Open Air Tipps

Ein Jahrzehnt Festivals: Die Packliste

Text: Larissa Hugentobler; Foto: João Jesus from Pexels

Reportagenpraktikantin Larissa Hugentobler startet in die Festivalsaison und verrät Ihnen, was ins Gepäck gehört – und was nicht.

Es ist wieder soweit: Tagelanger Musikgenuss, Freundschaftsbeweise, Tanzbattles, sorgenfreie Existenz; ich kann es kaum erwarten. Doch bevor es losgeht mit den Openairs muss noch der Rucksack gepackt werden. Über ein Jahrzehnt Festival-Erfahrung hat mich gelehrt, was es für ein Festival einzupacken gilt – und was nicht. Hier meine Packliste.

JA   Turnbeutel
Ja, dieses Gepäckstück ist mittlerweile zwar so sehr zur Hipster-Garderobe verkommen, dass man sich damit nicht mehr wirklich blicken lassen will. Doch in der Festivalwelt gelten andere Gesetze als im Alltag. Ich plädiere in diesem Lebensraum deshalb definitiv für den Turnbeutel. Man hat die Hände frei, es macht nichts, wenn er schmutzig wird – je nach Material ist er sogar wasserfest, und alles, was man den Tag über so braucht, passt rein: Wasserflasche, Taschentücher, Telefon, Sonnenbrille, Pelerine, eventuell ein Miniaturnécessaire. Wem das zu viel Gepäck ist, der schnallt sich ein Bauchtäschchen um. Vorteil: Stört nicht, und man hat die Wertsachen im Auge.

NEIN   Rucksack und Handtäschli
Egal wie hip die Modelle, wie hochwertig das Material, wie viel Platz im Innenraum. Rucksäcke sind immer im Weg, Handtaschen hüpfen beim Tanzen nur lästig auf und ab.

JA   Notfallnécessaire
Am Festival gilt, wirklich nur das Notwendigste einzupacken:

  • Handdesinfektionsmittel; selbstredend.
  • Vaseline im Kleinformat; als Lippenpomade, Augenbrauenbändiger, Schnittwunden-Versiegelung. Sonnencrème; mit Hautkrebs ist echt nicht zu spassen.
  • Da ich statt mit makelloser Haut mit Augenringen bis zu den Hüften und Wimpern in der Trendfarbe «unsichtbar» gesegnet bin, packe ich immer Concealer, Puder und wasserfeste Wimperntusche ein. Aber bloss nichts Kompliziertes, auch ich als Pinselfanatikerin greife an Festivals auf Schwämmchen oder Finger zurück.
  • Fast noch wichtiger als das Make-up sind für mich, wenn ich die Nacht auf dem Gelände verbringe, die Abschminktücher: Gibt es schön abgepackt, das Gesicht muss danach nicht einmal gewaschen werden und fühlt sich trotzdem sauber an. Auf keinen Fall vergessen, vor dem Komaschlaf noch kurz damit übers Gesicht zu wischen; man erwacht am Morgen (verhältnismässig) erfrischt, und es lässt sich so auch die neue Make-up-Schicht zur Schadenbegrenzung besser auftragen. Am besten im Zelt mit kleinem Handspiegel; sobald einem andere Frauen beim Schminken zuschauen, wollen sie immer auch. Und Schminkzeug zu teilen, ist für mich schon im Alltag ein bakterieller Albtraum.

NEIN   Lippenstift und Haaraccessoires
Alles, was öfter als zweimal täglich im Spiegel kontrolliert werden muss, gehört nicht an ein Openair. Hübsch? Ja gern. Kompliziert? Schon im Alltag nur ungern, hier erst recht nicht. Lippenstift sieht im Matsch nicht nur leicht fehl am Platz aus, er trocknet die Lippen auch noch aus: Das in Kombination mit viel Alkohol und wenig Schlaf endet unweigerlich im Beauty-Desaster. Haarspangen und Ähnliches, was beim Rumhüpfen verrutschen und sich beim Hinlegen ins Kleinhirn vorbohren kann, ist unbequem.

