Schweizer Musikerinnen - First Ladies of Pop

Text: Albert Kuhn
Fotos: Herbert Zimmermann, Kathrin Mayr, Niklaus Spoerri, Paola Caputo, Germinal Roaux, Mischa Scherrer

Don’t worry: Heidi Happy
Mundart at its best: Anna & Stoffner
Klingt wie Louisiana, kommt aus Zürich: Nadja Zela
Stimmgewaltige Klagelieder: Sabina Leone
Achtung, fertig, Evelinn Trouble ist los!
Radikaler Folk: Anna Aaron
Elfengesang: Fiona Daniel
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Don’t worry: Heidi Happy

Mundart at its best: Anna & Stoffner

Klingt wie Louisiana, kommt aus Zürich: Nadja Zela

Stimmgewaltige Klagelieder: Sabina Leone

Achtung, fertig, Evelinn Trouble ist los!

Radikaler Folk: Anna Aaron

Elfengesang: Fiona Daniel

Schweizer Pop ist nicht länger Männersache. Und das haben wir nicht nur Sophie Hunger zu verdanken. Wir stellen die Bandleaderinnen der Stunde vor.

Schweizer Pop ist nicht länger Männersache. Und das haben wir nicht nur Sophie Hunger zu verdanken.

Wunderbares spielte sich in den letzten Jahren ab. In der Schweiz begann nämlich die Ära der Bandleaderinnen. Die Darstellerinnen und ihre Rollen sind: Erstens natürlich Sophie Hunger, eine der grössten des Landes, die Bühnen Europas erobernd und Bob Dylan zuzwinkernd. Dann aber auch die, um die es hier gehen soll: Heidi Happy, die Trösterin der Nation. Anna & Stoffner, ein linguistisches Punkerpaar. Sabina Leone, die mediterrane Operndiva. Nadja Zela als Hera, Hüterin des Feuers. Fiona Daniel, deren Stimme uns den Kopf verdreht. Evelinn Trouble, das euphorische Electro-Megafon. Anna Aaron, die Kassandra, die mit Monstern spielt. Hier sind sie, eine nach der andern.

Heidi Happy

Die vermeintliche Swissness von Priska Zemp alias Heidi Happy: Ihr Künstlername ist gleichzeitig Provokation und Prophylaxe. Hinter der Heiterkeit ist Melancholie zu spüren – das, was den Menschen fehlt, die Emmentalerlöcher jeder Existenz. Wenn Heidi Happy aber zu singen beginnt, fühlt es sich an, als kriege man einen weichen Schal um die Schultern gelegt. Dazu lächelt die Sängerin unschuldig, wie jemand, der mehr weiss. Die Musik dazu: grandios langsam, nie auftrumpfend. Die Stimme zurückgelehnt, die Zügel lose, als wollte sie Band und Stimme aus dem Ruder laufen lassen.
Heidi Happy: Hiding with the Wolves (Two Gentlemen)

Anna & Stoffner

Perplex machen uns Anna & Stoffner: linguistische Punks, unbeeindruckt, verquerer, trockener Humor, ein mutiges, kleines New-Wave-Revival. Mit Gitarre, Beatbox – und was für eine Stimme! Eckig und extrem konsonantenbetont: «Mir schaffed vill, trinked vill, rauched nümm, werdet schtill, chaufed vill, wänd so vill, gsähnd so vill und sind so voll, müend so vill …» Das Beste in Sachen Mundart 2011.
Anna & Stoffner: Neongrau (Irascible)

Sabina Leone

Vier Zürcherinnen erfanden Anfang der Neunzigerjahre eine explosive Mixtur von Rap und Rock und Teen-Queen-Power. Das Quartett nannte sich Wemean und spielte den coolsten und toughsten Sound vor der Jahrtausendwende. Die Auflösung von 1998 war ein Verlust – aber nicht ganz: Sabina und Patrizia Leone, Drummerin und Gitarristin, machten als Sorelle Leone weiter. Sabina liess sich zur Opernsängerin ausbilden – klassisch, streng, über fünf fensterscheibenzerschmetternde Oktaven. 2007 nahm sie 13 Lieder auf, unter dem Titel «Mancare»: Gefühle des Versäumens, des Vermissens, der Ohnmacht. Vorgetragen mit der Eleganz von Claudia Cardinale, dem Humor von Giulietta Masina und der Radikalität von Pier Paolo Pasolini. Mediterrane Klagelieder. Als hätte Sabina vorausgeahnt, was dem Mittelmeerraum bevorsteht.
Sabina Leone: Mancare ()

Nadja Zela

Herzlich und aus dem Vollen schöpfend klingt diese Familyband. Eher stellt man sie sich in Louisiana vor als in Zürich. Blues und Gospel, ein Banjo plinkert vor sich hin, die Bluesgitarre zerrt und kreischt, und das Drum klingt toll nach Abfallkübel. Aber der Boden ist trocken, die Ernte dahin, die Kinder haben Hunger und die Eltern Stress. Es bebt die Erde und mit ihr beben die Herzen. Gläubig singen sie aus voller Kehle: «Oooh – the Golden Years.»
Nadja Zela: Wrong Side of Town (Irascible)

Fiona Daniel

Ernst betritt die junge Fiona die Bühne. Die Stimme irrlichternd wie ein Schmetterling, die Musik ein summender Hintergrund. Häufig begleitet sie sich mit der Autoharp, einer Kleinharfe, bequem ans Herz zu drücken. Dann brechen Dämme ein, Ebenen werden geflutet, es erklingt das Katrina-Lied, der Anfang des Endes. Und alles in perfektem Amerikanisch.
Fiona Daniel: Drowning ()

Evelinn Trouble

Die ergreift die Offensive, spielt die Jeanne d’Arc der aktuellen Schlachthöfe, umgibt sich mit zischender Elektronik und Schweinegitarren. Wohl der modernste Sound aller Kolleginnen. Ganz stark die laut gemeinte, aber krass leise gesungene Stelle: «I’m on fire, never felt higher.» Evelinn Elvis Trouble schreit uns die Leviten – frech optimistisch, ultra-insistierend, sensationell.
Evelinn Trouble: Television Religion (Chop Records)

Anna Aaron

Diese Baslerin komponiert den radikalsten und subkutan erschreckendsten Folksound des deutschen Sprachraums. Sie ist in England, Asien, Neuseeland und Basel aufgewachsen. Hat Anna Aaron tief in die Augen der Menschheit geschaut? Ist sie fürs Lebenerschrocken? In ihren Songs werden Freunde zu Gespenstern und Passanten zu Monstern. Ihre Klagen saugen uns das Blut aus den Adern. Dieses Album ruft nach Hilfe, nach Rache, nach Vergebung – vergeblich. Nur Minimomente von Kinderglauben erlaubt sich die Sängerin, dann taucht sie wieder ab ins Wachsfigurenkabinett der puren Verzweiflung: «And it’s not the horses / or the army / that kills me / it’s one lie / from your lips.»
Anna Aaron: Dogs in Spirit (Two Gentlemen)

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