Zu Besuch beim Womanizer-Erfinder

Toy Story

Text: Kerstin Hasse; Foto: Markus Burke 

Zu Besuch beim Womanizer Erfinder Michael Lenke
Zu Besuch beim Womanizer Erfinder Michael Lenke
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«Wir sind ein gutes Team»:

Brigitte und Michael Lenke 

Neben dem klassischen Womanizer (links), gibt es auch die portable, unauffällige Variante in Lippenstiftform. Das neuste Produkt in der Womanizer-Flotte heisst «Inside Out», bei diesem Toy wird die Druckwellenstimulation mit einem Vibrator kombiniert. 

Der Womanizer ist das erfolgreichste Sexspielzeug der letzten Jahre. Erfunden hat ihn Michael Lenke, als Erste getestet hat ihn seine Frau Brigitte. Wir haben das Ehepaar in Bayern besucht.

Im Radio hiess es, dass weite Teile Deutschlands mit schlechtem Wetter zu kämpfen hätten – ausser Bayern. Vielleicht seien die Menschen dort deshalb so glücklich, scherzte die Moderatorin.

Laut Glücksatlas, den die Deutsche Post alljährlich herausbringt, gehört Bayern tatsächlich zu den heitersten Regionen Deutschlands. Dass dieses Glück auf den günstigen klimatischen Bedingungen fusst, ist eine Möglichkeit. Wobei, im Spätwinter drückt auch hier gern der Hochnebel aufs Gemüt. Vielleicht liegts also am Bier, einem frisch gezapften, das ist schon wahrscheinlicher. Vielleicht aber liegt es auch an etwas ganz anderem. Womöglich liegt des Freistaats Glück im tiefsten Niederbayern, genauer in Metten – auf dem Küchentisch von Michael Lenke.

Michael Lenke sitzt auf einer mit weissem Leder überzogenen Bank, seine Frau Brigitte bringt Cappuccino und Himbeertorte. Die Stücke sind so gross, dass sie wackeln. Auf dem Tisch liegen lauter Geräte, die wie diese Apparate aussehen, die man Kindern ins Ohr hält, um die Körpertemperatur zu messen. Diese bunten kleinen Dinger auf dem Tisch haben jedoch schon Millionen Frauen in Ekstase versetzt, sie zum Höhepunkt getragen. Multipel. Innert Sekunden. Dies berichten 

zumindest die Kundinnen, die den Auflegevibrator Womanizer benutzt und danach online bewertet haben.Sind die Leute hier glücklicher, weil sie Sie als Nachbarn haben, Herr Lenke?

Der 67-Jährige lacht, seine Augen werden zu kleinen Schlitzen. Ob sie glücklicher seien, wisse er nicht. Befriedigter, das vielleicht schon. «Die Womanizer-Dichte ist in unserem Landkreis jedenfalls recht hoch.» Immer mal wieder schauen Leute bei den Lenkes vorbei, in der Hoffnung, den Womanizer mit einem Sonderrabatt zu ergattern, und in der Regel bekommen sie den auch. Denn die versprochene Orgasmusgarantie hat ihren Preis: In der Schweiz kostet die günstigste Version um die 130 Franken.

Das Haus der Familie Lenke liegt in einem ruhigen Quartier. Einfamilienhäuser, Vorgärten, Eisenzäune. Nur ein paar Minuten entfernt steht die Benediktinerabtei, zwei grosse, senfgelbe Zwiebeltürme ragen in den Himmel. Im Kloster befindet sich die berühmte barocke Bibliothek, in der über 35 000 Bücher stehen. Dass ausgerechnet hier das erfolgreichste Sextoy der letzten Jahre erfunden wurde, ist von einer gewissen Brisanz. Es ist ja nicht so, dass der Vatikan den Einsatz von Vibratoren lobpreisen würde. Und natürlich wissen alle Bewohner des 4400-Seelen-Dorf, was Michael Lenke erfunden hat. Dass das eben keine Fieberthermometer sind, die er in elegante, schwarze Schachteln packt. Ein Problem ist das lustvolle Geschäft der Lenkes aber nicht, wie das Ehepaar betont. «Ich habe damit gerechnet, dass mich irgendwann der Abt anruft und darum bittet, den Ball flach zu halten. Aber das ist nie passiert», sagt Michael Lenke. Im Gegenteil. Seine Firma ist sogar Sponsor des lokalen Mädchen-Volleyballteams, das in Womanizer-Shirts in der Turnhalle der Abtei trainiert.

