Bei Unternehmerin Katrin Lange

«Ich wollte nie einfach nur Kinder hüten»

Redaktion: Viviane Stadelmann; Foto: Länggass-Tee

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Das Geschäft an der Länggassstrasse 47 in Bern gibt es seit 1983 

Katrin Lange beim Teepflücken auf dem Monte Verità

Abwarten und Tee trinken? Bei Katrin Lange heisst es vielmehr anpacken (und trotzdem Tee trinken). Zusammen mit ihrem Mann hat sie ihre Leidenschaft für das Aufgussgetränk zum florierenden Familiengeschäft gemacht. Wir haben mit der Unternehmerin über die Arbeit hinter ihrem Erfolg gesprochen.

gamevuinhon: Katrin Lange, in der Schweiz ist die Ovomaltine-Kultur wahrscheinlich ausgeprägter als die Teekultur. Graust es Sie, wenn Sie in den Skiferien Leute sehen, die ihren Supermarkt-Teebeutel in eine Tasse schmeissen?
Katrin Lange: Das graust mich überhaupt nicht. Wenn ich in einem Bergrestaurant bin und einen Standard-Tee trinke, finde ich es zwar nicht das höchste der Gefühle, aber noch recht okay. Mich stört aber, wenn ich in einem guten Restaurant oder Hotel 100 Franken für ein Menü zahle, und dann bekommt man einen Tee mit einem gelben Etikett.

Woher kommt Ihre Leidenschaft zum Tee?
Meine Familie hatte immer viel Wert auf gute Produkte gelegt. Wir kauften selber stets guten Käse, guten Wein und natürlich guten Tee. Das habe ich mitgenommen. Zudem waren meine Grosseltern in der Hotellerie tätig, deshalb war mir auch der Umgang mit Lebensmittel in die Wiege gelegt worden.

Warum wollten Sie gerade Tee zu Ihrem Beruf machen?
Ursprünglich bin ich ausgebildete Ergotherapeutin. Durch meine Familie, die im Unternehmertum tätig war, hatte ich stets einen ausgeprägten Geschäftssinn. Mein Mann ist Hamburger und fuhr früher zur See. Als wir uns fanden, wollten wir zusammen etwas Eigenes aufziehen. Der Tee war schliesslich die Schnittstelle, die uns verband und auf die wir uns einigen konnten.

Sie gründeten Ihr Geschäft im Jahr 1983, im selben Laden sind Sie heute noch. Gab es damals schon Teeläden in Bern?
Nein, es gab kaum Konkurrenz. Wenige tranken überhaupt qualitativ hochwertigen Tee hierzulande. Das war ein Vorteil und ein Nachteil. Zugute kam uns, dass wir mit unserem Wissen über Tee rasch ein einzigartiges Geschäft aufbauen konnten, das es so noch nicht gab. Ein Nachteil war wiederum eine sehr lange Durststrecke von beinah fünf Jahren, als wir noch ganz am Anfang standen.

Eine lange Durststrecke.
Ja, das Quartier war damals ausgestorben und industriell orientiert. Es gab weder Läden noch Beizen – dafür war aber die Miete günstig. Wir wussten bereits, als wir das Haus in der Länggasse mieteten, dass fünf Jahre später die Universität hierhin kommen würde. Aber diese fünf Jahre waren hart.

Standen Sie bereits einmal kurz vor dem Aus?
Ständig. Dazu kam, dass wir bereits Kinder hatten, als wir das Geschäft eröffneten. Unser ganzes Erspartes floss in den ersten Einkauf. Danach hatten wir kein Geld mehr, es musste einfach funktionieren. Das hat es am Ende auch – mit einer Siebentagewoche und dem Verzicht auf Ferien.

