Interview

Sexualisierte Kriegsgewalt gegen Frauen

Interview: Helene Aecherli; Fotos: Andy Spyra

Krieg gegen die Frauen: Die Not der Sklavinnen in den Lagern der Terrormiliz Boko Haram
Krieg gegen die Frauen: Die Not der Sklavinnen in den Lagern der Terrormiliz Boko Haram
Krieg gegen die Frauen: Die Not der Sklavinnen in den Lagern der Terrormiliz Boko Haram
Krieg gegen die Frauen: Die Not der Sklavinnen in den Lagern der Terrormiliz Boko Haram
Krieg gegen die Frauen: Die Not der Sklavinnen in den Lagern der Terrormiliz Boko Haram
Krieg gegen die Frauen: Die Not der Sklavinnen in den Lagern der Terrormiliz Boko Haram
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Talatu (14) aus dem Dorf Duhu wurde von Boko-Haram-Kämpfern zusammen mit ihrer Mutter Sadiya und anderen Frauen auf einen Lastwagen geladen und in den Sambisa-Wald verschleppt. Dort wurde sie von der Mutter getrennt und an einen Hilfslehrer der Koranschule des Lagers zwangsverheiratet. «Der hat uns im Unterricht besonders hart geschlagen. Ich weiss nicht mehr, wie er aussieht. Ich kann mich nicht erinnern. Ich habe schon fast alles vergessen.»

Sadiya (31) ist die Mutter von Talatu. Ihr Mann, ein Lastwagenfahrer, starb bei einem Unfall. Mit ihm hatte sie sieben Kinder. Im Lager «Tor 1» im Sambisa-Wald wurde sie mit einem Boko-Haram-Kämpfer verheiratet, von dem sie nun schwanger ist. Sie will das Kind behalten. «Ich will es nicht töten. Ich will mich nicht schuldig machen. Viele Leute raten mir zur Abtreibung. In meinem Dorf kamen Männer der Selbstverteidungsmiliz zu unserem Haus und sagten: ‹Wenn es ein Junge wird, werden wir ihn töten, weil er später auch ein Boko-Haram-Kämpfer werden wird.›»

Cecilia (25) wurde zwei Monate in einem Boko-Haram-Camp im Sambisa-Wald gefangen gehalten. Es heisst, auf diesem Wald – einem lichtlosen Dornendickicht, das beinahe die Fläche der Schweiz bedeckt – liege ein Fluch aus der Vorzeit. Der deutsche Reporter Wolfgang Bauer schreibt darüber: «In diesem Wald gibt es viele Raubtiere. Das gefährlichste unter ihnen aber ist der Mensch. Genauer: der Mann.» Cecilia gelang die Flucht, als das Militär das Camp angriff.

Sakinah (30) ist die Halbschwester von Cecilia und Mutter von vier Kindern. Bei ihrer Entführung wurde sie von ihnen getrennt. Wird Boko Haram angegriffen, dienen die gefangenen Frauen und Kinder als menschliche Schutzschilde: Bei einem Rückzug müssen die Frauen vorangehen, ihre Kinder folgen am Schluss, dazwischen die Kämpfer. Kollabiert ein Kind in der Hitze, bleibt es liegen – seine Mutter wird zum Weiterlaufen gezwungen.

Rabi (13) war – getrennt von ihrer Mutter – neun Monate in der Gewalt von Boko Haram. In der Koranschule des Sambisa-Lagers «Tor 2» sah sie ihre Cousine Talatu, durfte aber nie mit ihr sprechen. «Der Mann, den sie mir im Wald gegeben haben, war um die 20. Ich sah, wie er zweien den Kopf abschnitt. Er schwitzte und war ganz aufgeregt, als er später zu unserer Schlafstelle kam. ‹Das Gleiche werde ich mit dir machen, wenn du wegrennst›, sagte er. In dieser Nacht zwang er mich, ihn zu erdulden. Er sagte, er vollstrecke den Willen Gottes.»

