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Wir Gesunden sind doch krank

Redaktion: Barbara Achermann; Foto: iStock

Wir Gesunden sind doch krank

Wer ist hier eigentlich eingeschränkt, wer krank?, fragt sich Reportagenredaktorin Barbara Achermann, als sie ein Theaterstück im Basler Kinderspital anschaut. Sie wird von jetzt an wieder öfter ins Theater gehen.

Es fängt lustig an, ihr plaudert über Lachgas wie andere Jugendliche über Cannabis: «Alter, du kommst nicht mehr aus dem Kichern raus, an der Decke wachsen Blumen, deine Schmerzen sind kilometerweit weg.» Ihr seid Teenager mit einer unheilbaren Krankheit. «Die Feuerinfusion oder das Lachen des Rollstuhls» heisst das Theaterstück, das ihr in der Aula des Basler Kinderspitals aufführt. Seit ihr denken könnt, ist euch klar, dass eure Zeit knapp ist, dass ihr womöglich nie erwachsen werdet. Und deshalb wisst ihr ein paar Dinge, die wir Gesunden höchstens ahnen. Eure Aufführung ist wie ein Blick hinter die Kulissen des Lebens: auf ungeschminkte Akteure und auf das Gerüst, das alles trägt. 

Euer Leben ist nicht nur kurz, es ist auch voller Qualen. Ihr dachtet lange, dass jedes Kind bittere Pillen schlucken muss, dass alle stechendes Bauchweh haben, schleimigen Husten, müde Beine. Für euch war krank sein immer schon Alltag: «Meine früheste Kindheitserinnerung ist ein Arztbesuch», sagt einer von euch. Mit der Zeit habt ihr gemerkt, dass ihr anders seid als wir, die Gesunden. Carpe diem – geniesse den Tag –, für uns ist das ein Kalenderspruch, doch ihr habt den Horaz voll verinnerlicht. Wenn ihr einen guten Tag habt, ohne Schmerzen, dann lebt ihr ihn gründlich aus und staunt: ein Vogel im Gleitflug, tanzende Menschen, eine klare Sommernacht. Ich merke, dass die Sterne für euch heller leuchten. Und ich die Welt gern mit euren Augen sähe.

Mir fällt auf, wie oft ihr einander auf der Bühne berührt, umarmt, die Hand auf die Schulter legt, den Arm um die Taille, den Kopf an den Hals schmiegt und Händchen haltet. Ihr zeigt ein Kuchendiagramm, gezeichnet von eurer verstorbenen Freundin, die Essenz ihres kurzen Lebens. Die Hälfte des Kuchens ist Kuscheln. Ein gelber Halbkreis für die Zeit, wenn der Vater nach der Arbeit zu ihr ins Bett kroch, die Mutter sie in den Armen hielt. Ich male mir das Diagramm meines gesunden Lebens aus, mit wenig Gelb. Einer von euch erzählt, dass er den Tod nicht fürchtet. Weil er ihn schon seit Geburt begleitet, wie ein Bruder. Und wenn wieder einer seiner Freunde aus dem Kinderspital stirbt, so mache ihn das nicht traurig: «Es ist normal.» Ich merke: Er ist vorbereitet, ich nicht.

Ihr singt einen Song von Johnny Cash, «Will the Circle Be Unbroken», klingt schön, das Publikum weint. Aber ihr mögt keine Rührseligkeiten, «Bitte, bitte, Totengräber, fahr langsam», ruft jemand von euch dazwischen, ihr albert rum, verhöhnt den Tod. Eine sagt: «Ich will euer Mitleid nicht.» Man müsste eher Mitleid mit uns haben, findet sie, weil wir so vieles nicht sehen, spüren, schmecken. Wichtiges verdrängen. Als hörten wir nur die Melodie des Lebens, ohne Begleitung. Und so frage ich mich, während ich langsam in die Hände klatsche: Wer ist hier eigentlich eingeschränkt, wer krank?

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