Wettlauf mit der Zeit

Wie eine Lunge zu ihrem Empfänger kommt: Chronologie eines Organtransports

Text: Helene Aecherli, Fotos: Johanna Hullár

Wie eine Lunge zu ihrem Empfänger kommt: Chronologie eines Organtransports
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Ambulanzfahrer Oliver Wagner ist bereit für den Transport der Spenderlunge. Er wird vom Universitätsspital Zürich zum Inselspital Bern fahren und zurück.

Sven Hillinger, Leitender Arzt für Thoraxchirurgie am Univesitätsspital Zürich, mit dem Thoraxkoffer, der die Instrumente enthält, die sie für die Entnahme der Lunge brauchen: Brustbeinsäge, Spreizer, Kanülen, sterile Plastiksäcke.

Die Ambulanz verlässt Zürich Richtung Bern. Es regnet stark, die Ambulanz wird von Windböen geschüttelt. Dicke Nebelfelder behindern die Sicht.

Sven Hillinger und sein Kollege, Oberarzt Mohamed Zaatar (l.), lesen im Dunkeln der Ambulanz auf ihren Handys Informationen über die Organspenderin, die ihnen zugeschickt wurden.

Die Transportbox für die Spenderlunge. Die Spenderlunge wird in drei sterile Plastiksäcke verpackt auf crushed Eis transportiert. Die Temperatur in der Kühlbox beträgt vier Grad.

Nur noch wenige Minuten vom Ziel entfernt.

Nach der Entnahme der Lunge gilt es, keine Zeit zu verlieren. Die Spenderlunge muss innert maximl sechs Stunden wieder durchblutet werden. Der Empfänger der Lunge liegt in Zürich bereits im Operationssaal.

Während die Ambulanz mit Blaulicht Richtung Zürich fährt, haben die beiden Chirurgen endlich Zeit für ihre Frühstückssandwiches.

Stau im Morgenverkehr auf der Strecke Bern – Zürich. Die Autos rücken nur schwerfällig zur Seite.

Haben den Organtransport dokumentiert: Fotografin Johanna Hullar (r.) und gamevuinhon-Reporterin Helene Aecherli.

Eine Spenderlunge muss spätestens sechs Stunden nach ihrer Entnahme wieder durchblutet werden. Das bedeutet für Chirurgen und Ambulanzfahrer einen Wettlauf mit der Zeit.

13 Uhr
Bern. Eine Frau (45) stirbt im Inselspital an den Folgen einer Hirnblutung.** Trotzdem bleibt ihr Körper an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Medikamente halten den Kreislauf aufrecht, um die Durchblutung der Organe zu gewährleisten, denn die Verstorbene stellt sie zur Rettung anderer Menschenleben zur Verfügung. In den folgenden Stunden werden die Organe auf ihre Funktion untersucht: Blutwerte getestet, der Brustkorb geröntgt, ein Ultraschall der Bauchorgane gemacht, Gewebemerkmale daraufhin getestet, ob die Spenderin an übertragbaren Krankheiten litt.

** Todesursache und Angaben zur Person geändert

16.30 Uhr
Beim Hauptsitz von Swisstransplant, der nationalen Zuteilungsstelle für Organe, geht die Meldung ein, dass in Bern eine Organspenderin gestorben ist. Die diensthabende Koordinatorin prüft im Swiss Organ Allocation System, was über die Spenderin bekannt ist, und holt zusätzliche Daten ein, die für eine Transplantation nötig sind. Sobald die kontrolliert sind, gibt Swisstransplant die Organe frei. Herz, Leber, Nieren und Lunge werden gemäss der Dringlichkeitsliste, die die Reihenfolge der möglichen Organempfänger bestimmt, den betreffenden Transplantationszentren der Schweiz zugeteilt. Die Spenderlunge geht an Zürich.

19.15 Uhr
Zürich. Werner Naumer (54), Leiter der Transplantationskoordination am Universitätsspital Zürich, ist zuhause, als der Anruf von Swisstransplant kommt. Er leitet die medizinischen Daten der Spenderin an die Chirurgin weiter. Sie lässt die Daten im Labor mit jenen der infrage kommenden Empfänger vergleichen. Das Lungentransplantationszentrum in Zürich betreut gleich die obersten drei auf der Warteliste.

22 Uhr
Sven Hillinger (47), Leitender Arzt für Thoraxchirurgie, erfährt, dass es in Bern eine mögliche Spenderin für eine Lunge gibt. Er hat diese Woche Nachtdienst. Er hält sich bereit.

