Wie ist es eigentlich, als Blinde im Internet zu surfen?

Christina Fasser (57), Geschäftsleiterin von Retina Suisse, Zürich

Als Geschäftsleiterin von Retina Suisse muss ich wissen, wie sich die Forschung entwickelt. Gibt es neue Behandlungsmöglichkeiten für Augenkrankheiten, so müssen wir die Patienten schnell informieren und uns dafür einsetzen, dass die Krankenkassen die Behandlungskosten übernehmen. Früher hätte ich als blinder Mensch jemanden beauftragen müssen, der mir Unterlagen besorgt und womöglich vorliest. Heute habe ich via Computer einen direkten Zugang zur Fachliteratur. Das Internet hat mein Arbeitsleben radikal erleichtert, ich bin ein grosses Stück unabhängiger und auch schneller geworden.

Lesen kann ich die Seiten im Netz mit Hilfe eines speziellen Computerprogramms für Sehbehinderte. Es heisst Jaws. Eine Frauenstimme liest mir die Inhalte vor. Leider kann das Programm nicht unterscheiden zwischen einem Artikel und einer Werbung. Wenn ich auf einer Werbung gelandet bin, springe ich mit einem Tastaturbefehl zum nächsten Inhalt. Um meine Zeit nicht zu vertrödeln, habe ich ein hohes Sprechtempo gewählt. Das bedeutet, dass die Stimme wie Mickey Mouse klingt. Dies zu verstehen, benötigt viel Übung. Aber auch wenn man es kann: Ich muss mich sehr konzentrieren. Wenn ich eine Internetseite gut kenne, erleichtert mir das die Arbeit erheblich. Denn ich kann mir die Abfolge der Links merken und komme so schneller zum Ziel.

Ich surfe selten einfach rum, denn die Nutzung des Internets ist für mich jedes Mal eine Geduldsprobe. Ich muss jeden einzelnen Satz lesen. Die erste Zeile eines Google-Treffers sagt oft zu wenig über den Inhalt einer Seite aus. Ich muss also zwei oder drei Sätze weiterlesen. Das benötigt sehr viel Zeit.

Für das Lesen von Tageszeitungen haben wir im Blindenwesen eine eigene Datenbank, den so genannten elektronischen Kiosk. Die Schweizer Verlage haben sich bereit erklärt, uns ihre Daten kostenlos zur Verfügung zu stellen. Mit einer speziellen Software werden die Artikel so aufbereitet, dass keine störende Grafik oder Werbung den Textfluss unterbricht. Eine tolle Sache!

Das Internet leistet mir auch privat wichtige Dienste. Wenn ich in die Ferien fahren will, vergleiche ich im Netz die Preise. Ich könnte selbstverständlich auch ein Reisebüro anrufen und mich am Telefon beraten lassen. Doch dann bin ich dem Marketing der Büros ausgeliefert. Und es würde viel länger dauern. Deswegen buche ich meine Reisen online.

Ich bin eine begeisterte Nutzerin von Hörbüchern. Da ich erst spät in meinem Leben erblindet bin, beherrsche ich die Blindenschrift nicht gut genug, um ganze Bücher zu lesen. Zudem ist die Blindenbibliothek spezialisiert auf deutsche Bücher und kann Bestseller nicht immer sofort aufsprechen. Ich aber liebe Bestseller und möchte diese zur gleichen Zeit lesen wie meine sehenden Freundinnen und Freunde. Am liebsten nutze ich deshalb das Angebot von Anbietern wie Audible.com. Dort werden Bestseller mit nur geringer Verzögerung auch als Hörbuch angeboten. Gerade habe ich den Krimi «T is for Trespass» von Sue Grafton fertig gelesen. Auch «Das Schweigen der Lämmer» habe ich dort runtergeladen. Meistens sind die Bücher von Audible.com spannend gelesen, und vor allem - das ist mir sehr wichtig - erhält man sie in ungekürzter Fassung. Das ist im deutschen Sprachraum immer noch selten.

Wenn ich abends vom Büro nach Hause gehe, habe ich keine Lust mehr, mich in das Gewühl eines Einkaufszentrums zu stürzen. Die Auswahl in den Esswarenabteilungen ist unterdessen so gross, dass sie kaum mehr überschaubar ist. Ich bestelle meine Lebensmittel im Internet. So kann ich neue Produkte entdecken und ausprobieren, was mir bei einem normalen Einkauf nicht möglich ist. Ohne Netz wäre ich kaum auf den Geschmack meiner Lieblingsguetsli gekommen: Petit Beurre light.

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