar Gefahr
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«Kein Haar war auf Schwester Alphonses Kopf zu sehen. Ich verstand die Welt nicht mehr»

Der muslimische Hijab ist das meistdiskutierte Stück Stoff der Gegenwart

Sobald sie verheiratet sind, verbergen orthodoxe Jüdinnen ihr Haar unter einem Scheitel

Zu sexy, zu provokant: Für viele Religionen gehören Frauenhaare versteckt. Unser Beautychef hat sich dazu so seine Gedanken gemacht.

Haare haben in unserer Familie immer eine wichtige Rolle gespielt. Schon als kleiner Bub spielte ich im Coiffeurgeschäft meiner Grossmutter und lernte dort Haarwickler wie auch monströse Trockenhauben kennen. Gleichzeitig haben sich mir die Gerüche von Färbe- und Dauerwellenmittel eingeprägt, aber auch die Freude der Frauen, die sich und ihren Haaren etwas Gutes gegönnt haben und fröhlich aus dem Salon nachhause gingen.

Als ich 1966 in den Kindergarten kam, war ich entzückt über die langen, wallenden Haare meiner Kindergärtnerin. Ganz im Stil der damaligen Zeit trug Fräulein Wenger Minijupes und eben diese glatten, wehenden Haare mit langen Fransen, wie sie Cher oder Sylvie Vartan in dieser Epoche bekannt gemacht hatten. Umso grösser war mein Erstaunen, als ich zwei Jahre später in der Primarschule zum ersten Mal Religionsunterricht hatte. Schwester Alphonse war eine Ordensschwester unbestimmten Alters, die eine klassische Haube trug. Kein Haar war auf ihrem Kopf zu sehen, nur ein strenges schwarzes Tuch, passend zu ihrem Habit. Ich verstand die Welt nicht mehr. Haare, die für mich immer ein Ausdruck der Verschönerung, des Spiels und des Schmucks waren, wurden plötzlich komplett versteckt. Während meine Grossmutter alles mögliche mit den Haaren ihrer Kundinnen anstellte, um diese besser und schöner aussehen zu lassen, verhüllte Schwester Alphonse ihre komplett. In einer Zeit, wo langes, wildes Haar bei Frauen und auch immer mehr bei Männern angesagt war, wo sogar ein Musical darüber geschrieben wurde, gab es immer noch Frauen, die ihre Haare verbargen, ja sogar verstecken mussten. Mein älterer Bruder, der gerade angefangen hatte, Theologie zu studieren, erklärte mir dann, dass Ordensschwestern ein Gelübde ablegen, in Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam zu leben. Nonnen bedecken ihre Haare, sobald sie in ihren Orden als Mitglied aufgenommen werden. Ich war ratlos und hatte Mitleid mit der armen Schwester Alphonse.

Fast gleichzeitig bekam meine Mutter Probleme mit ihren Haaren. Von einem Tag auf den anderen litt sie unter starkem, kreisrundem Haarausfall. Zuerst versuchte sie, die Lücken mit einer anderen Frisur abzudecken, aber schon bald halfen nur noch Hüte oder Mützen. Schliesslich wurde ihr Haarausfall so stark, dass sie eine Perücke tragen musste. Obwohl ich damals noch klein war, habe ich gemerkt, wie sehr meine Mutter unter diesem Zustand gelitten hat. Auch für sie waren Haare immer sehr wichtig; und plötzlich nur noch wenige davon zu haben, machte sie unsicher, frustriert und vor allem traurig. Ich realisierte, dass Haare für Frauen ein grosses Thema sind und auch ein Stück ihrer Persönlichkeit, ihrer Weiblichkeit ausmachen und dass eine Perücke, egal wie gut sie gemacht ist, kein Ersatz sein kann.

Erst Jahre später, nachdem meine Mutter nicht mehr unter Haarausfall litt und ihre Perücke beruhigt zur Seite legen konnte, merkte ich, dass auch andere Frauen ihre echten Haare unter einer Perücke verstecken oder ein Kopftuch tragen. Viele Frauen tun dies, genauso wie damals Schwester Alphonse, aus religiösen Gründen. Denn erstaunlicherweise, so erfuhr ich damals nichts ahnend, verlangen oder verlangten viele Religionen, dass Frauen ihre Haare verhüllen: das orthodoxe Christentum, das orthodoxe Judentum sowie der orthodoxe Islam.

Heute, wo ich mich beruflich mit dem Thema Schönheit befasse, weiss ich, dass in allen drei Religionen entsprechende Hinweise zu finden sind, sei es in der Bibel, in der Thora, dem Talmud oder im Koran. Dies bestätigt auch der Autor Hinne Bloemhof in seinem Buch «Die kopflose Frau». Er schreibt: «In allen drei Religionen sollen die Frauen sich nicht schmücken: weder mit Schmuck noch mit ihren Haaren. Die Rolle der Haare respektive der Haartracht wird stets besonders betont: Immer müssen die Haare bedeckt oder gar verhüllt werden. Offenbar sind die weiblichen Haare ein wichtiges Symbol der weiblichen Erotik, welches um jeden Preis unterdrückt werden muss.»

Diese Regeln gab es im Altertum, also bei den alten Ägyptern, den Griechen oder Römern noch nicht. Und auch bei anderen Religionen, wie dem Buddhismus oder Hinduismus, kommen sie nicht vor. Beim Christentum, Judentum und dem Islam scheinen jedoch weibliche Haare ein Teil von sexueller Symbolik zu sein, die es unbedingt zu verstecken gilt. Dies in erster Linie vor fremden Männern, die dadurch ja auf unreine Gedanken kommen könnten. Und tatsächlich: Frauen und ihre langen, offenen Haare waren stets auch ein wichtiger Teil in Mythen und Märchen. Ob Medusa, Loreley oder Rapunzel, weibliches Haar barg immer auch ein verführerisches Potenzial und stellte somit eine Gefahr dar, insbesondere für die drei monotheistischen und patriarchalischen Religionen. Eine Tatsache, die noch bis heute aktuell ist.

Denn nicht überall haben sich in den letzten siebzig Jahren Frauen das Recht erkämpft, ihr Haar offen zu zeigen und es so zu tragen, wie sie es wollen. Gerade in den letzten Jahren geht es wieder vermehrt um die Frage, ob man Kopfbedeckungen von Kopftuch bis zur Burka akzeptieren kann und darf. Meine Meinung dazu ist klar, da ich mich noch sehr gut daran erinnern kann, wie ungern meine Mutter ihr schütteres Haar unter einem Hut oder einer Perücke versteckte. Und ebenso gern erinnere ich mich an die Zeit, die ich im Coiffeurgeschäft meiner Grossmutter verbringen konnte, wo Haare, ihre Pflege, Verwandlung und Verschönerung zur Freude aller zelebriert wurden, und Frauen voller Selbstvertrauen das Geschäft verlassen haben.

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