«Ein organisatorischer Hochseilakt»

23 Uhr
Die Labortests haben ergeben, dass die Spenderlunge für den ersten Patienten auf der Liste zu gross ist, der zweite entwickelte Antikörper auf das Blut der Spenderin. Das Organ wird deshalb dem Drittplatzierten zugeteilt, einem 23-jährigen Mann mit zystischer Fibrose, einer degenerativen Stoffwechselkrankheit, bei der zähflüssiger Schleim lebenswichtige Organe verstopft. Seit neun Monaten wartet er auf eine neue Lunge. Seine Lebensqualität hat sich täglich verschlechtert. Naumer ruft den Empfänger der Spenderlunge an und bestellt die Ambulanz, die ihn abholt. Bespricht mit der Chirurgin und dem Teamleiter in Bern, wann sie anfangen wollen. «Die beiden Operationen müssen parallel verlaufen», erklärt er. Denn die Lunge muss innert vier bis sechs Stunden nach Entnahme wieder durchblutet werden. «Ein organisatorischer Hochseilakt.» Der junge Mann, der Empfänger der Lunge, freut sich sehr, dass es endlich losgeht.

2.30 Uhr
Sven Hillinger, sein Kollege, Oberarzt Mohamed Zaatar, und der Ambulanzfahrer werden aufgeboten. Zuständig für den Organtransport ist die Alpine Air Ambulance (AAA). Treffpunkt: Notfallpforte des Unispitals. Die Kadenz der Transplantationen ist unvorhersehbar. Oft geschieht drei Monate lang nichts, dann stehen innerhalb von drei Wochen plötzlich neun Transplantationen an.

3.30 Uhr
Mohamed Zaatar (37) wartet in der Eingangshalle des Notfalls, Jeans, dicke Jacke. Er sei noch im Tiefschlaf, sagt er. Die Halle ist grell beleuchtet.

3.45 Uhr
Sven Hillinger tritt durch die Schiebetüren. Er zieht die Transportbox für die Spenderlunge hinter sich her, eine Art Kühlbox, und den Thoraxkoffer mit den Instrumenten, die sie für die Entnahme der Lunge brauchen: Brustbeinsäge, Spreizer, Kanülen, sterile Plastiksäcke. 15 Minuten später fährt die Ambulanz vor. Fahrer Oliver Wagner (45) grüsst mit festem Handschlag, packt die Koffer, zurrt sie im Gepäckabteil fest. Er hat als ehemaliger Rettungssanitäter heute Bereitschaftsdienst, ist aber sonst Projektleiter bei AAA.

Leuchtende Displays auf leeren Strassen

4.15 Uhr
Die Ambulanz verlässt Zürich Richtung Bern. Wagner fährt rasch, aber ohne Hast. Auf dem Hinweg besteht selten Zeitdruck, aus Kostengründen nimmt man meistens die Ambulanz, nicht den Helikopter. Für den Rückweg gilt: Je nach Organ werden Strecken, die über einer Stunde Fahrzeit liegen, wenn möglich geflogen. Doch heute regnet es stark, die Ambulanz wird von Windböen geschüttelt. Dicke Nebelfelder behindern die Sicht. Unter solchen Umständen ist Fliegen nicht möglich. Noch sind die Strassen leer. In der Ambulanz ist es still. Auf dem Rücksitz liegen ein Päckli Gummibärli und Darvida, der Behälter in der Mitte ist mit Mineralwasser gefüllt. Die beiden Chirurgen sitzen über ihre Handys gebeugt und lesen die Informationen über die Organspenderin. Die Displays der Telefone leuchten in der Dunkelheit.

4.30 Uhr
Hillinger fragt nach einem Wasser ohne Kohlensäure. Er wirkt gelassen. Er habe diese Operation schon über 200-mal durchgeführt, sagt er, da komme schon Routine auf. «Für mich ist es aufregender», sagt Zaatar. «Ich bin der Lehrling.» Heute Morgen wird er zum sechsten Mal eine Lunge entnehmen. Rund zwanzig Leute sind jeweils im OP dabei: Chirurgen, Operationspfleger, Koordinatoren, Anästhesisten. Obwohl die hirntote Spenderin nichts mehr spürt, wird bei Organentnahmen eine Narkose gemacht. Dies, um Rückenmarksreflexe zu unterdrücken, die auch bei Verstorbenen vorkommen.

4.45 Uhr
Der Regen hat aufgehört. Vielleicht würden sie doch zurückfliegen können. «Eine Lunge zu entnehmen, ist wie eine normale Operation», sagt Hillinger. «Alles ist steril abgedeckt. Man nimmt gar nicht wahr, dass man an einem hirntoten Menschen operiert. Dennoch sind die Eingriffe speziell: Wir operieren immer wieder an einem anderen Ort, treffen auf verschiedene Teams. Das geht oft nicht ganz reibungslos. Denn nachts sind die Leute besonders angespannt, zudem stehen alle unter Zeitdruck. Wird auch das Herz entnommen, muss ich mich mit dem Herzchirurgen arrangieren, dass an gewissen Übergangsstellen zwischen Herz und Lunge jeder ausreichend Gewebe bekommt, damit wir die Organe für die Implantation auch brauchen können.» Steigen Emotionen in ihm hoch, weil der Spender Selbstmord begangen hat oder sie ein Kind vor sich haben, das im selben Alter ist wie seine Töchter, drängt er sie zurück.