JA   Zöpflifrisur
Ich bin ganz allgemein ein Riesenfan von Flechtfrisuren. Hat man sie einige Dutzend Mal nebenbei beim Fernsehschauen geübt, sind sie im Nu gemacht. Sie machen etwas her und halten ewig. Die Haare aus dem Gesicht zu arbeiten, ist generell eine gute Idee für alle, die gern mal eine Runde tanzen, was an einem Festival im Idealfall für alle gilt. Und an einen hippieangehauchten Event wie ein Festival passen Zöpfe natürlich sowieso hervorragend.

NEIN   Glitzer-Tattoos
Egal wie hübsch sie glänzen, sie sind mittlerweile schon zur Festivaluniform verkommen, das will man sich nun wirklich nicht antun. Zudem hinterlassen sie – sollte die Sonne denn einmal scheinen – unschöne Abdrücke, die man den ganzen Sommer über nicht mehr wegbekommt. Ich weiss, wovon ich rede: Ich habe den Fehler mit einem Pferdekopf-Tattoo aus dem «Wendy-Heftchen» begangen. Das wurde ein langer, trauriger Sommer.

JA   Eine richtig gute Regenpelerine
Es lohnt sich, hier ein bisschen etwas zu investieren und sie jeweils wieder mit nachhause zu nehmen und zu waschen. Früher hatten wir jeweils das Gefühl, es sei cool, im klatschnassen Sommerkleid rumzuhüpfen. Heute finde ich Schnupfen aber nicht mehr so toll und verzichte darum auch dankend auf die «coolen» Pelerinen, die an Festivals gratis verteilt werden. Auch der Klassiker vom Milchstand hält nämlich so gar keinen Regen ab. Mein persönlicher Favorit ist von Athleticum (11.90 Franken im Shop, online leider nicht verfügbar). Die Pelerine ist komplett wasserabweisend, darunter bleibt man stundenlang trocken, und Taschen hat sie auch noch.

NEIN   Aus Prinzip Gummistiefel anziehen
Als Teenies fanden wir es jeweils megalässig, im totalen Abenteurer-Look am Open Air aufzutauchen. Schliesslich ist das Ganze ja schon eine Art Überlebensübung. Mittlerweile weiss ich aber, dass Gummistiefel aus Plastik bestehen, und das macht in der Hitze den Schuh zur Sauna und damit die Füsse schlüpfrig und stinkig.

JA   Wenns regnet, Gummistiefel anziehen
Unbedingt. Oder Wanderschuhe, solange einem das Wasser nicht bis zu den Knien steht. Denn nasse, kalte Füsse sind wirklich kein Spass und Festivalbesucher, die über nasse, kalte Füsse jammern, erst recht nicht.

NEIN   Ein altes, ausrangiertes Handy mitnehmen
Ja, die Grundidee ist nicht schlecht; das Smartphone bleibt zuhause, da sein Wert dem eines Kleinwagens nahekommt und die Zerstörungsgefahr einfach zu hoch ist. Weshalb wir die alten Handys ursprünglich ausrangiert hatten, merkten wir jedoch jeweils relativ schnell: Sobald nach 40 Minuten der Akku bereits alle war. Die neuen Handys laufen auch im Alltag Gefahr, Totalschaden zu erleiden. Ein Absturz auf den Festivalboden hat in den meisten Fällen gar weniger schlimme Konsequenzen, als wenn das Teil über den Granitboden im Grossstadtbüro schlittert. Ausserdem gibt es mittlerweile an Festivals Ladestationen für alle gängigen (neuen) Handys.

JA   Smartphone einpacken
Ein paar Fotos knipsen gehört dazu, solange man nicht Konzerte filmt und dabei geistig an seinem Bildschirm stecken bleibt. Ausserdem wird immer wieder der Moment kommen, in dem man wenigstens einen seiner Freunde erreichen will, weil auch bei der dritten Runde, die man allein ums Gelände dreht, irgendwie alle verschollen bleiben. Eine richtig robuste Handyhülle ist definitiv zu empfehlen, nur schon deshalb, weil man die auch mal kurz waschen kann.