Agnes (24) war Christin, musste aber als Gefangene zum Islam übertreten. Im Wald von Sambisa wurde auch sie vergewaltigt: «Die Geburt des Kindes, das mir dieser Mann gemacht hat, war sehr schmerzhaft. Ich liebe das Kind nicht. Ich weiss, sein Vater hat die Verbrechen begangen, das Kind ist unschuldig. Ich schaue es oft an und denke, ich muss doch was fühlen. Aber ich fühle nichts.»

Ob im Bosnienkrieg oder durch Terrorgruppen wie Boko Haram und den IS: Sexualisierte Gewalt an Frauen ist eine Taktik des Terrors. Die Schweizer Gynäkologin Monika Hauser, Gründerin von Medica Mondiale, über die grausamste Form der Kriegsführung und die zwingende Notwendigkeit, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen.

gamevuinhon: Monika Hauser, Terrorgruppen wie der IS in Syrien und Boko Haram in Nigeria entführen und versklaven Tausende Frauen. Im Südsudan werden 8-jährige Mädchen vergewaltigt. Warum dieser entsetzliche Krieg gegen Frauen?
Monika Hauser: Darauf gibt es keine einfache Antwort. Sexualisierte Gewalt ist nicht neu. In allen Kriegen der letzten Jahrhunderte haben Frauen und Mädchen sie erlebt, allein im Zweiten Weltkrieg gab es Millionen von Vergewaltigungen. Dass sexualisierte Kriegsgewalt heute ein derartiges Ausmass angenommen zu haben scheint, hängt damit zusammen, dass wir anders hinschauen und auch anders darüber berichten. Es ist die grausamste Form der Kriegsführung, mit dem Ziel, den Gegner zu demütigen.

Bei Boko Haram und dem IS liegt der Gewalt wohl aber auch eine politische Strategie zugrunde.
Boko Haram strebt eine gesellschaftliche Umwälzung mit islamistischen Vorzeichen an. Dazu gehört die landesweite Einführung der Scharia und das Verbot dessen, was sie als westliche Bildung bezeichnen. Die Entführung und Zwangskonvertierung von Schulkindern wie von verheirateten Frauen steht in diesem Kontext. Zudem werden Frauen und Mädchen zwangsverheiratet, was der Reproduktion der eigenen Gruppe dient. Hier gibt es Parallelen zum IS, aber auch zur Lord’s Resistance Army in Uganda, die ebenfalls eine Umwälzung will, jedoch auf fundamentalistisch-christlicher Basis.

In einer patriarchalen Gesellschaft, wie sie von den Terrorgruppen in extremis zelebriert wird, soll es grundlegende Faktoren geben, die eine Vergewaltigungskultur begünstigen. Welche sind dies?
Das Festsetzen des Männlichen als oberstes Prinzip und dessen positive Konnotierung als aktiv, aggressiv, sexuell potent, während das Weibliche als passiv, friedfertig, sexuell zurückhaltend gilt. Es geht hier um kulturelle Vorstellungen eines hierarchischen Geschlechterverhältnisses. Fatal ist, dass sich Männer und Frauen der Schwerkraft patriarchaler Normen kaum entziehen können.

Das heisst?
Überspitzt gesagt: Wer als Mann nicht ständig kann, wird schnell als Schlappschwanz abgestempelt, wer als Frau sexuell selbstbestimmt aktiv ist, gilt als Schlampe. In Gesellschaften, in denen Frauen mehr oder minder rechtlos sind, kann das tödlich enden: So ist etwa Vergewaltigung in der Ehe selten ein Straftatbestand. Frauen und Mädchen werden kulturell wie gesetzlich als Eigentum ihres männlichen Vormunds gesehen – und sind es faktisch auch.

Der Grund für die grassierende Gewalt gegen Frauen in Kriegen, sagen Sie, liegt darin, dass alle unsere Gesellschaften patriarchal sind. Was meinen Sie damit?
Gemäss der ersten grossen EU-Studie, die im vergangenen Jahr publiziert wurde, hat jede dritte Frau seit ihrer Jugend körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt. Das sind gut 62 Millionen Frauen allein in unseren europäischen Ländern. Dies zeigt, dass sexualisierte Gewalt eines der Hauptsymptome patriarchaler Gesellschaften ist. Deshalb ist es mir wichtig, sie als ein globales, systemisches Phänomen zu benennen, das eben in Kriegen verschärft sichtbar wird. Und wenn sich gerade in der internationalen Politik, in der Mentalität der Politiker und der Militärs nichts tut, wird es nie prinzipielle Verbesserungen geben.

