Amour Fou

Souvenir Fou: Mix Weiss hat ihre Erinnerungen an eine Amour Fou niedergeschrieben

Text: Margrit Sprecher; Fotos: Stephan Rappo

Mix Weiss
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Mit 88 hat Mix Weiss ihre Erinnerungen an eine verrückte Liebe niedergeschrieben. Margrit Sprecher hat die ehemalige Journalistin im Tessin besucht.

«Bitte, erschrick nicht,» sagte sie am Telefon. «Meine Haare sind jetzt ganz weiss.» Doch bei ihr wirkt Weiss wie Platinblond, und auch ihr flächiges, über hohe Wangenknochen gespanntes Gesicht sieht aus wie früher. Lucky Bone Structure eben. Nichts hat hier seine Spuren hinterlassen, nicht mal die Amour fou, wie es im Untertitel ihres neuen Werks heisst.

Das Buch liegt vor ihr auf dem Tisch, und obwohl druckfrisch, zeigt es schon deutliche Gebrauchsspuren. Auf der vorderen Umschlagseite sind die roten Ränder von Weingläsern zu sehen, auf der hinteren Zigarettenpapier.

Mix Weiss findet den grafischen Einfall ihres Verlegers «ganz entzückend». Schliesslich gehörten Rotwein und Zigaretten zu ihrer Liebe wie ein Lied oder ein Parfum zu andern Beziehungen. «Mit der immer gleichen filmreifen Geste» zündete Vladimir seine nächste Gauloise bleue an. Stets «hob er freudig das Glas». Nie zählte Mix Weiss die Flaschen. Nie wäre ihr eingefallen, einen Menschen verändern oder gar erziehen zu wollen.

Obwohl – es war ein Schock gewesen, als sie den Zigeuner Vladimir nach der ersten Nacht betrachtete. Sie liebt einen Heruntergekommenen, der seit zehn Jahren auf der Strasse schläft. Seine Zähne sind eingeschlagen, sein Zahnfleisch ist kaputt. Sein Unterhemd ist ausgeleiert, die Unterhose alt. «Der Kerl muss raus», denkt sie.

Doch er bleibt. Hält die Wohnung besetzt. Stellt die Musik so laut, dass sie um ihre Wohnung fürchtet. Brennt Zigarettenlöcher in ihren Teppich, füllt ihre Vasen mit Blumen aus Parks und fremden Gärten. Kauft Zebrafinken, die frei in der Wohnung herumfliegen. «Ein einzig Flattern und Zwitschern und Sausen ist das, vom Lampenkabel über den Esstisch zum Büchergestell und hoch hinauf zur Vorhangstange», schreibt sie in «Vabanque». Kurz, Vladimir war kein süffiges Reportagethema, das sie nach Erscheinen ad acta legen konnte. Er blieb sechs Jahre.

Nicht, dass sie etwas gegen die Bohème gehabt hätte. Schon in ihrer Ehe mit einem Tessiner Bildhauer hatte sie diese lustvoll gelebt. Die Küche war sowohl Badezimmer wie auch Büro und Bankettsaal gewesen. Im Zuber hatte sie ihre drei Kinder geschrubbt, im Schüttstein die grosse Wäsche gewaschen. Am schmalen langen Küchentisch entstanden ihre Modeartikel für «Weltwoche» und NZZ, das einzige regelmässige Einkommen der Familie. Und am gleichen Tisch stiegen die Feste, für die das Künstlerdorf Tremona damals berühmt war. Eigentlich war die neue Freundin in ihrer Ehe «keine grosse Überraschung gewesen», schreibt sie. Eine Zeit lang hatte sie die Liaison zu ignorieren versucht, aber es brachte nichts. «Die Frau blieb, und dem Mann schien es recht zu sein.» Um nicht «dem Klischee der verletzten, raffgierigen Betrogenen zu entsprechen», verliess sie das Tessin mit einem einzigen Koffer, darin nur ihre liebsten Schallplatten. An finanzielle Forderungen dachte sie nicht. «Es gibt so viele unglückliche, verbitterte Künstlerfrauen, da wollte ich nicht dazugehören.»

