Kairo

Kairoerin Bahia Shehab: Street-Art im Arabischen Frühling

Text: Günter Keil

Kairoerin Bahia Shehab: Street-Art im Arabischen Frühling
Kairoerin Bahia Shehab: Street-Art im Arabischen Frühling
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«Nein zum Ausziehen der Menschen», steht über dem stilisierten blauen BH, der Bahia Shehab zum Protest mit der Spraydose inspiriert

Spraydose und Zivilcourage: Das sind im Arabischen Frühling die Waffen der Kairoer Street-Art-Künstlerin Bahia Shehab.

Ein blauer BH sorgte dafür, dass Bahia Shehab einen riskanten Entschluss fasste. Im Frühling 2011 erlebte die Kairoer Grafikdesignerin und Kunsthistorikerin die ägyptische Revolution aus nächster Nähe mit. Sie sympathisierte mit den Demonstranten, blieb jedoch selbst passiv. Bis zu jenem Tag, an dem mitten in der Stadt eine verschleierte Frau von Milizen der Militärregierung zu Boden geprügelt wurde. Die vermummten Gestalten schlugen mit Stöcken auf sie ein und zogen sie über den Asphalt. Einer von ihnen riss ihr Kopftuch und Pullover vom Leib, woraufhin nur noch ein blauer BH den Oberkörper der Demonstrantin bedeckte. Wie Hunderttausende andere sah auch Bahia Shehab das Video dieses Übergriffs auf Youtube und war geschockt. «Das war der Moment», erinnert sich die heute 37-Jährige, «in dem ich spürte: Ich muss etwas gegen die Gewalt von Polizei und Militär tun.» Bald hatte sie eine Idee, wie sie auf ihre spezielle Art die Revolution unterstützen könnte: Sie sprayte das arabische Schriftzeichen für «Nein», über dessen Geschichte sie 2010 ein dickes Buch veröffentlicht hatte («A Thousand Times No»), auf Mauern und Wände, daneben Symbole wie den blauen BH und politische Parolen. Tage- und nächtelang streifte sie durch die Altstadt und sprayte ihren Protest. Dutzendfach. Hundertfach. Auf Hauswände, Brückenpfeiler, Fahrspuren, Absperrungen und Ruinen. «Nein zum Ausziehen der Menschen! Lang lebe die friedliche Revolution!» und «Nein zu Übergriffen auf verschleierte Frauen!» stand neben dem blauen BH.

Andere Symbole zeigten Schwerter, Mauern oder Panzer. Dazu sprayte Shehab «Nein zur Militärherrschaft» oder «Nein zur Bevormundung der Bevölkerung». Und schliesslich 2013, nach der Wahl der neuen Regierung. «Nein zu Mursi», den sie ebenso ablehnte wie seinen Vorgänger Mubarak. In Kairo hatte man derartige Graffiti noch nie gesehen. Verblüfft, begeistert oder empört blieben Passanten vor Shehabs Bildern stehen. Die ganze Stadt diskutierte über ihre Kunstwerke, die moderne und traditionelle Elemente vereinten. Doch das war erst der Anfang. Bürger und Reporter fotografierten die Graffiti und verbreiteten sie über Facebook und Twitter. Innerhalb weniger Wochen wurde Bahia Shehab im Internet zur neuen Symbolfigur des Protests, zur Botschafterin des Widerstands. TV-Sender berichteten über ihre Mauerkunst, Museen aus der ganzen Welt boten ihr Ausstellungen an. «Ja, der Arabische Frühling hat mich populär gemacht», sagt Bahia Shehab. «Ich wollte aber nie ein Star sein, sondern einfach nur etwas gegen die Ungerechtigkeit und für den demokratischen Wandel tun. Das treibt mich noch immer an.» Mit ihrem Engagement ging die zweifache Mutter ein hohes Risiko ein, denn viele politische Aktivisten verloren damals ihren Job, wurden geschlagen und verhaftet. Ganz so schlimm kam es für Shehab nicht.

Doch sie wurde auf der Strasse beschimpft und angerempelt, die Polizei brachte sie mehrmals zu Verhören auf die Wache, und einmal musste sie vor einer Gruppe Soldaten flüchten, die Jagd auf Demonstranten machte. «Zum Glück konnte ich mich auf dem Gelände meiner Universität verstecken und später unbehelligt nachhause gehen», sagt Shehab, die an der Kairoer American University als Professorin für Grafikdesign unterrichtet. Unterkriegen liess sich Shehab nie. Sobald ihre Bilder übertüncht wurden, sprühte sie erneut. Gemeinsam mit anderen Künstlern eroberte sie den öffentlichen Raum immer wieder zurück. Je bekannter die Street-Art-Künstlerin wurde, umso weniger musste sie sich vor den Schikanen von Polizei und Militär fürchten. Ihre Verhaftung oder Verurteilung hätte internationale Proteste ausgelöst. Mittlerweile wurden ihre Kunstwerke in Museen in Italien, Deutschland, Dänemark und China gezeigt. Vor kurzem erschien das Buch «Walls of Freedom», das neben Shehabs Arbeiten auch die Werke anderer Strassenkünstler aus Ägypten zeigt. Bahia Shehab hält inzwischen weltweit Vorträge im Rahmen des Fellowship-Programms der renommierten TED-Initiative. Darin erzählt sie von der Entstehung ihrer Graffiti und wirbt für Demokratie und Menschenrechte.