Woher kommt Ihre Risikofreude? Alles auf eine Karte zu setzen – mit Kindern.
Das frage ich mich manchmal auch. Einerseits half uns wahrscheinlich der Leichtsinn der Jugend – wir waren beide noch recht jung, als wir diesen Schritt wagten. Dann die unglaubliche Leidenschaft meines Mannes für Tee und meine Erfahrungen aus der Unternehmerfamilie, die mich gelehrt hat, was ein eigenes Geschäft zu haben bedeutet. Das hat sich gut ergänzt.

Mittlerweile sind Sie zu einem Familienunternehmen herangewachsen.
Ja, auch unsere Kinder sind in das Unternehmen hineingewachsen. Wir haben bei uns zuhause Tee gemischt und abgepackt, und wir bekamen viel Besuch aus dem Ausland, das fanden sie spannend. Wir haben viel – wenn nicht sogar zu viel – übers Geschäft geredet.

Weshalb zu viel?
Ich frage mich manchmal schon: Über was spreche ich eigentlich mit meinem Mann – wenn nicht übers Geschäft? Oder die Kinder? Wir haben keine weitere Welt daneben aufgebaut, haben unser Hobby bereits zum Beruf gemacht. Für etwas anderes gab es keinen Platz.

Geht Ihnen die enge Zusammenarbeit innerhalb der Familie manchmal auf die Nerven?
Ich schätze es ungemein, meiner Familie so nah zu sein. Aber es braucht auch sehr viel Verständnis, Bewusstsein und Vertrauen einander gegenüber. Und natürlich gibt es auch mal Reibereien – wir sind eine laute Familie und pflegen seit jeher die Diskussionskultur am Familientisch.

Woher beziehen Sie Ihren Tee?
Den ersten Tee haben wir über den Grosshandel in Hamburg eingekauft, sind aber schnell an Grenzen gestossen. Wir konnten mit unseren Fragen nirgendwo hin und wollten tiefer in die Materie eintauchen. Deshalb reisten wir selbst nach Asien – nach China, Japan, Taiwan und Korea.

Das heisst: Einfach ab nach Asien?
Ich nicht, aber mein Mann. Er hat zu Fuss alte Tee-Gegenden erkundet und ist bei den Bauern eingekehrt. Er hat sich mit Händen und Füssen verständigt. Lang haben wir einen sehr speziellen Tee bezogen, den wir tatsächlich nur über Zeichensprache einkaufen konnten.

Mittlerweile reist nicht nur Ihr Mann zu den Produzenten, sondern auch Ihr Sohn. Wie erleben die beiden die Arbeitsbedingungen vor Ort? Gerade Teeanbau steht ja immer wieder stark in der Kritik, weil besonders Frauen auf Plantagen ausgenutzt werden.
In Indien und Sri Lanka gibt es die industriell angebauten Tees. Dort ist die Teepflückerin mit Sicherheit bloss eine Art auswechselbare Ware. In China hatten wir von Anfang an den direkten Kontakt zu kleinen Familienbetrieben, in denen Vater, Mutter und Sohn ganz selbstverständlich miteinander arbeiten. Das kann man mit einer Schweizer Bauernfamilie vergleichen, bei der auch der Sohn mit 14 schon den Traktor fährt. Mittlerweile pflegen wir sehr enge Beziehungen zu diesen Kleinbetrieben. Das sind Fachkräfte, von denen wir viel lernen konnten. 

Werden Sie von Ihren Kunden nach Bio- oder Fairtrade-Zertifikaten gefragt?
Ja, das werden wir hin und wieder. Es ist eine Hassliebe: Eigentlich mögen wir das Thema nicht so gern, weil es sehr komplex zu erklären ist. Andererseits mögen wir das Thema wiederum sehr, weil es einen Schritt zum richtigen Verständnis ermöglicht. Aber die Diskussion gestaltet sich schwierig, wenn die Leute keine Zeit oder Lust haben zuzuhören.