Als sie zehn Jahre später in einem Zürcher Restaurant gegen Vladimir prallte, war sie bereits Grossmutter. Noch nie hatte sie auf Anhieb bei einem Mann so viel Begeisterung ausgelöst. Noch nie war ihr Gefühl so intensiv gewesen, am Leben zu sein. Nach dem ersten Schock, einen Randständigen zu lieben, stellte sie fest, dass er zum Glück so niveaulos nicht war. Er besass die Handelsmatura, sprach sechs Sprachen und wusste über alles Bescheid, vom Haselnusshandel über den Bau von Tragflügelbooten bis zur Glasbläserei. Ein psychiatrisches Gutachten bescheinigte ihm zudem «überdurchschnittliche Intelligenz».

Frauen, die so krass niedriger gestellte Männer lieben, sind – ausser bei Ferienflirts – selten. Gut, mal heiratet eine Prinzessin ihren Fitnesstrainer. Mal läuft, in der Literatur, eine Lady Chatterley mit ihrem Wildhüter davon. Doch sie bleiben real wie fiktiv Ausnahmen. Zu gross wohl der Urtrieb, sich mit dem sozial stärksten Männchen zu paaren.

Dieser Urtrieb scheint nicht nur Mix Weiss abzugehen. Er fehlte schon ihrer Mutter. Sie stammte aus besten Wiener Kreisen, war verschwägert mit russischen Grossfürsten, besass ein abgeschlossenes Chemiestudium und ein Konzertdiplom. Dann sass sie im Zug zwischen Feldkirch und St. Margrethen einem Luzerner Kupferschmied gegenüber, mit Händen schwarz von Arbeit, und fortan wars um sie geschehen.

Papa, sagt Mix Weiss, kaufte ein baufälliges Schlösschen, um seiner Frau und ihrem aus Wien mitgebrachten Flügel einen angemessenen Rahmen zu bieten.

Mama, zuständig für das Schöne und Glanzvolle, sang am Klavier, erzählte Märchen und malte alle zwanzig Zimmer aus, mal in festlichem Barock, mal in hellem Rokoko. Was nicht schön war, übersah sie «aus Zartgefühl und Rücksicht». Dazu gehörten die Tischmanieren ihres Mannes ebenso wie der Hass ihrer Schwiegermutter. Selbst die Häme der Dorfbevölkerung erreichte sie nicht, als der Kupferschmied in der Wirtschaftskrise Konkurs machte und das Schlösschen versteigert werden musste.

Wie ihre Mutter überhörte auch Mix Weiss alle Bemerkungen über den Zigeuner in ihrer Wohnung. Viele waren es freilich nicht. Das Quartier dachte sich zwar seinen Teil, schwieg aber lieber. Denn Mix Weiss hat ein elegantes Auftreten; ihr Benehmen ist ironisch distanziert, ihr Gesicht informiert. Einzig eine alte Wohnungsnachbarin wagte den besorgten Satz «Eine so nette Frau wie Sie. Und dieser Mensch, der so viel trinkt …». Mix Weiss öffnete ihre grossen grauen Augen in blankem Erstaunen und antwortete fein mokant: «Ah ja …?»

Vladimir war nicht nur die Liebe ihres Lebens. Sie fühlte sich auch solidarisch mit dem Rebellen und Anarchisten, dem die Schweiz seine vier Kinder weggenommen hatte. Den sie um ein Haar verwahrt hätte. Dem ein medizinisches Gutachten nur noch wenige Jahre zu leben gab. Der auf allen Behörden Radau machte. «Vladimir sass überall am kürzeren Hebel.» Bei ihr sollte es anders sein.

Auf der «Femina»-Redaktion fanden Mix’ Arbeitskolleginnen den Zigeuner erst überaus aufregend. Schliesslich sind Frauenzeitschriften Horte schwesterlichen Verständnisses. Zudem erfüllte Vladimir alle Kulturattribute, die an einen Klassezigeuner zu stellen sind. Sein wildes Gesicht war «von tausend Gewittern gegerbt», sein Dschingis-Khan-Bart kunstvoll nach unten gekämmt, seine Anwesenheit füllte die Räume mit Steppenwind und Weltläufigkeit. Erst als er sturzbetrunken die Redaktion enterte, den Grafikern erklärte, er sei ihr Butler und Leibwächter, und die Chefredaktorin mit dem Tod bedrohte, zeigten sich die Damen befremdet über den ungewöhnlichen Geschmack der Kollegin.

