Swiss Music Awards

Musikerinnen als Nebenschauplatz

Text: Kerstin Hasse

Swiss Music Awards Frauen
  • Eine Frau von wenigen auf der Bühne:

    Im letzten Jahr staubte Beatrice Egli den Swiss Music Award als Best Female Solo Act ab. 

Keinen einzigen weiblichen Liveact gab es letztes Jahr und darum viel Kritik. Jetzt wollen die Swiss Music Awards eine Genderdebatte in der Musikszene lancieren, aber nicht etwa an der Liveshow, sondern an einer Nebenveranstaltung. 

Veronica Fusaro. Den Namen wiederholt Oliver Rosa, Direktor der Swiss Music Awards (SMA), immer wieder. Denn Fusaro ist einer der ersten bestätigten Liveacts der diesjährigen SMA. «Wir haben dieses Jahr mit Veronica Fusaro eine sehr junge Frau engagiert, die am Anfang ihrer Karriere steht und talentiert ist», sagt Rosa. Deshalb habe man Fusaro diesen Slot während der Liveshow gern gegeben. Was nach einem Akt der Güte klingt, scheint eher der Versuch der Organisatoren zu sein, das Jahr 2017 in Vergessenheit geraten zu lassen. Während der Show gab es keinen einzigen weiblichen Liveact. Rosa gibt zu, dass die Auswahl damals ein Fehler war. «Ich ärgere mich, dass wir zu spät erkannt haben, dass ein Abend ohne Auftritt einer Frau einfach zu wenig ist. Da hätte man vielleicht einen Weg suchen sollen.»

Dieses Jahr findet zwei Tage vor der Show am 7. Februar die Veranstaltung «SMA Presents» im Zürcher Kulturhaus Kosmos statt. Thema: «Hat die Schweizer Popmusik ein Frauenproblem?». Mit zwei Podiumsdiskussionen und drei Liveacts von Schweizer Musikerinnen wollen die SMA einen Beitrag zur Genderdiskussion leisten. Die Veranstaltung sei eine Reaktion auf das Vorjahr, man wolle die Publizität des Events nutzen, um auf ein wichtiges Thema aufmerksam zu machen.

Die Liveshow sei der falsche Platz für die Diskussion

Doch warum wird dieses wichtige Thema auf eine Nebenveranstaltung vor rund 230 Zuschauern geschoben und nicht in die grosse Liveshow am 9. Februar integriert? Eine Primetimeshow eigne sich nicht dazu, ein solches Thema mit Tiefe zu behandeln, sagt Rosa. Dass sich das Publikum auch während einer Unterhaltungsshow durchaus mit Gesellschaftsfragen befassen kann, haben vor wenigen Wochen die Golden Globes bewiesen. «Ich sage nicht, dass wir dieses Thema nicht in der Liveshow aufgreifen, aber wir haben dann nicht die Zeit, eine Diskussion zu führen. Auch bei den Golden Globes ist diese Thematik unter anderem in Laudatios oder Ansprachen thematisiert worden, das mag bei uns auch der Fall sein, wir nehmen keinen Einfluss auf die Reden der Künstlerinnen und Künstler, aber in der Sendung selber ist es der falsche Platz, um ausschweifend darüber zu reden.»

Die Fehler des letzten Jahres will Rosa nicht wiederholen. «Wir arbeiten deshalb auch daran, dass Fusaro nicht die einzige Künstlerin auf der Bühne bleibt.» Laut Rosa ist es für die Veranstalter kein einfaches Unterfangen, weibliche Liveacts für die Verleihung zu gewinnen. Jeder Act – auch die grossen nationalen Stars – bewirbt sich mit einer Eingabe für einen Slot. Zusammen mit der Redaktion des SRF entscheiden die Veranstalter dann, wer auftreten wird. 