Was erzählen Sie denen, die zuhören?
Unser Tee stammt häufig nicht aus Monokulturen, sondern wächst neben Obstbäumen und wild im Dschungel. Wenn man selber gesehen hat, wie der Tee von über 100-jährigen Pflanzen im Dschungel gepflückt wird, dann wirkt diese Biofrage fast absurd. Denn natürlich hat dieser Tee kein Label oder Zertifikat, aber wir wissen genau, woher der kommt, wie die Familie ihn erntet und verarbeitet. Fairtrade heisst beispielsweise auch, eine Abnahmegarantie zu geben. Wir kaufen Jahresernten. Wir bestimmen die Menge und hoffen darauf, dass wir ihn verkaufen können. Manchmal verkaufen wir ihn dann auch viel besser, als wir dachten. Gerade war eine Neuheit aus Japan nach einer Woche ausverkauft.

Wer kauft bei Ihnen Tee?
Viele unserer Kunden sind Connaisseure. Immer häufiger sind das junge Leute, die gern spezielles Bier mögen, guten Kaffee und dann auch einen aussergewöhnlichen Tee geniessen. Dann gibt es die absoluten Teeliebhaber und -kenner. Sie können hier Tee kaufen, der kostet 1000 Franken pro 100 Gramm.

Welcher Tee kostet 1000 Franken pro 100 Gramm?
Das ist unterschiedlich. Ein solches Produkt verkaufen wir auch nicht über die Ladentheke. Dafür gibt es den Raritäten-Raum.

Wie muss man sich den vorstellen?
Ähnlich wie beim Juwelier. Ein Hinterzimmer, in dem man zusammensitzt, Tee probiert und dem Kunden ein solches Produkt ausgiebig vorstellt. Das kann bis zu zwei Stunden dauern.

Was macht diesen Tee so teuer?
Tee ist grundsätzlich ein veredeltes Produkt. Kräuter lassen sich direkt aufgiessen, ein Teeblatt hingegen muss bearbeitet werden, damit es geniessbar ist. Um zum Beispiel Schwarztee herzustellen braucht es sehr viele, um die 200 verschiedene Schritte. Dieser Verarbeitungsprozess kann von Hand mit viel Kenntniss und grösster Aufmerksamkeit gemacht werden oder eben eher auf vereinfachte, unsorgfältigere Art. Ausserdem beziehen wir Tees, die es im normalen Handel gar nicht mehr gibt. Auch beim Tee gibt es Modeerscheinungen. Wir haben beispielsweise eine Sorte, die früher anders verarbeitet wurde. Da wir dieses alte Verfahren bevorzugen, erhalten wir ihn dank guter Beziehungen so, wie wir ihn haben wollen.

Haben Sie einen Lieblingstee?
Pu-Erh – ein fermentierter chinesischer Tee.

Wie geht es weiter mit Ihrem Tee-Unternehmen?
Es passiert viel. Wir sind an der Übergabe des Betriebs an der Länggasse an unsere Kinder. Ich glaube, es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Eltern den Jungen irgendwann das Feld überlassen sollten. Wir haben grad das Casa del Tè auf dem Monte Verità gekauft, dazu gehört noch eine kleine Teeplantage und der Teeladen in Ascona. Aufs Alter hin merke ich, dass mich wieder die Lust packt, total zu reduzieren und den Kunden einfach einen guten Tee zu machen. Das kann man auf dem Monte Verità perfekt. Klar, ich liebe es, Grossmutter zu sein – aber ich wollte nie einfach mein Leben damit verbringen, Kinder zu hüten. Selbstständig als Frau arbeiten zu können und eine Familie zu haben, gehört für mich beides zum Leben dazu.

Viviane Stadelmann

Die stellvertretende Online-Leiterin liebt die grenzenlosen Möglichkeiten der digitalen Welt. Sie schreibt besonders gern über Mode, Literatur und Kunst und schwärmt für Schwarzweissfotografie aus vergangenen Zeiten.

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