Interview mit Marie Bäumer

«Ich wollte Romy Schneider nicht imitieren»

Interview: Kerstin Hasse; Foto: Rohfilm Factory 

In dem Film «3 Tage in Quiberon» spielt Marie Bäumer die Ikone Romy Schneider. Wir haben mit der deutschen Schauspielerin über die Distanz zu ihrer Rolle, über die Verletzlichkeit Schneiders und über die Art, wie die #Meetoo-Debatte in Frankreich geführt wird, gesprochen. 

Vor ein paar Tagen lag Marie Bäumer noch mit einer Bronchitis im Bett, nun gehe es ihr besser, versichert sie am Telefon und räuspert sich. Zeit, um sich auszuruhen, hat sie auch kaum, denn die 48-jährige Schauspielerin befindet sich mitten im Pressemarathon für ihren Film «3 Tage in Quiberon», der heute in den Kinos startet. Der Film handelt vom letzten grossen Interview, das Romy Schneider dem «Stern»-Journalisten Michael Jürgs in Frankreich gab – ein Jahr bevor sie starb. Ein berührender Film in Schwarz-Weiss, der vor allem durch seine Unaufgeregtheit überzeugt. 

Seit Jahren wird Marie Bäumer auf ihre verblüffende Ähnlichkeit mit Romy Schneider angesprochen. Und sie wiederum wurde nicht müde zu betonen, dass sie an einem biografischen Film nicht interessiert sei. Trotzdem gaben weder Presse noch Publikum die Hoffnung auf. Diese mediale Inszenierung einer schicksalhaften Verbindung zwischen den beiden Schauspielerinnen blieb lebendig – und wurde zu einem Narrativ, das Bäumer ihre ganze Karriere hindurch begleitete. Dementsprechend euphorisch sind nun die Schlagzeilen: Nun macht es die Bäumer doch, heisst es. Darüber ärgern will sich die deutsche Schauspielerin nicht. «Irgendwas müssen die Leute halt schreiben.» 

gamevuinhon: Marie Bäumer, warum also dieser Film?
Marie Bäumer: Es ging bei mir vor allem um die Form, ich wollte einfach unter keinen Umständen ein Biopic machen. Ich wollte nicht Gefahr laufen, die Ikone, die Romy Schneider nun mal ist, zu interpretieren und in ein Imitationsmoment hineinzukommen. Das hat mich nie interessiert – weil man dann doch lieber die eigentliche Romy Schneider sehen möchte. Dieser Film ist eine ganz andere Form, die aus der Idee meines Freunds, des französischen Produzenten Denis Ponce, und mir entstanden ist: Wir wollten einen Zoom am Ende ihres Lebens schaffen und so eine emotionale Zustandsbeschreibung versuchen.

Wie ist Ihr Verhältnis zur deutschen Presse?
Eigentlich sehr freundschaftlich-liebevoll. Ich bin meist gut mit den Leuten klargekommen – und auch gut weggekommen, sag ich mal. Ich kann mich nicht beschweren.

Sie haben im Vorfeld des Films kritisiert, dass viele Journalisten eine merkwürdige Nähe zu Romy Schneider pflegten und sie beispielsweise immer beim Vornamen nannten.
Und noch immer nennen. Ich glaube, bei Romy Schneider ist das sehr ausgeprägt gewesen, weil sie schon so jung so bekannt wurde. Und dieser Aspekt, dass sie fast noch ein Kind war, kombiniert mit ihrer Offenheit und Durchlässigkeit, haben zu einer Scheinintimität geführt, bei der jeder sie Romy nannte und nicht Romy Schneider. Ich weise die Journalisten auch heute noch darauf hin, und versuche ihr damit ein Stück weit mit dem Respekt zu begegnen, den ich einer Person geben kann, die ich nun darstelle, aber gar nicht gekannt habe. Auch bei meiner Arbeit für den Film habe ich versucht, die Nähe durch die Distanz zu schaffen.

Wie muss man sich das vorstellen?
Emily Atef und ich haben ein paar Eckdaten gesucht und eine Art Bleistiftzeichnung entworfen: Nur ein bisschen Maske, nur leicht in die Sprache hineingehen und den körperlichen Gestus und Duktus beschreiben. Und dann habe ich betont: Jetzt ist Schluss, jetzt möchte ich frei sein im Spiel. Damit wollte ich erreichen, dass ich nicht in diesen ständigen Abgleich komme, sondern sagen kann: Ich spiele hier eine Figur, die zufälligerweise der Weltstar Romy Schneider ist. Uns ging es ja um die Frau dahinter, diesen Menschen, was ihn bewegt, was ihn berührt, verletzt und erfreut. Und so habe ich das behandelt wie jede andere Rolle auch. Auch wenn ich viel Angst hatte während der Dreharbeiten, dass mir das nicht gelingen würde.

Mehr als bei anderen Rollen?
Ja, aber ich denke, das ist auch klar, weil die anderen Rollen immer fiktiv waren. Da kam das Spiel ganz aus mir heraus. Hier ist es natürlich so, dass ich wusste, die Leute würden diesen Film ganz anders ansehen.

Weil der Mythos Romy Schneider ganz offensichtlich noch nicht an Wirkung verloren hat. Hat Sie das beeinflusst?
Darüber habe ich mir eigentlich keine Gedanken gemacht. Ich bin einfach unglaublich froh, dass Emily und mir das gelungen ist, was wir uns gewünscht haben: Nämlich die Zustandsbeschreibung einer Frau zu zeigen, die in einer emotionalen Sackgasse steckt. Für mich ist der Film losgelöst von Romy Schneider einer, den ich mir gern ansehe, und wir haben den Eindruck, dass es auch die Menschen, die ihn gesehen haben, berührt.