Die Zwischenfälle häuften sich. Vladimir verkrachte sich mit ihrer ältesten Tochter. Den Enkeln im Kindergartenalter zeigte er, wie man Zigaretten dreht. Ihren Ex-Mann, der sich am Telefon meldete, forderte er zum Duell auf Zigeunerart auf: mit Messer und Peitsche. Mix begann, nach Luft zu ringen. Seine Anwesenheit wurde zu fordernd. Sie fühlte sich als Beute. «Warum liebst du mich so sehr? Das ist ja lästig», fuhr sie ihn eines Tages an. Jedes Mal, wenn sie Vladimir die Schlüssel abnimmt, schlägt er die Glasscheiben ihrer Wohnungstür ein. «Er hat ein Abonnement beim Glaser», fasst sie den Tatbestand im Buch kühl zusammen. Nach der fünften Trennung kann sie nicht mehr. Die Abschiedsszene beschreibt sie nicht. Sie wollte sein Ansehen nicht beschädigen. «Und es spielt ja auch keine Rolle. Dieses Buch ist ein Fragment.»

Nach der Trennung schien ihr Zürich urbane Ödnis: «Nur Tramschienen, Schaufenster und Lärm.» Als gamevuinhon «Femina» schluckte, erleichterte das ihren Abschied aus der Deutschschweiz. Bei gamevuinhon wollte man sie ins Ressort «Erziehung und Gesundheit» abschieben. Zur Überraschung aller kündigte sie mit 58 Jahren. «Ich mochte nicht in jenem Ressort enden, das mich am allerwenigsten interessierte. Dafür hab ich zu viele Schritte zu meiner Befreiung gemacht.»

Doch die Rückkehr in die Tessiner Idylle hielt nicht, was sie sich von ihr versprochen hatte. Meride, dessen Gässchen aus befestigten Mauern zu bestehen scheinen, ist zwar schön, aber leer. Einen Lebensmittelladen gibt es nicht mehr, geschweige denn ein Restaurant. «Menschen sieht man nur noch bis hierher», sagt Mix Weiss und bewegt ihre Hand auf Taillenhöhe – hinter dem Autofenster. «Sie brauchen niemanden. Jeder hat sein eigenes Haus und sein Geld auf der Bank.»

Jetzt, beim Einnachten, knistert im grossen Cheminée das Holz. Sorgsam verteilte Kerzen werfen lebendige Schatten in den hohen Raum; vor den Fenstern liegt ein gepflasterter Innenhof mit winterlich dürrem Blätterdach. Ihr Sohn, ein Architekt, hat den spottbillig gekauften «grau verfallenden Steinhaufen» in dieses weiss gekalkte Treppauf-treppab-Bijou verwandelt.

Eine junge Frau aus dem Dorf, «elegant sogar», wie sie lobt, hilft ihr im Haus. Ihre Tochter Petra, Keramikerin, schaut jeden Tag vorbei. Mix Weiss trägt einen grauen Rollkragenpullover, eine graue Hose und wirkt darin so elegant wie Greta Garbo an Deck eines Luxusdampfers. Am Tischchen dort hat sie, nach einem Leben im Modejournalismus, endlich «mein Eigenes» geschrieben. Die Geschichte ihrer Eltern, «Kupferblues», wurde 2000 ein Bestseller. «Vabanque. Journal einer Amour fou», eben herausgekommen, ist auf dem besten Weg dazu. Eine Woche nach Erscheinen schwärmte die NZZ: «So müsste man schreiben können, flaumleicht über die schwersten Nöte, mit einem graziösen Witz für verrückte Situationen begabt …» Komplimente nimmt Mix Weiss mit einem «Ach, du Gute …» entgegen. Schön zwar, aber nicht mehr wirklich wichtig.