Vor 15 Jahren verabschiedete der Uno-Sicherheitsrat die Resolution 1325. Sie ruft Konfliktparteien auf, Frauen zu schützen und sie gleichberechtigt in Friedensverhandlungen miteinzubeziehen. Die Resolution wurde aber kaum umgesetzt. Wieso?
Würden Regierungen dies tun, hätte dies Konsequenzen: Dann nämlich gilt es, die eigene Wirtschaft herauszufordern; dann müssten etwa Rüstungsexporte in einem ganz anderen Licht betrachtet werden. Ich sehe derzeit kein einziges Land ausser vielleicht Schweden, dessen Aussenministerin Margot Wallström explizit eine feministische Aussenpolitik betreibt, das diese Resolution als ein prioritäres sicherheitspolitisches Anliegen behandelt.

Immerhin, gerade die Einsicht, dass es ohne die Beteiligung von Frauen in Friedensverhandlungen weder Sicherheit noch Stabilität geben kann, setzt sich langsam durch.
Ja, vielleicht auf internationalen Kongressen, aber die Realität sieht anders aus. Nehmen wir Afghanistan. Was wir hier erleben, ist ein desolates Aneinanderreihen von Verhandlungen, Geber- und Friedenskonferenzen, an denen Frauen nicht beteiligt werden, obwohl es viele kompetente Frauen gibt: Ärztinnen oder Journalistinnen, die oft ihr Leben riskieren, die trotz konstanter Einschüchterungsversuche, wie Drohbotschaften per SMS, jeden Tag zur Arbeit gehen. Aber man holt, wohl um die Friedensverhandlungen nicht zu gefährden, lieber Taliban an den Verhandlungstisch, die für schwerste Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind. Da verbaut sich die internationale Gemeinschaft eine grosse Chance.

Letztes Jahr wurde in London erstmals der Global Summit to End Sexual Violence in Conflict durchgeführt, an dem sexualisierte Kriegsgewalt explizit als Kriegsverbrechen geächtet wurde. Was ist seither geschehen?
Die Konferenz war in Bezug auf die internationale Wahrnehmung von sexualisierter Kriegsgewalt ein Meilenstein. Trotzdem – geschehen ist kaum etwas.

Warum nicht?
Zwischen Veränderungen im Bewusstsein und konkretem politischen Handeln liegt zuweilen ein langer Weg.

Was fordern Sie konkret?
Die langfristige Unterstützung für Opfer. Und dass Täter zur Rechenschaft gezogen werden, denn die allermeisten gehen immer noch straffrei aus. Zudem muss endlich erkannt werden, dass viele Frauen und Mädchen auf der Flucht sexualisierte Gewalt erleben.

Das ist etwas, das in den Debatten um die Flüchtlingskrise gänzlich ausser Acht gelassen wird. Wie liesse sich diese Gewalt bekämpfen?
Allem voran sind sichere Fluchtwege per Fähre, Bahn und anderen menschenwürdigen Verkehrsmitteln sowie die Einführung eines humanitären Visums das Gebot der Stunde.

Sexualisierte Gewalt geht dann aber in Flüchtlingslagern weiter: In Syrien, im Libanon, sogar in Europa.
Die Situation von Frauen in Flüchtlingslagern ist inakzeptabel. In den überfüllten Unterkünften sind Übergriffe programmiert: Es gibt oft keine separaten abschliessbaren Toiletten und Waschräume, unbegleitete Mädchen haben keine eigenen geschützte Räume. Ausserdem fehlt es an Personal, um die Flüchtlinge medizinisch und psychosozial zu unterstützen.

