Sehnsuchtsort: Happy End in Goa

Text: Brigitte Zaugg
Illustration: Nicole Schmauser

Typisch goanisch: Sunset mit Krähe
  • Typisch goanisch: Sunset mit Krähe

Gar nicht so schlecht, mit einem Bein schon im warmen Sand seines Traumstrands zu stehen.

Während der Pause schauten wir uns das Publikum an. Manche sahen schwer nach Ashram aus, in der Kinoluft lag ein Hauch von Patchouli. Da und dort leuchtete ein hennaroter Haarschopf, ansonsten dominierte Silbergrau, denn die meisten Zuschauer waren wie wir zwei um die sechzig. Es wurde «The Best Exotic Marigold Hotel» gezeigt, jene Happy-End-Romanze, in der sich die wunderbare Judy Dench und sechs weitere Best Agers des britischen Kinos als mehr oder minder rüstige Rentnertruppe für den Lebensabend ins nordindische Jaipur absetzen.

Den Film kann nur das wahre Leben toppen – in unserem Fall mit brutalen Mückenattacken, brandscharfen Currys, ewigem Krähengekrächze und dafür umso überwältigenderen Sonnenuntergängen. Denn das noch bessere, weil echte «Best Exotic Marigold Hotel» heisst Empire Beach Resort und steht nicht in Jaipur, sondern im tropischen Südindien, am Sehnsuchtsort aller Tramper der frühen Siebzigerjahre: am Strand von Goa. Genau dort, wo damals noch barfüssige Fischer Abend für Abend vor ihren Bootsschuppen abhängten. Und gedankenverloren auf den Indischen Ozean hinausblickten, hinter dem der grosse Feuerball mit einem letzten Aufblitzen in die bodenlose Nacht hinunterfiel. Ein magischer Moment, den die Kiffer unter den Hippies noch heute Green Flash nennen.

So werden mein Liebster und ich gern alt, so mit einem Green Flash am Ende des Tages, obwohl wir, Liebhaber eines kühlen gespritzten Weissen, in all dem Rot am Horizont beim besten Willen noch nie was Grünes blitzen sahen.

Überwintern will geübt sein

Seit zehn Jahren verbringen wir jeden Winter mehr Zeit mit den Füssen im warmen goanischen Sand. Und wir sind nicht die einzigen Wiederholungstäter unserer Altersklasse. Man sieht sich alle Jahre wieder, hat Freundschaften geschlossen – mit Mary und William aus Nordirland, Annemarie und Akil aus Berlin, Mia und Nils aus Dänemark, Beverly und Jim aus England, Ingrid und Jürg aus der Ostschweiz oder Vreni und Peter, die wie wir aus Zürich kommen und mit denen wir dennoch bis heute nur in Goa Kontakt hatten.

Manche dieser Repeater bleiben ein paar Wochen, die Briten oft ein halbes Jahr. Wir gönnten uns diesmal fast zwei Monate. Unser Ziel: überwintern, ohne zu schlottern. Mit dem neunzig Tage gültigen Touristenvisum für Indien können Schweizer immerhin den grauen November, den nasskalten Dezember und den tiefgefrorenen Januar austricksen. Jasmin Irani, Besitzerin des Empire Beach Resort und vom Personal respektvoll «Big Mama» genannt, hat uns schon eine Pauschale in Aussicht gestellt. Selbst für den Fall, dass ich dereinst Hilfe beim Duschen brauche, hat sie die Patentlösung: «No problem! My girls will be happy to help!»

Vieles spricht fürs «Empire Beach». Ayurveda-Massagen vom Profi aus Kerala gibt es für gerade mal 15 Franken vor Ort. In Spazierdistanz (schneller gehts mit einem Tuk-Tuk) findet man Zahnärzte, Optiker, Apotheken. Das Hotel liegt direkt am Strand. Wir könnten also gut mit dem Rollator am Swimmingpool vorbei zum Tor runterkurven. Und dann, wie Jürg aus der Ostschweiz, mit den Stöcken durch den Sand staksen. Sind die Wellen wieder mal zu ruppig, gehts schnurstracks in eine der palmwedelbedeckten Strandbeizen. Wo wir morgens zum Chai die «Indian Times» lesen oder auch einfach einen der goanischen Struppis streicheln, die allesamt das Zeug zum Therapiehund haben. Und wenn wir kränkeln (mich streckte im Januar eine Lungenentzündung nieder), rufen wir nach Dr. Dyaneshwar Surushe, und alles wird gut.

Ihn fragte ich, als er da mit dem Stethoskop um den Hals an meinem Hotelbett sass, was er von Goa als Alterssitz für unsereins halte. Der junge Arzt runzelte die Stirn und hielt mir dann einen kleinen gerontologischen Vortrag: «Bleiben Sie um Gottes willen in der Schweiz, eine bessere medizinische Versorgung im Alter gibts nirgends. Natürlich spricht nichts dagegen, in Goa zu überwintern, im Gegenteil: Für die Seele ist das wunderbar. Nur muss man dieses Hin und Her ‹trainieren› – nicht erst ab achtzig, sondern ab fünfzig.»

No problem! Wir trainieren fleissig weiter. Und sollte Indien seine Visa-Auflagen je lockern, so überwintern wir in Goa noch so gern länger als drei Monate. Bis hin zum finalen Green Flash.


Brigitte Zaugg (58) ist gamevuinhon-Produzentin

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Das sind die Sehnsuchtsorte der gamevuinhon-Redaktion.

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