Das Kompliment

Liebe Stormy Daniels

Text: Stephanie Hess; Foto: Getty Images 

Als Erstes stosse ich auf eine Site mit dem Namen «Stormy Daniels Anal Videos – xxx Ass Fuck Galleries». Vom Geschäftscomputer aus ist sie «nicht erreichbar». Auf meinem Handy schon, und ich tauche ein in eine Welt aus silbern schimmernden Anzügen, haarfreier Haut und einem folgsamen, biegsamen, blonden Wesen mit Riesenbrüsten – Sie. Ich muss schlucken. Sie tun es zeitgleich auf dem Bildschirm, eine Riesenladung Sperma landet in Ihren Haaren, in Ihrem Gesicht, in Ihrem offenen Mund.

«Blick», die Schweizer Instanz für News aus der Pornobranche, informiert: «Porno-Darstellerin Stormy Daniels ist kein laues Lüftchen. Über 100 Pornos hat die Sexbombe gedreht.» Hunderte Pornos, die das älteste Klischee der devoten Frau bestätigen, die keine weiteren sexuellen Wünsche hat, als jenen ihres Mannes nachzukommen. Ich schalte ab und atme durch. Stormy, Sie stehen für ein Frauenbild, dessen Fortschreibung ich als grundfalsch erachte.

Dann beginne ich zu lesen. Seit Januar dieses Jahres, als Sie öffentlich machten, dass Ihnen Trumps Anwalt 130 000 Dollar für Ihr Schweigen über Ihr Sexerlebnis mit ihm gab, sind zahlreiche Artikel über Sie erschienen. Sie waren 17, als Sie mit dem Strippen begonnen haben. Sie hiessen damals noch Stephanie Clifford, lebten im US-Südstaat Louisiana bei Ihrer Mutter, die Sie allein erzog. Geld sei wenig da gewesen. Einige Jahre später wechselten Sie in die Pornobranche – ein brutales Geschäft, an dem viele zerbrechen. Sie nicht. Sie kämpften sich bis an die Spitze, sind heute die bekannteste Pornodarstellerin der USA. Dass Sie mit Vehemenz einfordern, was Sie wollen, weiss Ihr Ex-Mann. Sie schlugen ihn ins Gesicht, weil er die Wäsche nicht richtig gemacht haben soll, und landeten dafür auf der Polizeistation. Das zumindest schreibt der «Blick».

Und heute packen Sie den Mann an den Eiern, der von sich sagt, dass er allen Frauen zwischen die Beine greifen kann. Sie reden über den Geschlechtsverkehr im Golfclub, den Sie mit ihm hatten, als er bereits mit seiner heutigen Frau verheiratet war. Als er Sie in einer Pyjamahose auf dem Sofa in einer Hotelsuite erwartete. Als er Ihnen ein Heft mit seinem Konterfei auf dem Titel präsentierte, später dann sein Gemächt. Sie sagen, Sie könnten es bis heute detailliert beschreiben. Sie scheinen auch Humor zu haben – oder mit lustigen Marketingleuten zusammenzuarbeiten –, ich jedenfalls musste kichern, als ich den Titel Ihrer aktuellen Stripclub-Tournee las: «Make America Horny Again.»

Stormy, ich brauchte ein bisschen Zeit, bis ich es erkannte. Aber Sie sind das Gegenteil eines Wesens, das sich allen fügt. Das zeigen Sie in Ihrem Kampf gegen einen der mächtigsten Männer der Welt.

Aus welchen Gründen Sie diesen Weg in der Öffentlichkeit, in den Talkshows und mit Exklusiv-Interviews gehen, das können wir nicht wissen. Vielleicht wegen des Gelds, wegen des Ruhms. Vielleicht aus Rache an all den Männern, für deren optische Befriedigung Sie jahrzehntelang sorgen mussten. Aber ich bin überzeugt, Sie tun es auch deshalb, weil Sie sich nicht klein machen lassen wollen. Weil Sie nicht alles schlucken.

Ich drücke Ihnen die Daumen, dass Sie zu Ihrem Recht kommen. Wenn Sie dabei auch noch den US-Präsidenten stürzen, dann – das gelobe ich hiermit – kaufe ich jeden einzelnen Ihrer Pornos. Ich wünsche Ihnen viel Ausdauer und alles Gute.

Ihre

Stephanie Hess

Stephanie Hess

Die Redaktorin im Ressort Reportagen interessiert sich für die kleinen Leute und die leisen Abenteuer des Alltags. In ihrer Freizeit liest sie – gern auch Fantasy-Bücher für Kinder.

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