Wohnstory

Mailänder Wohnfabrik: Das Zuhause von Industriedesigner Marc Sadler

Text: Porzia Bergamasco; Fotos: Alessandra Ianniello

Mailänder Wohnfabrik: Das Zuhause von Industriedesigner Marc Sadler
Mailänder Wohnfabrik: Das Zuhause von Industriedesigner Marc Sadler
Mailänder Wohnfabrik: Das Zuhause von Industriedesigner Marc Sadler
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Industriechic und Bilder der malenden Bewohner prägen die Küche

Im Atelier oben wird gezeichnet, unten wartet eine Lese- und Denkecke

Marc und Paola Sadler sind mit ihren Kindern vor 15 Jahren nach Mailand gezogen

Ein ehemaliges Mailänder Industrieareal hat sich zu einem spannenden Wohn- und Arbeitsquartier entwickelt. In einem Doppelloft hat sich der Industriedesigner Marc Sadler mit Familie eingerichtet.

Wenn es stimmt, dass das Haus der Spiegel der Seele ist, dann ist Marc Sadlers Lebens- und Arbeitsstätte hierfür ein überzeugendes Beispiel. Die zwei benachbarten Lofts in einer grossen Shedhalle erzählen von den vierzig Jahren seines Schaffens als Industriedesigner und zeugen gleichzeitig davon, wie wichtig ihm und seiner Frau Paola Gastfreundschaft ist.

Das Zuhause der Sadlers befindet sich in einem Stadtteil Mailands, der früher in erster Linie aus Fabriken bestand. Heute sind die weiten Produktionsflächen vielerorts in grosszügige Wohnbereiche umgewandelt worden. Und in den mittlerweile begrünten Innenhöfen zwischen den Gebäuden aus Stahl, Beton und Glas ist das fröhliche Geschrei spielender Kinder zu hören; das Dröhnen der Maschinen ist einem stillen Rhythmus kreativen Schaffens gewichen.

In Mailand gibt es nicht viele solcher Areale. Entsprechend haben sich in der nach der Via Tortona benannten Zona Tortona viele Kreative angesiedelt, die diese Mischung aus Aufbruch und Verwandlung besonders schätzen. «Wir sind vor 15 Jahren mit unseren Kindern hierhergezogen», erinnert sich der gebürtige Österreicher mit französischen Wurzeln. «Ursprünglich hatte ich ein Atelier gesucht, das ich bei Aufenthalten in Mailand auch als Zweitwohnung nutzen wollte. Aber dann gefielen uns das Umfeld und die Atmosphäre so sehr, dass wir dann auch unseren Hauptwohnsitz hierher verlegt haben.» Die vier erwachsenen Kinder sind mittlerweile über die ganze Welt verstreut. Nur das jüngste wohnt noch zuhause.

Epochen- und Stilüberschneidungen

Wohin man auch schaut, aus den Kunstgegenständen, Möbelstücken und den zum Teil selbst gemalten Bildern an den Wänden spricht eine persönliche Ästhetik, eine Leidenschaft für die richtigen, passenden und schönen Dinge des Lebens. Entstanden ist diese Ambiance in einem längeren Prozess: «Wir haben uns nach und nach eingerichtet, haben uns Zeit gelassen, die Dinge zu finden, die uns gefallen», sagt Marc Sadler. Zu diesem Prozess brauche es ein gewisses Faible für das Unvollendete – die Fähigkeit, Raum zu lassen, damit sich das, was man kreiert, und der Ort, an dem man lebt, entfalten können. Beim Gang durch die ehemalige Fabriketage trifft man auf zahlreiche Epochen- und Stilüberschneidungen, esist, als blättere man ganze Geschichtsbücher zum Thema Design durch, zu denen einige Kapitel von Marc Sadler selber geschrieben wurden.

Überall sind Produkte und Möbel zu entdecken, die Sadlers Gespür für Bequemlichkeit, Funktionalität und Sicherheit widerspiegeln. Ein Gespür, das er nicht nur in Einrichtungsgegenstände investiert hat, sondern auch in Dinge, die wir am Körper tragen, wie Skischuhe oder Sportbekleidung. Mit ihm sowie einer unablässigen Neugier und seiner Leidenschaft für Design hat er die Herstellung und Verwendung vieler Objekte und Gegenstände geradezu revolutioniert. Dazu gehört als wichtigstes, sogar lebensrettendes Produkt der für Dainese entworfene innovative Rückenprotektor für Motorradfahrer. Dafür erhielt er 1994 den Compasso d’Oro, einen renommierten Designpreis. Und den Brief eines Vaters, dessen Sohn dank des Protektors einen schweren Motorradunfall überlebt hatte. «Ich hätte nie gedacht, dass meine Arbeit so grosse Auswirkungen auf das Leben der Menschen haben kann», sagt der Designer, und seine Verwunderung darüber schwingt immer noch in seiner Stimme mit.

Bereiche des alltäglichen Familienlebens und der Arbeit gehen in den beiden Lofts ineinander über – aber es gibt auch klar definierte Zonen. «Oben, im Atelier, gibt es einen Tisch, der nur fürs Zeichnen da ist, und unten habe ich eine Kokonzone eingerichtet, die zum Denken da ist, in die ich mich zum Lesen und Ruhen zurückziehe. Und der alle fernzubleiben haben!» Auffallend ist die Leuchtkraft und Lebendigkeit der Farben, die Sadler zuhause, aber auch in seinen Produkten verwendet. Und beide Fabriketagen prägt eine entspannte Unordnung, die natürlich gewachsen scheint und nicht kaschiert wird, «weil sie einfach zum Leben gehört und manchmal sogar nötig ist», wie er sagt. Und Paola ergänzt: «Wir haben auch für den Fotografen nichts umgestellt. Unser Haus präsentiert sich so, wie es ist.»

Es gibt noch eine exklusive Zone, sie lässt Sadlers Erfindungsreichtum Raum zur Entfaltung. Im Untergeschoss findet die Handarbeit statt, der Übergang von der Skizze zum Produkt. In der Werkstatt nehmen die im Atelier erdachten Modelle Gestalt an, werden Funktionalität und Form überprüft. Werkzeuge, Schrauben, Resten verschiedenster Werkstoffe von Holz und Metall über Plastik und Kohlefasern bis hin zu Titan – alles wird aufbewahrt und wartet auf die Verwandlung in eine neue Form. So schliesst sich der Kreis, die Gegenwart knüpft an die Vergangenheit der Zona Tortona an und hält den Geist des alten Industriequartiers in modernem Design am Leben.

— Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach; Redaktion: Line Numme

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