Darauf reagieren die Lagerverantwortlichen nicht?
Lassen Sie es mich so sagen: Es mangelt an Menschen, die erkennen, dass es fahrlässig ist, die Sanitäranlagen weit abgelegen, an den Rand des Lagers, zu platzieren. Frauen befürchten, nachts auf dem Weg zur Toilette vergewaltigt zu werden. Das alles weiss man im Prinzip schon längst. Doch unternommen wird nichts.

Während des Bosnienkriegs vor 20 Jahren vergewaltigten Soldaten und Paramilitärs zwischen 20 000 und 50 000 Frauen und Mädchen. Medica Mondiale hat gemeinsam mit Medica-Zenica, der bosnischen Schwesterorganisation, überlebende Frauen nach ihrer gesundheitlichen und gesellschaftlichen Situation befragt. Was sind die Erkenntnisse?
Über sechzig Prozent der insgesamt 51 befragten Frauen leiden an posttraumatischen Belastungsstörungen, haben Flashbacks und Panikattacken, sind oft kaum fähig, ihren Alltag zu bewältigen. Über ein Drittel haben schwere Schmerzen im Unterleib. Auch die Kinder dieser Frauen sind betroffen, und zwar nicht nur jene, die aus einer Vergewaltigung entstanden sind: Sie haben das Gefühl, aufgrund dessen, was ihre Mütter erlebt haben, selber nicht leben zu dürfen. Wir nennen dies transgenerationelles Trauma.

Das heisst, das von der Mutter erlittene Trauma wird an die Kinder weitergegeben?
Genau. Deshalb wäre es so wichtig, den Frauen eine adäquate therapeutische Behandlung zu ermöglichen, damit diese Spirale durchbrochen wird. Doch Tatsache ist, dass die meisten Frauen täglich Psychopharmaka nehmen. Das ist zwar billig, verringert aber ihre Widerstandskraft. Sie empfinden sich als nicht kompetent, selbst etwas an ihrer Situation zu verändern.

Nun gesteht Bosnien-Herzegowina als erstes Land der Welt im Krieg vergewaltigten Frauen den Status der Kriegsveteranin zu. Ein Schritt in die richtige Richtung?
Ja. Dieser Status soll Frauen das Recht auf finanzielle Unterstützung, psychologische und medizinische Hilfe bieten, auf Hilfe für die Kinder sowie auf Wohngeld und soziale Anerkennung. Die Verantwortlichen hören endlich auf mit dem Denken, dass Frauen Schuld haben an dem, was ihnen geschehen ist, stattdessen sollen die Täter verurteilt werden. Das sind wichtige Botschaften. Die Krux ist aber: Die Umsetzung dieses Status ist demütigend. Die Frauen müssen ihre Geschichte immer wieder erzählen, zudem haben die Behörden die Regel eingeführt, wonach sie sich jedes Jahr von einem Amtsarzt untersuchen und sich bestätigen lassen müssen, dass sie traumatisiert sind. Auch hören sie oft: «Ach, du bist eine dieser vergewaltigten Frauen.» Dadurch fallen sie in eine Opferidentität zurück.

Sexualisierte Kriegsgewalt ist ein Kontinuum, betonen Sie. Was bedeutet das?
Häufig werden Frauen der Feindesgruppe vergewaltigt, um den Konflikt anzustacheln. Vergewaltigungen vor dem eigentlichen Ausbruch eines Konflikts sind deshalb ein Warnzeichen dafür, dass eine Krise bevorsteht. In der Nachkriegszeit sind Frauen dann oft in mehrfacher Hinsicht Gewalt ausgesetzt: Einerseits deshalb, weil viele Männer traumatisiert von den Kämpfen nachhause kommen, meist arbeitslos sind und als Ventil für diese Frustration Gewalt in ihren Familien ausüben. Zudem werden in allen Nachkriegsgebieten unmittelbar dann, wenn internationale Helfer und Truppen ins Land strömen, durch Mafia-ähnliche Strukturen Bordelle aufgebaut.

Die auch von Uno- oder Nato-Truppen besucht werden.
Sicher. So haben es die Truppensteller etwa toleriert, dass ihre Männer im Kosovo oder in Liberia in diese Bordelle gingen, in denen sich oft 14-, 15-jährige Mädchen prostituieren mussten, um ihre Familien zu ernähren.