5 Uhr
Der Empfänger der Spenderlunge wird in Zürich in den OP gefahren und für die Narkose vorbereitet.

5.30 Uhr
Das Entnahmeteam kommt bei der Notaufnahme des Inselspitals Bern an. Ambulanzfahrer Wagner kündigt an, dass er Frühstück kaufen geht. «Einen speziellen Wunsch?» – «Ein Käsesandwich für mich», sagt Zaatar. «Eines mit Schinken für mich», ruft Hillinger.

6 Uhr
Die Bauchchirurgen im Inselspital haben begonnen, Leber, Nieren und Bauchspeicheldrüse vorzubereiten. Danach kommen die Thorax- und Herzchirurgen zur Organentnahme an den Operationstisch. Der Herzchirurg hilft Hillinger in den OP-Mantel. Eine Geste der Kollegialität. Hillinger und Zaatar sehen sich die Lunge an. Sie weist leichte Raucherschäden auf, aber hat für die Transplantation eine gute Funktion. Sie wird dem Empfänger neue Lebensqualität ermöglichen.

6.15 Uhr
Hillinger ruft in Zürich an und bestätigt, dass die Lunge okay aussieht. Das ist das Go für die Operation in Zürich.

Wenn selbst der Chirurg wehmütig wird

6.17 Uhr
Die Konservierungslösung wäscht die Lunge aus. Die Lunge wird in der Brusthöhle präpariert, die zuführenden Gefässe und Atemwege werden abgetrennt, die Lunge komplett als Paket entnommen. In diesem Moment verspürt Hillinger oft Wehmut. «Ich versetze mich in die Lage des Spenders. Frage mich: Wer war er, wer war sie?»

6.35 Uhr
Unten in der Empfangshalle der Notfallaufnahme trinkt Wagner seinen zweiten Automatenkaffee. Telefoniert. Es wird entschieden, nicht mit dem Helikopter zurückzufliegen. Das Wetter hat sich wieder verschlechtert.

7.20 Uhr
Hillinger und Zaatar kommen in die Empfangshalle zurück. Die Lunge liegt in drei sterile Plastiksäcke verpackt auf crushed Eis. Die Temperatur in der Kühlbox beträgt vier Grad.

7.25 Uhr
Wagner schaltet das Blaulicht ein. Bis zu 30 Stundenkilometer kann er die Höchstgeschwindigkeitsgrenzen überschreiten. «Wir haben wohl eine knappe Stunde.» Die Chirurgen essen ihre Sandwichs. Hillinger trinkt Fanta.

7.30 Uhr
Die Operation in Zürich beginnt.

7.40 Uhr
Das Blaulicht wird von Strassenschildern reflektiert, die frenetisch rotierenden Lichtstriemen drängen ins Innere der Ambulanz. Die beiden Ärzte sind in aufgeräumter Stimmung, «Wir sind leidenschaftliche Thoraxchirurgen», sagt Zaatar. «Die Lunge ist ein tolles Organ. Sehr zart. Wir lieben sie.» – «Wenn die Lunge nach der Entnahme in meiner Hand liegt», doppelt Hillinger nach, «sieht sie aus wie Engelsflügel.» Zaatar blickt ihn an: «Bist du jetzt aber poetisch!»

7.52 Uhr
Der Verkehr stockt bei der Ausfahrt Rothrist. Die Ambulanz fährt durch die Autokolonne, die sich wie zähflüssiger Schlamm auseinanderbewegt. Wagner wird immer wieder gezwungen, stark zu bremsen.

8.03 Uhr
Hillinger telefoniert mit Zürich: «Es kann 8.45 Uhr werden, bis wir da sind. Wann habt ihr den Schnitt gemacht? Ah, das passt.»

Ob der Helikopter doch besser gewesen wäre?

8. 09 Uhr
Stau bei Lenzburg. «Die schlechteste Strecke zur dümmsten Zeit», brummt Hillinger.

8.14 Uhr
Noch immer 31 Kilometer bis nach Zürich. Wagner beschleunigt. Zaatar hat einen Organspenderausweis in der Tasche. Das ist für ihn selbstverständlich. «Wir leben in einer gewissenhaften Umgebung mit gewissenhaften Ärzten», sagt er. Hillinger hat sich noch nicht zu diesem Schritt entschlossen. «Es ist nicht die Organspende an sich, die mich zögern lässt», sagt er, «sondern die Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterben.»

8.27 Uhr
Die Ambulanz fährt zwischen stehenden Autos auf ein Rotlicht zu. Schwerfällig rücken die Fahrzeuge zur Seite.

8.36 Uhr
Wagner bremst in Zürich vor dem Spital. Die drei Männer springen aus der Ambulanz, verabschieden sich hastig. Hillinger und Zaatar greifen nach ihren Koffern, verschwinden durch die Pforte des Spitals.

11 Uhr
Der erste Lungenflügel wird wieder durchblutet, knapp drei Stunden später der zweite. «Wenn sich die Lunge mit Luft füllt und sich rötlich färbt, dann wird es still im Operationssaal», sagt Hillinger.

15.30 Uhr
Der Patient wird auf die Intensivstation verlegt. Er wird in einem neuen Leben erwachen.

 

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