Im Film sagen Sie als Romy Schneider: «Ich bin nicht die Frauen aus meinen Filmen.» Die Leute hatten Mühe damit, Romy Schneider von ihren Rollen abzugrenzen. Passiert Ihnen das auch?
Das kann schon mal vorkommen, aber allein schon durch mein Leben kann ich dem gut ausweichen. Ich lebe in einem kleinen Dorf in Südfrankreich und habe da einen ziemlich beschaulichen Alltag, da bekomme ich schon mal sowieso nicht so viel vom Rummel mit. Wenn ich arbeite, dann bin ich in grossen Städten in Deutschland oder in Frankreich. Aber die Menschen sind eigentlich sehr respektvoll und freundlich. Nach dem «Schuh des Manitu» sind manchmal so ein paar Mädchenhorden mit mir aufs Klo gerannt – das war neu.

Der Film zeigt eine gewisse Schutzlosigkeit auf, die Romy Schneider umgab. In Zeiten von #MeToo hat die Schutzlosigkeit von Schauspielerinnen noch mal eine neue Bedeutung bekommen.
Also ich finde es erschütternd zu sehen und zu lesen, was da teilweise passiert ist und wie stark die Ignoranz von Leuten war, die offenbar davon wussten. Es war unbedingt notwendig, dass diese Deckel nun hochgehoben wurden und es diesen Paukenschlag gab.

Sie haben aber keine solchen Erfahrungen gemacht?
Nein, ich habe mich immer rechtzeitig aus dem Staub gemacht.

Aus Frankreich stammt die Petition «Dernier cri», die allen voran Catherine Deneuve unterschrieb. Man fürchte eine Rückkehr einer neuen moralischen Ordnung, hiess es in dem öffentlichen Brief, der von 100 Frauen unterzeichnet wurde. Wie nahmen Sie diese Diskussionen als Deutsche in Frankreich wahr?
Ich komme mir eigentlich in Frankreich nicht als Deutsche vor, weil ich doch ein sehr französisches Leben führe. Aber ja, das hat eine grosse Welle geschlagen, obwohl es nur einige Stimmen waren und viele Frauen sehr entsetzt waren über die Aussagen in diesem Schreiben. Ich kann nachvollziehen, dass man sich die Freiheit bewahren will, zwischen Männern und Frauen in einem sinnlich-flirtiven Kontakt zu bleiben und nicht hinter jedem Blick oder hinter jeder Geste eine Attacke zu vermuten. Es war vielleicht zu dem Zeitpunkt und in der Formulierung etwas unglücklich, weil damit für mein Empfinden die Situation der tatsächlichen Opfer etwas verharmlost wurde.

In Interviews haben Sie kritisiert, dass es nicht viele solcher komplexen Frauenrollen, wie Sie sie jetzt verkörpern, im deutschen Kino gibt. Wie könnte man das ändern?
Indem man die Rollen schreibt und die Filme finanziert, in denen komplexe Frauenrollen vorkommen. Wir leben aber in einer männerdominierten und -ausgerichteten Gesellschaft. Schon Shakespeare hat sehr viel mehr Rollen für Männer geschrieben als für Frauen. Im Theater und im Film gibt es noch immer deutlich mehr männliche Figuren, dabei sind die Frauen die eigentlichen Heldinnen des Kinos – das haben immerhin die Franzosen verstanden.

Bräuchte es vielleicht mehr Frauen, die in verschiedenen Positionen gefördert werden, damit diese Filme umgesetzt werden?
Ja, es ist noch immer ein grosses Ungleichgewicht in der Filmbranche, und ich glaube, es wäre wichtig, dass Frauen grössere Budgets in die Hand bekommen und entsprechende Posten besetzen. Am Ende schaue ich als kreativer Mensch aber doch eher auf den Inhalt und den Menschen und überlege mir nicht, ob das nun ein Männlein oder ein Weiblein ist, das den Film macht. Wenn ich eine tolle Geschichte über zwei Männer lese, muss dieser Film nicht auf Gedeih und Verderb unbedingt noch eine Frau haben, nur damit mal wieder Frauen auf die Leinwand kommen. Der Missstand ist trotzdem da.

 

Ein Fokus drei Tage

1981. Drei Tage verbrachte der Stern-Journalist Michael Jürgs im bretonischen Kurort Quiberon, um dort Romy Schneider zu interviewen, die sich vor ihrem nächsten Filmprojekt erholen will. Begleitet wird Jürgs von Schneiders Freund und Fotografen Robert Lebeck, der die Fotos für die Geschichte macht. Das Interview, das als legendäres Gespräch mit der Künstlerin in die Geschichte eingehen wird – ist das letzte, das Romy Schneider der deutschen Presse gibt – ein Jahr später stirbt sie. Der Film taucht in diese drei Tage ein und zeigt auf berührende Art und Weise, wie Romy Schneider noch immer mit ihrem Image in Deutschland ringt – und wie brutal schonungslos die deutsche Presse mit ihr umging. Dass es nicht nur Schmeichelei ist, Marie Bäumer mit Romy Schneider zu vergleichen, wird deutlich, wenn man Bäumer auf der Leinwand sieht: Die Ähnlichkeit ist frappant und wird vom schauspielerischen Talent Bäumers noch unterstrichen. Wie sie raucht, wie sie spricht, wie sie schaut – das alles ist Romy Schneider. Der Film läuft ab jetzt in den Schweizer Kinos. 

Kerstin Hasse

Die Online-Reporterin interessiert sich für die Fragen, die sich ihre Generation gerade stellt. Sie schreibt über Politik und Popkultur, über Feminismus und Gleichstellung, über Beziehungen und – typisch Millennial – manchmal auch über sich selbst.

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