Als publik wurde, dass Uno-Blauhelmsoldaten in Kambodscha, in der Demokratischen Republik Kongo und in Sierra Leone sexualisierte Gewalt an einheimischen Frauen und Kindern ausgeübt hatten, verkündete Kofi Annan, der damalige Generalsekretär der Uno, eine Nulltoleranzpolitik und erliess strenge Richtlinien. Wie wirksam sind diese Massnahmen?
Das Problem liegt auch hier in der Umsetzung: Wer kontrolliert sie? Ein Beispiel: Wir arbeiten seit neun Jahren in Liberia. Immer wieder sieht man in der Altstadt Monrovias vor den einschlägigen Etablissements die weissen Wagen mit den Namen der Hilfsorganisation stehen. Als ich mal mit dem Chef einer deutschen Organisation darüber sprach, sagte er: «Dann sollen die Idioten doch in der Strasse um die Ecke parkieren.»

Wie haben Sie darauf reagiert?
Ich sagte: «Dann kann ich von Ihnen nicht erwarten, das Sie für Ihre Männer Verantwortung übernehmen.» Er antwortete: «Ich kann ja meinen Männern nicht unter die Bettdecke schauen.» Diese Haltung schimmert immer noch durch, obwohl man mittlerweile weiss, dass sexualisierte Gewalt durch Friedenstruppen imageschädigend ist.

Trotzdem – erst vor kurzem sollen Kinder in der Zentralafrikanischen Republik von französischen Soldaten vergewaltigt worden sein.
Und der hochrangige schwedische Beamte, der dies gemeldet hat, ist sofort suspendiert worden. Noch einmal: Wir haben zwar all diese Richtlinien, aber sie funktionieren nicht. Es gibt in diesen Strukturen einfach noch immer kein wirkliches Unrechtsbewusstsein.

Wie lässt sich dieses entwickeln?
Soldaten müssen vor den Einsätzen geschult werden: Sie müssen die Zwangslage der Frauen und Mädchen erkennen, die sich aus schierer Not prostituieren. Müssen sich fragen: Was ist meine Verantwortung als Mann? Ist es männlich, wenn ich mir für zehn Dollar eine Minderjährige kaufe? Ist es männlich, jene Kollegen unter Druck zu setzen, die nicht mitmachen wollen, und sie als schwul zu bezeichnen?

Um das Unrechtsbewusstsein zu stärken, müssen Täter bestraft werden. Doch ist sexualisierte Gewalt in vielen Gesellschaften tabuisiert, sodass es für ein Opfer oft unmöglich ist, als Zeugin auszusagen. Gibt es Wege, dieses Tabu zu brechen?
Das ist ein zentraler Punkt: Würde eine Frau darüber sprechen, was ihr angetan wurde, liefe sie Gefahr, stigmatisiert oder von ihrer Familie ausgestossen zu werden, während die Täter straflos blieben. Das ist verheerend. Denn ohne Zeuginnen können diese Verbrechen nicht geahndet werden. Leider aber gibt es nach wie vor kein Konzept, das die Dynamik von sexualisierter Gewalt als solche wie auch als Kriegsstrategie erfasst und die Anklagen darauf aufbaut.

Wie lassen sich in der Umgebung der Frau Voraussetzungen dafür schaffen, dass nicht sie ausgegrenzt wird, sondern der Täter?
Durch klare Gesetze und Aufklärung. In Afghanistan haben wir die Bevölkerung mit Radiospots über das Anti-Gewalt-Gesetz informiert, das seit 2009 in Kraft ist. Wir haben erklärt, dass man mit Gefängnis bestraft werden kann, wenn man die 12-jährige Tochter verheiratet oder die Ehefrau schlägt.