Wo liegt nun das Problem? Bewerben sich einfach keine Frauen? «Nein, das ist nicht richtig, aber die Acts müssen viele Kriterien erfüllen. Wir wollen verschiedene Genres zeigen, uns an ein jüngeres, ein älteres, ein städtisches und ein ländliches Publikum richten. Es ist nicht so, dass wir keine Auswahl haben, aber wir haben keine grosse Auswahl an Künstlerinnen.» Warum aber nicht die drei Liveacts des Nebenevents auf die grosse Bühne heben und diesen «aufstrebenden Musikerinnen», wie es in einer Mitteilung heisst, eine Plattform bieten? Man dürfe nicht vergessen, dass die SMA auch ein kommerzieller Anlass seien, sagt Rosa. «Wir produzieren eine breitenwirksame TV-Show, wir haben ein grosse Medienaufmerksamkeit, aber auch eine Verantwortung, Künstler in unserer Show auftreten zu lassen, die eine gewisse Bekanntheit und eine Aktualität haben.» Und da sei der Markt an weiblichen Künstlerinnen dünner gesät. Rosa räumt ein, dass es aber zu kurz gegriffen wäre, sich nicht selbst zu hinterfragen: «Vielleicht hätten wir in den vergangenen Jahren das ein oder andere Mal auch ein bisschen mutiger sein dürfen.» Mutig zeige man sich in diesem Jahr mit – man ahnt es schon – Fusaro.

Keine Quote an den SMA

Nun soll Veronica Fusaro die Quote retten, wobei Rosa keine offizielle Frauenquote einführen möchte. «Wir versuchen, ein attraktives Bild der Schweizer Musikszene zu zeichnen, und ich glaube, da wären wir schlecht beraten, wenn wir eine Quote einführen würden», und das gilt für Rosa auch bei den Nominationen – obwohl Jahr für Jahr bedeutend mehr Männer als Frauen nominiert und ausgezeichnet werden. «Ich bin der Meinung, dass die SMA abbilden, was im Markt passiert, und würde eine Quote als falsch erachten.» Die Tatsache sei nun mal, dass es weniger Frauen in der Schweizer Popmusik gebe.

Und woran liegt das? «Das ist die Frage, die wir am 7. Februar beantworten möchten – wobei wir kaum eine einzige Antwort darauf erhalten werden. Ist von Frauen das Bedürfnis da, als Profimusikerin Musik zu machen? Ist das Bedürfnis ebenso gross wie das von jungen Männern? Ist man mit 14 oder 15 als junge Frau genauso interessiert daran, in einem Probekeller an der Karriere zu feilen?» Das seien Fragen, die gestellt werden müssten. Im angelsächsischen Raum würden zudem Superstars wie Rihanna oder Beyoncé jungen Frauen als Vorbilder dienen. «Wie fest sind Frauen im deutschsprachigen Kulturkreis bereit, wie solche Stars auzuftreten und in einem Genre zu arbeiten, das in Mundart bis anhin noch nicht etabliert wurde?» Und schliesslich sei es nicht unwichtig zu fragen, ob denn die unumstrittene Tatsache, dass es weniger Frauen in der Schweizer Popmusik gebe, überhaupt ein Problem sei. «Ja klar, es wäre wünschenswert, dass wir mehr Frauen auf der Bühne haben, die Frage ist aber: Ist denn das auch gewünscht von Schweizer Musikerinnen?»

Die Nominationen 2017

Heute wurden die bekannt gegeben. Die Bilanz ist auch in diesem Jahr ernüchternd: In den 13 Kategorien sind von insgesamt 39 Nominierten nur sechs Frauen dabei. 
Wäre eine Quote überhaupt möglich? Ein Blick aufs Reglement sagt: Ja. Bei fünf der zehn Schweizer Kategorien werden die Nominationen zu einem Teil durch Verkaufszahlen und zum anderen Teil durch Stimmen einer Academy zusammengestellt. Bei den anderen fünf wird die Nomination jedoch aus Fachausschüssen dieser Academy bestimmt, dazu kommen Einzelfälle wie der Best Talent Award, bei dem die Redaktion des Senders SRF 3 eine Shortlist zusammenstellt. 

Kerstin Hasse

Die Online-Reporterin interessiert sich für die Fragen, die sich ihre Generation gerade stellt. Sie schreibt über Politik und Popkultur, über Feminismus und Gleichstellung, über Beziehungen und – typisch Millennial – manchmal auch über sich selbst.

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