Packt Michael Lenke eine Idee, lässt sie ihn nicht mehr los. Sein Antrieb ist stets derselbe: Er will die Lösung für ein Rätsel finden, das er sich selber gestellt hat. Das war schon so, als er ein Erdbeben-Frühwarnsystem erfand. Und auch als er einen Blumentopf entwarf, der die Wurzeln von Pflanzen daran hindert, immer weiterzuwachsen. Und so war es denn auch, als er eine Studie las, wonach über fünfzig Prozent der Frauen nie oder nur selten zum Höhepunkt kommen. «Ich wusste, daran muss ich etwas ändern.» Also setzt er sich mit Ärzten zusammen, liest Studien und Forschungsberichte. Ihm wird klar: Ein Toy, das den Markt revolutioniert, darf nicht einfach nur vibrieren, wie es die meisten Sexspielzeuge für Frauen tun. Diese Befriedigung ist Lenke zu plump, auch weil sie meist zu einer Überreizung führt o der es mit der Zeit zu einem Gewöhnungseffekt kommt. Die Vibration, die anfänglich noch stimulierte, reicht irgendwann nicht mehr aus. Also muss ein stärkerer Vibrator her, dann noch ein stärkerer – und irgendwann sind die Nervenenden taub. Lenke lernt aus seinen Gesprächen, dass er ein Toy erfinden muss, das die Frau auf schonende Art befriedigt.

Er entscheidet sich für eine berührungslose Variante, die über Druckwellen stimuliert. Da die Klitoris mit über 8000 Nerven besonders empfindlich ist, soll sie diese erogene Zone betören.

Brigitte Lenke kann die Stimmungen ihres Mannes mittlerweile entschlüsseln. Nach fast dreissig Ehejahren weiss sie, wann ihr Michael einen kreativen Schub auslebt und deshalb kaum ansprechbar ist. Sie sieht ihm an, wann sie ihn aus dem Haus locken muss, weil ihn eine depressive Post-Schaffensphase lähmt. Und sie weiss, dass sie zu ihrem Mann ehrlich sein muss. Das ist sie, als er ihr damals den ersten Prototyp des Womanizers zum Selbsttest überreicht. Ein Ding, das er aus einer Aquariumpumpe gebastelt hat. Das Teil liegt noch heute irgendwo in seiner Werkstatt. Michael Lenke verschwindet im Keller und kommt mit einer silbernen Gerätschaft in der Grösse einer Mandarine in der Hand zurück. Aus der schweren Pumpe ragt ein kleiner Schlauch, in einer anderen Öffnung steckt eine Schraube. «Ich musste die Pumpe so umbauen, dass sie nicht mehr saugt und bläst, sondern nur noch saugt», sagt er und lächelt verschmitzt. Den Prototyp zu testen, ist kein Vergnügen für Brigitte Lenke. In der SM-Szene werde so was vielleicht benutzt, sagt sie mit ironischem Unterton. «Der Schlauch saugte viel zu stark, das war nicht schön.» Ihr Mann tüftelt weiter, in der Werkstatt im Soussol seines Hauses, in der fünf Regale stehen, gefüllt mit gelben, grünen und durchsichtigen Boxen, durch die Kabel, Stecker und Schrauben schimmern. Bohrer, Akkus und Werkzeugkisten sind sauber aneinandergereiht. Sie habe gerade aufgeräumt, sagt Brigitte Lenke. «Ich muss ihm manchmal helfen, man kommt ja hier sonst nicht mehr durch.»

Als ihr Mann ihr dann nach über einem Jahr Tüftelei 2013 den finalen Prototyp des Womanizers überreicht und sie ihn testet, weiss sie, dass die Erfindung ein Erfolg wird. Eigentlich ist sie kein Fan von Sextoys, die Dinge, die ihr Mann in den Ehejahren davor bestellte, interessierten sie kaum. Ganz anders beim Womanizer. «Ich habe ihm gesagt: ‹Wenn du das produzieren kannst, dann wird das ein Hit.›» Dass sie als Testperson für die Erfindungen ihres Mannes agiert, stört sie nicht. «Im Gegenteil, wir sind ein Team – das waren wir schon immer.»

Fast drei Millionen Kundinnen hat Lenke heute. Seine Firma hat er an Investoren verkauft, weil das Unternehmen zu gross wurde. Über 800 Angestellte hat die Womanizer Group heute, der Sitz wurde von Bayern nach Berlin verlegt, verkauft wird auf der ganzen Welt. Lenke ist an der Firma beteiligt, ausserdem ist er das, was man in anderen Unternehmen wohl Head of Innovation nennen würde. Er ist noch immer der Tüftler im Hintergrund. Der finanzielle Erfolg sei enorm, sagt Lenke. Das sei schön, denn so könnten er und seine Frau es sich zum Beispiel leisten, ein Haus in Mallorca zu besitzen oder mal auf eine Kreuzfahrt zu gehen.

Wichtiger als der finanzielle Erfolg ist Lenke aber die Tatsache, dass er mit seiner Erfindung einen Unterschied auf der Welt machen konnte. «Das ist es, was einen Erfinder wie mich antreibt.» Ein Sextoy, das töne vielleicht nicht nach einer lebensverändernden Sache, aber wenn er höre, dass Frauen dank ihm zum ersten Mal einen Orgasmus haben, dass sie sich, ihre Sexualität, ihren Partner und ihre Beziehung besser kennen lernen, dann wisse er, dass er etwas Wichtiges erfunden habe. «Ich habe an den weiblichen Orgasmus geglaubt – und das hat sich gelohnt.»

