Ein Luxushotel macht Schönheitsschlaf

Im Sturm vor der Ruhe

Redaktion: Frank Heer; Fotos: Joan Minder

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Ist der letzte Gast abgereist, wird es ungemütlich im Palasthotel. Hunderte von Teppichen werden zusammengerollt …

... Staubsauger eingesteckt ...

… Tücher entfaltet, um Gemälde und wertvolle Polster abzudecken ...

… die Tische im prächtigen Speisesaal weggerollt (im Bild: Ivano Mazzoleni, Head Waiter) …

… und im Möbellager hinter der Cheminée-Attrappe verstaut

Die acht Kronleuchter im Speisesaal werden heruntergelassen, um die Kristalle und Glühbirnen zu polieren

Danach werden sie mit Leintüchern gegen den Staub verhüllt und gleichen den Kunstwerken des Verpackungskünstlers Christo

Der erste Tag der Zwischensaison ist besonders hektisch, danach leert sich das riesige Haus mit seinen 200 Zimmern, den prächtigen Salons, mehreren Küchen, Restaurants, Bars, Werkstätten und Büros allmählich. Ein Grossteil des Personals reist nach einer Woche ab in die Ferien oder geht bis zur Wiedereröffnung am 23.Juni einer anderen Arbeit nach.

Federica Modena, Senior Receptionist, gönnt sich eine kurze Verschnaufpause

Barman Salvatore Lentini freut sich schon auf die Ferien und lockert die Fliege …

… und Salvatore Di Maio, Stellvertretender Restaurantleiter in der Grand Hall, posiert vor dem Panoramafenster für unseren Fotografen. Die Grand Hall ist so etwas wie der rote Teppich im Palasthotel: Sehen und gesehen werden! Di Maio kennt die angestammten Sitzgewohnheiten seiner langjährigen Gäste und hält mittels akrobatischer Diplomatie ihre Lieblingsplätze frei.

Das Wahrzeichen des Berufsstandes der Concièrges sind die sich kreuzenden goldenen Schlüssel: Im «Palace» sind es 22. Der Concièrge ist das Verbindungsglied zwischen dem Gast und dem Hotel. Er ist darauf spezialisiert, seinen Gästen jeden Wunsch von den Augen abzulesen – und sei er noch so verwegen.

In der Lingerie im Sousol werden nicht nur tonnenweise Lein- und Frotteetücher, sondern auch die Uniformen und die Arbeitskleidung des Personals gewaschen und geglättet. Bei der Arbeit: Sandra Zucchi, Lingerie-Gouvernante.

In den Etagen wacht Tiziana Tessaro, Executive Housekeeper (früher: Gouvernante oder Hausdame) über ihr Reich von mehr als 200 Zimmern und Suiten. Ihr wichtigstes Arbeitsgerät: das Telefon. Und ein geschärfter Blick für jedes Detail.

Sidney Zwicker, Floor Supervisor, ist erst 23 und hat bereits eine steile Hotelkarriere hinter sich. «Ich habe mich vom WC-Putzer hinaufgearbeitet.» Heute ist er verantwortlich für die Zimmer und Gänge und die rechte Hand der Gouvernante. «Ja, man braucht in meinem Beruf eine leicht pingelige Ader…»

Sein Reich ist die Küche: Executive-Sous-Chef Valmiro Pasini sind 55 Mitarbeiter unterstellt, die für das kulinarische Wohl der Gäste sorgen. Allein in der Patisserie sind zwölf Mitarbeiter beschäftigt. Valmiro Pasini arbeitet seit 43 Jahren im «Palace». Er sagt: «Wer die raue Hektik in einer Grossküche nicht liebt, ist am falschen Ort.» Pro Saison werden hier rund 6 Tonnen Rahm, 2.5 Tonnen Schokolade, 170 Kilo Foie gras, 35 Kilo schwarzer Trüffel, 12 Kilo weisser Trüffel verarbeitet

Innerhalb eines Tages wird der gesamte Küchenbereich gereinigt, auf Hochglanz poliert ...

… und mit Cellophan-Folie eingepackt. Danach sehen Küche und Patisserie aus wie ein Tatort nach der Spurensicherung.

Auch Köche haben Hunger: Mittagspause des Küchenpersonals

Seit zehn Jahren kümmert sich die Historikerin Evelyne Lüthi-Graf um eine professionelle Erfassung und Archivierung der zahllosen Hotelschätze, die sich über ein Jahrhundert lang angesammelt haben und teils über Jahrzehnte unbeachtet blieben. Sie ist eine der wenigen Personen, die sich während der Zwischensaison im Hotel «Palace» aufhalten. Sie sagt: «Ich kenne kein anderes Hotel, das so legendär ist und so viele Schätze birgt.»

Das «Palace» ist so riesig, dass es noch immer Schränke und Türen gibt, die seit Jahrzehnten nicht mehr geöffnet wurden. Zu den von Archivarin Evelyne Lüthi-Graf geborgenen Schätzen gehören u.a. die Fotoalben der bekannten Alpinistin Elizabeth Main (1861-1934) oder die Büchersammlung von Hotelpionier Johannes Badrutt, dessen Sohn Caspar 1896 das «Palace» am heutigen Standort eröffnete.

gamevuinhon-Reporter Frank Heer bei der Recherche in der Hitchcock Suite. Seinen Bericht können Sie in unserer Printausgabe (Heft 4/18) nachlesen.

Auch ein Hotel macht mal Pause. Was passiert, bevor sich das «Badrutt's Palace Hotel» schlafen legt.

Zwischensaison – so nennt sich die Zeit im Frühjahr und im Herbst, wenn viele Berghotels geschlossen sind. Auch das berühmte «Badrutt’s Palace Hotel» in St. Moritz macht dann Pause. Im April vor einem Jahr, als der letzte Gast das Haus verlassen hatte, besuchten unsere Reporter Joan Minder (Fotos) und Frank Heer (Text) das «Palace» über mehrere Tage. Die fast 600 Angestellten, die sich während der Wintersaison um die rund 300 Gäste kümmern, bereiteten das Haus für die grosse Pause vor. Fauteuils und Stühlen wurden Tücher übergeworfen. Bilder abgedeckt und Kacheln geschrubbt. Tische weggerollt und Wagen voller Wäsche durch die langen Korridore gerollt. Für gamevuinhon-Online hat Joan Minder mit seiner Kamera die Momente dieser hektischen Tage zu Beginn der Zwischensaison eingefangen. Nach einer Woche zog die Stille ins Haus. Wie es ist, durch die menschenleeren Gänge und Hallen des legendären St. Moritzer Palasthotels zu streifen, davon erzählt die Geschichte von Frank Heer, nachzulesen exklusiv in unserer Printausgabe (Heft 4/18).

Psst, Schönheitsschlaf!

Das «Badrutt’s Palace Hotel» in St. Moritz befindet sich noch bis zum 22. Juni im Dornröschenschlaf. Danach eröffnet das geschichtsträchtige Haus die Sommersaison 2018.

Weitere Infos finden Sie

Frank Heer

Der Kultur-Redaktor und Reporter schätzt an seinem Job vor allem die Lizenz zum Fragen, weil er überzeugt ist, dass jeder Mensch eine gute Geschichte zu erzählen hat.

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