Männer für die Gleichstellung zu sensibilisieren gilt heute als prioritär. Was sagen Sie dazu?
Das ist ein Schlüssel. Unsere afghanischen Kolleginnen haben sogar Fortbildungskurse für Mullahs veranstaltet. Sie haben darüber gesprochen, welche Gesetze es gibt und Koransuren diskutiert, in denen explizit steht, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Und sie redeten mit den Mullahs über deren eigene Töchter; fragten sie, ob sie ihre Töchter schon mit zwölf verheiraten oder ihnen jegliche Schulbildung verweigern würden. Die Antwort war oft: «Nein, aber meiner Tochter doch nicht!» Manche Mullahs haben dann angefangen, in ihren Freitagsgebeten über Kinderheiraten zu wettern.

Sind solche Kurse in Zeiten des zunehmenden Fundamentalismus noch durchführbar?
Es wird immer schwieriger. Die Fundamentalisten kämpfen nicht nur gegen Frauen, sondern auch gegen gemässigte Kräfte, darunter auch gemässigte Mullahs. Die befinden sich wegen ihrer Haltung oft in Gefahr. Stellt sich die Frage: Wer ist schneller? Die Fundamentalisten oder die demokratisch gesinnten Kräfte?

Ist Frieden zwischen den Geschlechtern überhaupt möglich?
Es ist der einzige Weg. Denn nur eine Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichberechtigt sind, wird die Chance haben, sich zu entwickeln. Ausschlaggebend dafür ist auch die wirtschaftliche Lage. Ich komme noch einmal auf Bosnien-Herzegowina zurück: Wir haben dort viel erreicht: Vergewaltigung in der Ehe ist ein Straftatbestand, es gibt ein Gesetz gegen Diskriminierung bei der Arbeit. Aber wenn das Land wirtschaftlich nicht auf die Beine kommt, haben wir wenig Chancen auf jegliche Gerechtigkeit und somit auf einen nachhaltigen Frieden zwischen den Geschlechtern.

— Monika Hauser ist Gründerin und Geschäftsführerin von Medica Mondiale, einer NGO, die sich für Frauen und Mädchen in Krisengebieten einsetzt. Medica mondiale bietet Frauen und Mädchen, die Vergewaltigung und Folter erlebt haben, medizinische, psychologische und rechtliche Unterstützung.

Die Terrorgruppe Boko Haram hält in Nigeria Tausende Frauen und Mädchen gefangen. Sechs von ihnen, denen die Flucht gelang, zeigen wir hier in der Bildergalerie.

Von Angst geprägt

Die Porträtbilder zu unserem Interview entstammen der Reportage «Das Leben nach der Hölle» des deutschen Reporters Wolfgang Bauer und des Fotografen Andy Spyra. Das Team hat für das «Zeit-Magazin» Frauen und Mädchen interviewt, die von der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram entführt und versklavt wurden, aber aus deren Lagern fliehen konnten.

Die Interviews fanden in Yola statt, der Hauptstadt des nigerianischen Bundesstaats Adamawa. Die Reporter haben die Frauen über Vertrauensleute dorthin gebeten. Die Frauen leben heute wieder in ihren Dörfern, doch wäre ein Treffen dort zu riskant gewesen.

«Zu Beginn unserer Begegnungen herrscht auf beiden Seite ein grosses Misstrauen», schreibt Bauer. «Wir haben Angst, weil Boko Haram entführte Mädchen zwingt, sich als Selbstmordattentäterinnen in die Luft zu sprengen. Und natürlich haben die Frauen, die wir treffen, auch Angst vor uns: Sie können nicht einschätzen, ob wir gegen oder für Boko Haram sind. So lange dominierte diese Sekte ihre Gedankenwelt.»

— Den Artikel «Das Leben nach der Hölle» können Sie nachlesen im «Zeit-Magazin» (Nr. 34/2015) oder auf (Stichwort: Boko Haram). — Im April 2016 erscheint von Wolfgang Bauer und Andy Spyra das Buch «Die geraubten Mädchen. Boko Haram und der Terror im Herzen Afrikas» (Suhrkamp Verlag)

Helene Aecherli

Seit gut zehn Jahren schreibt Helene Aecherli als Reporterin für gamevuinhon. Eines ihrer Hauptthemen ist die Situation im Nahen Osten, insbesondere auf die Situation der Frauen. Lesen Sie auch: Wo bleiben die Frauen unter den Flüchtlingen?

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