NEIN   Massenhaft Proviant anschleppen
Früher haben wir jeweils kiloweise Lebensmittel eingekauft, um das Abenteuer Openair wohlgenährt zu überstehen. Dosenfleischkäse und Pumpernickel, alles, was irgendwie nach Abenteuer in der Wildnis klang, musste mit. Dazu ein paar frische Früchte, denn wir dachten, wir könnten unsere Kater mit genügend Vitaminen vorbeugen. Wie naiv wir doch waren. Ein Grossteil des Openair-Budgets war bereits vor Beginn des Events ausgegeben, wir schleppten uns halb zu Tode, und gegessen wurde gar nichts. Das hauptsächlich wegen der vielen Verpflegungsstände, die zu Festivals ebenso dazugehören wie Livemusik und Schlammschlachten.

JA   Sich dann kreuz und quer durch die Verpflegungsstände essen
Viele Festivals stellen online Geländepläne zu Verfügung, auf denen auch die Verpflegungsstände eingezeichnet sind. Es lohnt sich, da mal reinzuschauen, nicht dass man am letzten Tag erst bemerkt, dass der Dinnele-Stand nur seinen Platz gewechselt hat und nicht tragischerweise vom Erdboden verschluckt wurde.

JA   Wurfzelt, Pavillon, Campingstuhl
Ja, das gilt auch für Nicht-Zeltende. Ein Zeltplatz ist für mich das A und O eines gelungenen Festivalbesuchs, und das aus mehreren Gründen: Erstens kann man da allfälliges Gepäck abladen. Wie bereits besprochen sollte zwar kein Proviant mitgeschleppt werden, ein Jäckchen und ein Schal für den Abend sowie Regenpelerine müssen aber immer dabei sein; all das den ganzen Tag rumschleppen? Nein danke. Ausserdem ist man schon froh um den Platz, wenn man merkt, dass Sitzplätze an Festivals eine Rarität sind (und Liegeplätze erst recht). Wenn es regnet und der Boden als Sitzoption wegfällt, kann man dann locker mal 15 Stunden am Tag rumstehen; keine allzu verlockende Aussicht. Deshalb kehre ich immer gern – mehrmals täglich – an unseren Zeltplatz zurück, um mich auszuruhen. Im Regen kann man sich da trocken warten, in glühender Hitze spendet der Pavillon Schatten. Ausserdem trifft man hier nicht nur seine Gspänli wieder, die man mit hundertprozentiger Sicherheit mehrmals täglich verliert, man kann sich auch gleich noch mit den Nachbarn anfreunden. 

JA   Sich mit den Nachbarn anfreunden.
Ein durchaus wichtiger Punkt. Denn wer nicht will, dass ihm sein ganzes Hab und Gut sofort geklaut wird (sperrige Gegenstände wie Pavillons inklusive), der freundet sich mit seinen Nachbarn an. Nur dann helfen sie, Raubüberfälle zu verhindern, anstatt ruhig zuzusehen oder – noch besser – direkt selbst mit Hand anzulegen. Last, but not least, und für mich an jedem Festival von neuem überraschend: Hier hat es überall Menschen. Und so gern mag ich Menschen in der Masse dann doch nicht. Als Fluchtort eignet sich der Zeltplatz ausgezeichnet. Sich 15 Minuten im Zelt einschliessen, alle anderen ignorieren und dann frisch gestärkt wieder die Welt in Angriff nehmen. Auch praktisch für diejenigen Mädels, die den Concealer noch um eine Schicht aufstocken möchten. Nächte durchmachen? Aber klar doch. Sich das ansehen lassen? Auch am Festival lieber nicht.

Larissa Hugentobler

Die Reportagen-Praktikantin interessiert sich für alle Aspekte des Mensch-Seins und vor allem für eins; was uns vereint. In ihrer Freizeit lässt sie sich sowohl von Geschichten aus dem amerikanischem Rap als auch der englischen Poesie aus dem 18. Jahrhundert inspirieren.

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