Schweizer Macherinnen

«Ja, ich geniesse den Erfolg sehr»

Text und Video: Jessica Prinz; Foto: Vera Hartmann

Die 93-jährige Walliserin gehört weltweit zu den einflussreichsten Fotografinnen unserer Zeit. An ihrem Talent hat sie aber lange gezweifelt.

gamevuinhon: Wie haben Sie Ihre Karriere begonnen?
Sabine Weiss: Nach meiner Ausbildung zur Fotografin in Genf ging ich nach Paris. Dort fing ich bald an, selbstständig zu arbeiten. Ich ging beispielsweise zu einem Metzger und sagte: Ich mache dir ein Foto von deinem Schaufenster, dafür gibst du mir ein Steak. Und schon hatte ich Arbeit.

Was kauften Sie sich von Ihrem ersten Lohn, den Sie in Scheinen und nicht als Steak erhielten?
Ich kann mich nicht daran erinnern, was ich mir von meinem ersten Lohn gekauft habe. Aber an etwas Besonderes, das ich mir mit meinem Geld gönnte: Ich liess mir Hosen schneidern. Damals, 1947 ungefähr, war es nicht normal, dass Frauen Hosen trugen. Ich konnte sie dementsprechend nicht einfach kaufen, eine Schneiderin musste sie extra für mich anfertigen.

War es schwierig für Sie, als Frau in einer Männerdomäne zu arbeiten?
Nein, das war nie ein Problem. Ich machte meinen Job immer, ohne darüber nachzudenken, ob ich eine Frau oder ein Mann bin. Den Männern der Branche gefiel, was ich tat. Vielleicht wurde ich auch deswegen nicht infrage gestellt.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie Talent haben?
Ich habe heute noch Mühe, zu sagen, dass ich Talent habe – und das mit 93 Jahren und all meinen Ausstellungen und Auszeichnungen. Mir gefiel meine Arbeit, auch ganz ohne Aufmerksamkeit. Ich machte Bilder, entwickelte sie, stellte Abzüge her und steckte sie dann in Kisten. Andere erkannten mein Talent viel früher als ich. Viele wollten meine Bilder ausstellen, besonders in den USA.

Und Sie hatten trotzdem Zweifel an Ihrem Talent?
Mir war einfach nicht bewusst, dass ich Talent habe. Ich tat nur meine Arbeit. Heute liebe ich viele meiner Bilder. Vielleicht beginne ich erst jetzt, daran zu glauben, dass ich wirklich Talent habe.

Und Sie fangen an, den Erfolg zu geniessen.
Ja, sehr! Ich habe dabei ja nichts anderes zu tun als Komplimente einzusammeln. (lacht)

Wie definieren Sie Erfolg?
Erfolg ist, was mich glücklich macht. Ich habe mich nie angestrengt, beruflich erfolgreich zu sein. Umso schöner ist es, dass ich es trotzdem war. Ich war einfach sehr glücklich in meinem Leben und mit meinem Ehemann. Uns verband eine besondere Liebe, auch das ist für mich ein Erfolg.

Was ist das Schönste daran, 93 Jahre alt zu sein?
Dass ich faul sein darf. (lacht) Ich hab mein Leben lang gearbeitet, ich habe meine Arbeit geliebt. Zum Faulsein hatte ich nie die Möglichkeit.

Sabine Weiss (93) ist im Walliser Dorf Saint-Gingolph geboren. Sie arbeitete in Genf, den USA und Paris, wo sie bis heute lebt. Weiss arbeitete für Magazine wie «Vogue», «Time» oder «Paris Match», ab 1950 wurde sie von der Agentur Rapho, der führenden französischen Presseagentur, vertreten. 2018 wurde sie mit dem Lebenswerkpreis der Swiss Photo Academy ausgezeichnet.

Jessica Prinz ,
Reportagen-Praktikantin

Die Reportagen-Praktikantin mag allerlei Menschen und erzählt gern deren Geschichten – am liebsten multimedial. Sie plädiert für weniger Scheuklappengefühl beim Spaziergang durch die Welt und reist besonders gern nach Osteuropa.

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