Wie ist es eigentlich

Wie ist es eigentlich, als Lokführer einen Menschen zu überfahren?

Aufgezeichnet von Katrin Meier; Foto: Getty Images

Ernst Kern* (48), Lokführer

Der Schnellzug rast mit 110 Stundenkilometern durch den Durchgangsbahnhof. Die Strecke vor mir ist frei. Das Ende des Perrons kommt näher. Dort, wo das Dach der letzten Unterführung endet, geht ein Mann wie ein Skispringer in die Knie. Er trägt eine Mappe in der Hand. Er springt. Ich ziehe sofort mit der linken Hand die Notbremse. Ein dumpfer Ton, dann ein Rumpeln, wie wenn eine Zuckerrübe, die auf dem Gleis liegt, an den Unterbau der Lokomotive schlägt. Ich zünde die drei roten Warnlichter der Lok an. Mein Herz schlägt mir bis in den Hals. Gopferdammi nomal. Ich weiss, was das jetzt für eine Maschinerie in Gang setzt, und durch nichts konnte ich es verhindern.

Ich schaue geradeaus und versuche gleichmässig zu atmen. Piano, piano, sage ich mir. Durch das Fenster blicke ich zu meiner Linken auf die nahe stehenden Hochhäuser und die Grünfläche. Vor mir liegen vier Gleise.

Ich greife zum Handy und rufe den Fahrdienstleiter an: Du, ich habe eine Person überfahren. Der Kollege informiert alle anderen Züge, die unterwegs sind, damit sie langsamer fahren oder umgeleitet werden können. Ich fühle nichts, führe die notwendigen Schritte wie automatisch aus. Ich entferne den Geschwindigkeitsmesserstreifen für die Polizei. Ich verständige das Zugpersonal. Ich bleibe die ganze Zeit über im Führerstand. Mein Blick fällt auf meine Tasche, die wie immer auf dem zweiten Sitz liegt, meine Hände liegen nicht wie sonst auf dem Fahrhebel. Ich weiss nicht so recht, wohin mit ihnen.

Ich warte, auf die Ambulanz und die Polizei. Die Leute auf dem Perron wissen, dass es ein Personenunfall war. Normalerweise beachten sie uns Lokführer überhaupt nicht. Jetzt schauen sie neugierig hoch. Ich trete vom Fenster weg. Ich will jetzt nicht angegafft werden.

Ich will auf keinen Fall nach hinten gehen und nachsehen, was passiert ist. Ich habe sehr schnell gebremst, wahrscheinlich liegt er noch unter dem Zug. Ich brauche nicht zu sehen, wie der Körper zugerichtet wurde. Ich will auch nicht wissen, wer er war. Ob er eine Familie hatte. Darüber nachzudenken, würde heissen, ihn an mich heranzulassen. Das ginge mir zu nahe.

Ich rufe meine Frau an und sage ihr: Ich komme später nach Hause. Es ist wieder so weit. Sie antwortet ganz ruhig. Fragt, was genau passiert sei und wie es mir gehe.

Ich habe schon vor 16 Jahren jemanden überfahren. Irgendwo auf der Strecke spürte ich einen dumpfen Schlag. Als ich an der nächsten Haltestelle nachschaute, sah ich, dass vorn die Luftbremsschlauchkupplungen ausgehängt waren. Sonst nichts. An der Endstation sagte man mir, dass es eine Person gewesen sei. Damals versorgte ich danach die Lok und ging nachhause. Am nächsten Tag ging ich zur Arbeit wie immer. Jetzt ruft mich mein Chef auf der Unfallstelle an und fragt, wie es mir gehe und ob ich die Lok selbst zurückfahren wolle. Er fragt mich, ob ich mit einem Laienhelfer vom Sozialdienst der SBB reden wolle. Der ist selbst Lokführer, versteht meine Situation. Ich nehme dieses Angebot nicht in Anspruch. Ich sage mir, dass mich keine Schuld trifft. Ein 600 Tonnen schwerer Zug, der mit 110 Kilometern pro Stunde unterwegs ist, hat einen Bremsweg von etwa 500 Metern. Hinzu kommt die Schrecksekunde, die die Reaktionszeit verlängert. Das weiss einer, der sich vor den Zug wirft. Ich sage mir: Die Lok ist ein Werkzeug, das ich bediene. Ich kann in voller Fahrt niemals rechtzeitig bremsen.

Nach eineinhalb Stunden erhalte ich die Erlaubnis, den Zug nach Zürich zurückzufahren. Ich rufe den Kondukteur zu mir in den Führerstand, damit mich jemand unterstützt beim Beobachten der Signale. Ich fahre ganz langsam und konzentriert. Ich will keinen Fehler begehen.

Schuldgefühle habe ich keine. Für mich ist der Selbstmörder ein Feigling, ein regelrechter Fiesling. Er zieht mich in seine persönliche Angelegenheit hinein, und ich kann mich nicht wehren. Ich kenne Kollegen, die haben schon sieben Mal jemanden überfahren. Da fragt man sich schon: Warum immer ich?

Diesmal bleibe ich drei Tage zuhause. Ich frühstücke mit meiner Frau und bastle im Keller, um mich mit anderem zu beschäftigen. Meine Kinder wissen nichts davon. Ich will sie nicht belasten. Mit den Lokführerkollegen spreche ich selten darüber. Ein Lokführer ist ein Einzelkämpfer. Einschlafen kann ich gut. Ich denke auch nicht jeden Morgen, dass ich heute jemanden überfahren könnte. Nur wenn ich wieder an derselben Stelle vorbeifahre, kommen die Bilder zurück. Ich habe wieder die vier Gleise vor mir, und manchmal ist mir, als ob sich jemand am Ende des Perrons bewegt.

*Name von der Redaktion geändert

 

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