Fast täglich kommen neue Anfragen für Fernseh-, Radio- und Lese-Termine. Und dies, obwohl ihre Geschichte radikal dem Frauenromantrend der Zeit entgegenläuft – von «Feuchtgebiete» bis «Fifty Shades of Grey».

Sex erscheint in Mix Weiss’ Buch weder als Wort noch als Handlung. Intimitäten und Indiskretionen sind tabu, Haltung ist alles. Und immer gilt es, die Eleganz der Form, des Denkens und des Handelns zu bewahren. Damit knüpft Mix Weiss nahtlos an Mascha Kaleko und Irmgard Keun an. Auch Keuns Mädchen wollten trotz allem Elend «ein Glanz» sein. Kalekos junge Frauen flogen und tanzten trotz aller Enttäuschungen «grundlos vergnügt» durch ihr Leben. Mix Weiss sagt über die sechs Jahre ihrer Liebe, die sie fast Wohnung, Familie und Job gekostet hätte: «Es war eine so lustige Zeit.»

Damit das Luftige seine Luftigkeit behält, hat sie fast alle Erinnerungen an damals entsorgt. Auch sollten ihre Kinder sie nicht in die Hände bekommen. Mit vorsichtigen Schritten geht sie zum Büchergestell. Ja, ein Sturz. Aber jammern gilt nicht, eine Frage von Anstand, Eigenverantwortung und Contenance. In der Schachtel sind die wenigen Zeugen ihrer Amour fou aufbewahrt. Eines der Fotos zeigt Vladimir, einen gertenschlanken grossen Mann, der mit Wildwest-Eleganz über einen Gartenweg kurvt. An seinem letzten Geburtstag sitzt er mit Krawatte in einem Männerheim am Tisch und sieht aus wie der souveräne Chef seines professionell auf ihn herunterlächelnden Betreuers. Die Handschrift auf seinen Notizzetteln ist zügig, klar, zielbewusst. «Heute Morgen war der Arzt bei mir. Ich weiss zwar nicht warum, vermutlich zwecks Aufbesserung seines Budgets.»

Natürlich kann Mix Weiss für die bourgeoisen Spiesser dieser Welt eine moralische Rechtfertigung ihrer Amour fou liefern: «Öffnet euch für das Fremde, geht das Risiko ein …» Doch ihre Worte klingen wenig überzeugend. Viel passender als Fazit scheint das Rimbaud-Gedicht, das sie auch in Vladimirs Todesanzeige zitierte: «Einst war, wenn ich mich recht entsinne, mein Leben ein Bankett, wo sich alle Herzen öffneten, wo Weine flossen.»
 

Mix Weiss

wird 1924 in Luzern als Tochter eines Innerschweizer Kupferschmieds und einer österreichischen Chemikerin geboren. An der Kunstgewerbeschule Zürich bildet sie sich zur Modegrafikerin aus. Mit 19 Jahren heiratet sie den Bildhauer Max Weiss. Das Paar zieht mit seinen drei Kindern nach Tremona im Tessin. Nach der Scheidung 1974 kehrt Mix Weiss nach Zürich zurück und arbeitet als Moderedaktorin bei den Zeitschriften «Femina», gamevuinhon und «Schweizer Familie». Ab 1988 schreibt sie grosse In- und Auslandreportagen für die NZZ-Wochenendbeilage. Für ihr Porträt über den Tessiner Lyriker Giorgio Orelli bekommt sie 1992 den Zürcher Journalistenpreis. Im Jahr 2000 erzählt sie in ihrem gefeierten Roman «Kupferblues» die Geschichte ihrer Eltern. Heute lebt Mix Weiss wieder im Tessin, in Meride, wo sie auch «Vabanque. Journal einer Amour fou» geschrieben hat, ihre Erinnerungen an ihre turbulente sechsjährige Beziehung mit einem Zigeuner.

Mix Weiss: Vabanque

Journal einer Amour fou. Bilgerverlag, Zürich 2012, 145 S., ca. 30 Fr.

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