«Die Revolution ist noch nicht vorbei», sagt sie. Zwar sei es auf den Strassen Kairos ruhiger doch erst jetzt vollziehe sich der echte Wandel. «Das, wofür wir gekämpft haben – Meinungsfreiheit, Bürgerbeteiligung, Frauenrechte –, muss endlich auch in den Institutionen und in den Köpfen der Menschen ankommen.» Tief greifende Veränderungen brauchen eben Zeit, viel Zeit. Das lernte Bahia Shehab schon als Kind. Als sie 1977 in Beirut geboren wurde, tobte der libanesische Bürgerkrieg bereits seit zwei Jahren und dauerte noch bis 1990 an. Ihre Familie lebte zwar vergleichsweise privilegiert, doch Shehab, ihre zwei Schwestern und drei Brüder erfuhren früh, dass ihre gesellschaftliche Stellung sie nicht vor den Kriegsfolgen bewahren konnte. Wegen anhaltender Schiessereien durften die Kinder oft nicht auf die Strasse, Lebensmittel waren knapp, Bomben zerstörten Häuser in der Nachbarschaft, und an spontane Ausflüge oder Reisen war nicht zu denken. Ihre Sorgen verarbeitete Bahia Shehab, indem sie zeichnete. «Ständig habe ich irgendetwas gekritzelt. Über diese Zeichnungen konnte ich mich ausdrücken.» Unterstützt wurde die kleine Bahia damals von ihrer Tante, einer Malerin und Feministin, die ihr auch beibrachte, sich für Frauenrechte einzusetzen. «Leider habe ich sie viel zu früh an den Krebs verloren.» Auch ihr Vater starb früh. Als Shehab 16 Jahre alt war, erlag er einem Magenkrebsleiden. Formen und Farben, Schriften und Zeichen – das war es, was Shehab schon als junge Frau interessierte.1999 schloss sie ihr Grafikdesignstudium an der American University in Beirut ab. Kurz darauf zog sie nach Dubai, wo sie als Creative Director in einer Werbeagentur arbeitete und ihren Mann kennen lernte, den Filmregisseur und Maler Tarek Montasser. Die beiden führen eine moderne Ehe. «Er hilft mir im Haushalt und kümmert sich um unsere Kinder. Das verschafft mir wichtige Freiräume für meine künstlerische Tätigkeit.» 2004 zog das Ehepaar nach Kairo, wo Shehab Islamische Kunst und Architektur studierte und ihren Master-Abschluss machte. Danach arbeitete sie als kunsthistorische Beraterin für das ägyptische Ministerium für Antike und begann ihre Lehrtätigkeit an der Universität. Als Executive Creative Director einer Werbeagentur entwickelt sie bis heute preisgekrönte Werbekampagnen Diesen Sommer soll ihr neues Mauerkunstwerk in Kairo entstehen – grösser als alle Graffiti zuvor. Viel mehr, so scheint es, kann man nicht in einen Alltag packen. Doch Bahia Shehab wirkt entspannt. Dem Gesprächspartner blickt sie ruhig in die Augen, die Fragen beantwortet sie gleichbleibend freundlich, sie lächelt gern und oft. «Man kann Menschen viel leichter überzeugen, wenn man positiv gestimmt ist», sagt sie.

Sie kleidet sich westlich und glaubt an eine aufgeklärte, fortschrittliche Form des Islam. «Ich betrachte mich als globale Bürgerin, nicht als Teil der arabischen oder der westlichen Welt. Selbstverständlich gibt es Unterschiede zwischen den Kulturen, aber wir haben doch alle die gleichen Sorgen und Wünsche.» Dass ihre Landsleute pauschal abwertend als «die Araber» bezeichnet werden und muslimische Nationen bei manchen westlichen Politikern unter Terrorismus-Generalverdacht stehen, stört sie enorm. Gegen diese Vorurteile kämpft Shehab genauso couragiert wie gegen die sexuelle Belästigung von Frauen. Auch heute noch, drei Jahre nach dem Übergriff auf die Demonstrantin mit dem blauen BH, werden in Kairo regelmässig Mädchen und Frauen belästigt, manche sogar verschleppt und vergewaltigt. Shehab möchte, dass ihre Töchter, sieben- und elfjährig, später einmal in Sicherheit leben können. Doch sie macht sich keine Illusionen: «Wir haben noch einen langen Weg vor uns. Was mich hoffen lässt, ist, dass immer mehr arabische Frauen offen über ihre Situation sprechen. Das ist eine gute Entwicklung.»

Sehen Sie auf der nächsten Seite Bahia Shebabs Ted-Talk, der für weltweite Aufmerksamkeit sorgte.

Ted-Talk

Sehenswert und schon mehr als 63 500-mal angeklickt: Bahia Shehabs 5-Minuten-Vortrag «A Thousand Times No»:

Multimedial gefragt

Graffiti-Kunstwerke und Protestaktionen im öffentlichen Raum faszinieren den Münchner Journalisten Günter Keil seit Jahren. Während der ägyptischen Revolution verfolgte er gebannt, wie Bahia Shehab das arabische Schriftzeichen für Nein an Kairos Mauern sprühte. Mit dieser Aktion wurde die Street-Art-Künstlerin international bekannt. Keil traf Shehab in Berlin und setzte das Interview für gamevuinhon per Skype, Telefon und Mail fort, weil die Designprofessorin ständig unterwegs ist.
— www.guenterkeil.de

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