Manchmal bekommen Lenkes Fanpost. Einmal, erzählt Lenke, hätten sie einen Brief aus Brasilien bekommen. Eine Frau schilderte darin, dass ihr Leben geplagt sei von einem schwierigen Verhältnis zur Sexualität, eine Tatsache, die sie nur ungern mit anderen Menschen teile. Aber ihm müsse sie einfach davon erzählen – und sich bedanken, er habe ihr Leben verändert. «Wir sassen am Tisch mit Tränen in den Augen», sagt Brigitte Lenke. Ihr Mann nickt. «Es ist schon schockierend, was man alles liest – Frauen, die mit über siebzig noch keinen Orgasmus hatten. Da fragt man sich schon, was da passiert ist.» Nicht nur seine Frau und Millionen Kundinnen sind Fan von der Erfindung, sondern auch seine beiden Töchter, die erwachsen sind, Kinder haben und von ihrem Vater jeweils die neuste Version des Toys zugeschickt bekommen. «Wir haben mit unseren Kindern immer sehr offen über Sexualität geredet, das ist kein Problem», sagt Lenke. Im Gegenteil. Seine Töchter seien stolz auf ihren Papa – sie hätten sich nie für seine Erfindung geschämt. «Der Womanizer kommt halt als hochwertiges Lifestyle-Produkt rüber und nicht als Schmuddelspielzeug.» Der Womanizer liegt elegant in der Hand. Und ja, um die Frage nach der Qualität des Spielzeugs zu beantworten, es stimmt: Der Womanizer kann, was er verspricht. Ihn zu benutzen, ist ein bisschen so, wie am Strassenrand auf einen Bus zu warten. Es geht einen Moment, man steht an einer Stelle, wartet, irgendwann wird es spannend – und dann kommt er um die Ecke gebrummt. Viel Arbeit oder Aufregung steckt nicht dahinter, aber er erfüllt seinen Zweck. Mit Garantie, wie die Lenkes betonen. «Freundinnen von uns haben den Womanizer benutzt, während sie Horrorfilme anschauten, also ganz und gar kein anregendes Programm, und trotzdem kamen sie zum Höhepunkt. Man kann sich nicht dagegen wehren, der Orgasmus kommt einfach.» Die Lenkes haben von Beginn an Pornomessen ausgelassen und den Vibrator als hochwertiges Gerät positioniert, das man nicht verstecken muss. Es gibt sogar eine portable Womanizer-Variante, die aussieht wie ein grosser Lippenstift. Er soll im Gepäck nicht auffallen und laut Lenke vor allem den arabischen Raum erobern.

Die XL-Variante des Womanizers wiederum wurde vor allem für den US-Markt erfunden. «Wir haben die Rückmeldung erhalten, dass korpulente Frauen Mühe damit haben, den Womanizer aufzulegen, deshalb haben wir den Griff verlängert. Wir versuchen, wirklich auf unsere Kundinnen einzugehen», sagt Lenke. Er hofft, dass der Womanizer irgendwann als medizinisches Gerät registriert wird, das Gynäkologinnen und Gynäkologen ihren Patientinnen verschreiben können. «Wir wissen jetzt schon von Ärzten, die den Womanizer zur Therapie empfohlen haben.»

Ausgetüftelt hat Lenke noch lange nicht. Im November wurde eine neue Version des Womanizers lanciert, die zusätzlich mit einem Dildo ausgestattet ist, den man einführen kann. So werden die Klitoris und die Vagina gleichzeitig stimuliert. Und im nächsten Jahr soll noch ein weiteres Toy dazustossen, das auf einer komplett neuen Technik basiert. Zudem werkelt Lenke an einer Erfindung, die ihn schon lange beschäftigt: dem männlichen Pendant zum Womanizer. Dieses Produkt sei eine grosse Herausforderung, sagt er. Denn auch wenn die weibliche Sexualität nur schon aus Gründen der Physiognomie komplexer ist als die männliche – allein schon die Spitze der Klitoris hat doppelt so viele Nerven wie der Penis –, gibt es kaum ansprechende Toys für Männer. Die grosse Herausforderung seien aber nicht nur Aufbau, Technik und Design, sondern vor allem die Grösse. «Beim Mann gibt es ja nicht mal ansatzweise so etwas wie einen Mittelwert. Und versuchen Sie mal, einem Mann ein Toy zu verkaufen, auf dem S als Grössenangabe steht, das können Sie vergessen. Jeder Mann kauft doch ein XL – und dann sitzt es nicht.» Die Technik hat er bereits, jetzt geht es darum, das Gerät in die Realität umzusetzen. Lenke hofft, dass der «Manizer», so lautet der Arbeitstitel, innerhalb der nächsten zwei Jahre marktreif sein wird. Die Bayern werden dann vielleicht noch glücklicher werden. Und Metten, das kleine Benediktinerdörfchen, das glücklichste Örtchen Deutschlands. Weil hier das Glück aus einer inneren Befriedigung kommt.

Kerstin Hasse

Die Online-Reporterin interessiert sich für die Fragen, die sich ihre Generation gerade stellt. Sie schreibt über Politik und Popkultur, über Feminismus und Gleichstellung, über Beziehungen und – typisch Millennial – manchmal auch über sich selbst.

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