Das Kompliment

Liebe Alexandria Ocasio-Cortez

Text: Viviane Stadelmann; Foto: GettyImages

Alexandria Ocasio Cortez

Ihre Gegner freuten sich anfang Woche wohl noch schelmisch, als sie ein altes Video von Ihnen ausgruben, in dem man Sie als 20-jährige Collegeabsolventin wild herumtanzen sieht. Und was taten Sie? Sie konterten mal eben mit einem neuen Tanzvideo auf den Social Media – und zwar vor dem Hintergrund Ihres neuen Büros im Kongress. Dazu schrieben Sie: «I hear the GOP thinks women dancing are scandalous. Wait till they found out Congresswomen can dance too!» Das war der Moment, liebe Alexandria Ocasio-Cortez, als ich mich ein wenig in Sie verschossen habe. So erfrischend selbstironisch war amerikanische Politik seit Obamas Out nicht mehr.

Seit Sie sich gegen Joseph Crowley in einem beeindruckenden Aufholrennen Ihren Sitz als jüngste Kongressabgeordnete für den 14. New Yorker Bezirk gesichert haben, sind Sie die derzeit bekannteste Politikerin der USA. Sie ziehen von Talkshow zu Talkshow, halten Rede um Rede. Kritische Stimmen nennen Sie deshalb einen politischen Popstar. Aber Sie sind viel mehr als das. 

Geboren sind Sie in der Bronx, dem multikulturellsten Stadbezirk New Yorks. Sie erarbeiteten sich erfolgreich einen Collegeabschluss in Boston – und kehrten dann zurück zu Ihrer Mutter, um sie als Kellnerin mit Ihrem Salär finanziell zu unterstützen. Sie sind eine wirkliche Self-Made-Woman – und gerade deswegen für Ihre Wähler so authentisch. Denn während andere es sich auf ihren Bürostühlen bequem machen, reisen Sie nach Texas und protestieren mit anderen Aktivisten gegen das Child Deportation Center. Sie bezeichnen sich selbst als radikal, als Ideologin und Optimistin und sorgen mit sehr progressiven Vorschlägen für Aufsehen. Sie sind die erste Kongressabgeordete, die einen öffentlichen Schwur geleistet hat, keine Spenden von Privatunternehmen anzunehmen, um unabhängig zu bleiben. Sie plädieren für einen neuen Green Deal und für 70 Prozent Steuern auf die Superreichen, um gegen den Klimawandel anzukämpfen. Naiv und unverantwortlich plärren ihre Gegner. Innovativ und mutig, meine ich. Auch Paul Krugman, Nobelpreisträger für Ökonomie, findet diesen Vorschlag alles andere als verrückt. Ihr Tatendrang bewegt nicht nur mich. Sie sind ein Vorbild, um den Problemen dieser Welt mit neuem Mut gegenüberzutreten.

Sie sind bewundernswert tough und wissen vor allem einen Vorteil den versteinerten Politsaurier gegenüber geschickt auszunutzen: nämlich Ihr Wissen in Sachen durch Social Media. Sie haben verstanden, dass die zukünftigen Wähler, die das Land einmal bewegen werden, Digital Natives sind. Wir leben in einer Welt, in der durch Hypes in den sozialen Netzwerken enorme Kraft geschöpft werden kann. Youtube-Stars schaffen es, sich quasi über Nacht ein Millionenbusiness aufzubauen – und dieses erfolgreich weiterzuführen. Warum sollten Sie es sich nicht zunutze machen, den aktuellen Zeitgeist für einen sinnvollen Zweck – dem Vorantreiben Ihrer politischen Karriere – zu nutzen? Von diesen Mechanismen in Bedrängnis fühlen sich, sind wir ehrlich, nur die, die in der digitalen Welt den Anschluss verpasst haben.

Liest man die Kommentare unter Ihren Instagram-Videos, so nehmen viele Ihrer Zuschauer den Einblick in den Kongress als vertrauensstiftend wahr. Indem Sie öffentlich machen, was normalerweise hinter geschlossenen Türen geschieht, scheinen die Bürger nicht nur mehr Vertrauen in Sie zu fassen, sondern auch in die Politik. Sie geben den Leuten den Glauben zurück, mit ihrer Stimme etwas in ihrem Land bewegen zu können. Die Demokraten in den USA sind sehr vielschichtig und vereinen sich vor allem im Kampf gegen die aktuelle Regierung. Da braucht es eine junge Frau wie Sie, die sich so unerschrocken gegen den Rassismus und die Diskriminierung der Trumpschen Regierung stellt. «Ich denke nicht, dass Trump weiss, wie er mit einem Mädchen aus der Bronx umgehen kann!», sagten sie kürzlich in der «Late-Show».

Einige zweifeln, ob Sie dem Hype um Ihre Person in Ihrem Amt gerecht werden können. Trumpianer bombardieren Sie mit Hasskommentaren und trauen Ihnen nichts zu. Sie aber haben den Spiess umgedreht und diese mediale Aufmerksamkeit der Rechten für sich gewonnen. Und ich bin überzeugt: Wer in einem Sturm auf hoher See weiss, die Scheinwerfer auf sich zu richten, anstatt unterzugehen, der besteht auch, sobald die medialen Wellen abgeflacht sind.

Herzlich, 

Viviane Stadelmann

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