Das Kompliment

Liebe Greta Gerwig

Text: Jacqueline Krause-Blouin; Foto: GettyImages 

Jetzt wird Ihr kleines Townhouse in Brooklyn gerade mit Blumensträussen überschwemmt. Und Sie freuen sich auch beim 35. Klingeln des Floristen wie ein Teenager am Valentinstag. So stelle ich es mir jedenfalls vor. Ich weiss nicht mal, ob Sie überhaupt noch in New York oder in einem Townhouse wohnen. Aber ich glaube schon, denn Sie waren doch immer ein bisschen zu edgy für Hollywood.

Als Ihre Freundin Natalie Portman kürzlich bei den Golden Globes die Nominierten präsentierte, tat sie dies mit einem süffisanten «Und hier kommen die ausschliesslich männlichen Nominierten». So ein Spruch wird bei den Oscars nicht mehr nötig sein. Dafür haben Sie mit Ihrem teilweise autobiografischen Film «Lady Bird» gesorgt. Sie sind nominiert. Nicht als Best Actress, nicht als Best Supporting Actress, nein, als Best Director. Sie sind die fünfte (!) Frau in der immerhin 90-jährigen Geschichte der Academy Awards, die für diesen Preis nominiert ist. Vor allem darüber wird nun gesprochen. Gut und wichtig, aber auch fast ein bisschen schade, weil Ihnen dann jeweils eine Sonderrolle zugeschrieben wird – «die Frau, die als Regisseurin nominiert ist.» Dabei sind Sie einfach einer von fünf brillanten Menschen, die fantastische Regiearbeiten abgeliefert haben.

Gleichstellung ist in Ihren Filmen, was sie verdammt noch mal sein sollte: Normalität. Zumindest in unseren privilegierten Kreisen ist dies immer mehr der Fall, das ist mir klar. Aber wenn Ihre Filme immer grössere Kreise ziehen, dann kann diese Selbstverständlichkeit auch in den Mainstream übergehen und die Köpfe und Herzen von noch viel mehr Menschen erreichen. Ich mag Ihre Art, mit Feminismus umzugehen: Sie sind immer dann da, wenn es wichtig ist, beim Women's March, bei Time's-Up-Anlässen, bei Diskussionsrunden. Und immer, wenn Ihre Freundin Lena Dunham eine Spur zu brachial vorgeht, verkörpern Sie die gleichen Ideale etwas subtiler, überlegter, auch etwas eleganter. Bei Ihnen muss nicht immer alles ein lautes wütendes Statement sein. Zu Ihrer Art von Feminismus gehört auch, Fehler machen zu dürfen: 2012 haben Sie mit Woody Allen gearbeitet, heute bereuen Sie das öffentlich. Sie geben mir immer das Gefühl, dass es Ihnen um die Sache und nicht um die Selbstinszenierung geht.

Was bemerkenswert ist, weil Sie ja eine Schauspielerin sind. Keine ausgebildete, aber eine ausgezeichnete. Als ich Sie in «Frances Ha» gesehen habe, habe ich mich nicht einmal zurückgelehnt in meinem Kinosessel aus Plüsch. Ich habe nicht mal mein Popcorn angerührt, weil ich damit beschäftigt war, entweder laut zu lachen oder hemmungslos zu heulen, bis ich keine Luft mehr bekam. Selten habe ich mich von einer Figur so abgeholt gefühlt. Ich will ja jetzt nicht wie ein Stalker klingen, aber ich wäre gern Ihre Freundin. Ich glaube, dass ich mit Ihnen mitten in der Nacht bei abgebrannten Kerzen am Küchentisch eine todernste Diskussion über die Beziehung zwischen Donald Trump und Wladimir Putin führen und im nächsten Moment mit derselben Hingabe über einen Furzwitz lachen oder jedes Satzzeichen in einem SMS des letzten One-Night-Stand analysieren könnte.

Wobei Sie nun vielleicht keine One-Night-Stands mehr haben, weil Sie ja seit 2011 mit Noah Baumbach zusammen sind. Baumbach ist seit «The Squid and the Whale» einer meiner absoluten Lieblingsregisseure. Erst viel später habe ich herausgefunden, dass viele sogenannte Noah-Baumbach-Filme in Wirklichkeit Noah-Baumbach-UND-Greta Gerwig-Produktionen sind – «Mistress America» zum Beispiel oder eben «Frances Ha». Beides Filme, deren Drehbücher Sie gemeinsam geschrieben haben. Was für ein Team, was für ein Paar!

Zusammen schaffen Sie einzigartige Frauenfiguren, Frauen wie Sie und ich, die uns zeigen, dass es durchaus auch glamourös sein kann, wenn man nicht immer alles auf die Reihe kriegt. Sie sagten mal, dass Sie sich als Schauspielerin wie auch als Regisseurin gern in eine Lage bringen, in der Unfälle passieren können. Obwohl Sie ganz genau wissen, was Sie wollen, müssen Sie nicht alles kontrollieren. Sie wissen, dass das Leben einem gnädiger ist, wenn man ihm nicht verbissen begegnet. Sie möchten verletzlich bleiben. Offen und durchlässig. Ihre Unverfälschtheit rührt mich. So wie Sie an Ihre Filme herangehen, möchte ich an mein Leben herangehen.

Ich drücke Ihnen natürlich die Daumen für die Oscars. Aber ein Sieg wäre sowieso nur die Kirsche auf der Torte. Was zählt, liebe Greta Gerwig, ist keine Statue, was zählt, ist was Sie bereits geschaffen haben. Und davor verneige ich mich.

Von Herzen Danke, Jacqueline Krause-Blouin

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