Boreout bei Müttern

«Und immer immer wieder Windeln wechseln»

Text: Jessica Prinz; Foto: iStock

«Eine Mutter ist nicht egoistisch, wenn sie auf sich selbst achtet»

Muttersein und Langeweile? Boreout heisst das Phänomen, von dem viele betroffen sind und es oft gar nicht wissen. Persönlichkeitscoach Katrin Kaden über den Sinn des Windelnwechselns, den Druck in den Social Media und die wichtige Selbstreflexion.

Kinder zu bekommen, verändert das Leben schlagartig. Während der Alltag vorher aus Meetings und Businesslunches bestand, bestimmt jetzt der Rhythmus des Babys die Agenda. Burnout bei Müttern ist ein bekanntes Phänomen. Der Druck ist hoch, die Nächte sind kurz, das Baby schreit – das sorgt für Stress und kann zu Burnout und weiter auch zu Depression führen.

Seltener hört man dagegen von Boreout, von dem ebenfalls viele Mütter betroffen sind, oft ohne es zu wissen. Langeweile und Muttersein scheint auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben. Doch während vorher abwechslungsreiche Tage mit Kollegen und Freunden das Leben erfüllten, können die Aufgaben, die ein Baby mit sich bringt, zu Langeweile und geistiger Unterforderung führen.

gamevuinhon: Katrin Kaden, ab wann spricht man von einem Boreout?
Katrin Kaden: Boreout heisst salopp übersetzt «ausgelangweilt sein». Ein Boreout ist etwas, das sich über eine längere Zeit entwickelt und nicht von heute auf morgen plötzlich da ist. Der Ablauf ist immer gleich: Unterforderung führt zu Langeweile und im weiteren Verlauf zu Desinteresse. Man kann qualitativ oder quantitativ unterfordert sein, also entweder habe ich zu wenig zu tun, oder aber ich habe genug zu tun, die Tätigkeit selbst unterfordert mich aber. Die langfristige Folge: Langeweile und Frust. Man macht täglich die gleichen Aufgaben x-mal, Windeln wechseln, füttern, aufräumen… Und immer wieder alles von vorn, heute wie morgen und übermorgen. Egal, wie sehr ich mein Kind liebe, irgendwann wird das einfach langweilig, und das Desinteresse nimmt zu. Besonders in der Arbeitswelt, wo das Boreout häufig vorkommt, kann man beobachten, dass Betroffene Methoden entwickeln, um vorzutäuschen, dass sie beschäftigt sind. Sie drehen Extraschlaufen, erledigen unnütze Dinge oder sogar Privates während der Arbeitszeit. Das Gleiche geschieht bei Müttern.

Inwiefern?
Zu Anfang, wenn das Kind noch sehr klein ist, passiert das weniger. Da ist es oft eher der Fall, dass man qualitativ unterfordert ist, die Aufgaben also einfach nicht anspruchsvoll genug sind. Wenn die Kinder aber älter werden, in die Schule gehen oder später ganz aus dem Haus sind, ist da plötzlich wieder viel mehr Zeit, die gefüllt werden muss. In dieser Phase der Erziehung neigen darum viele Mütter zu einem Boreout wegen quantitativer Unterforderung und entwickeln auch Strategien, um das zu vertuschen. Vielleicht fängt man dann an, zweimal in der Woche die Fenster zu putzen, um beschäftigt zu wirken.

Wie kann man ein Boreout erkennen?
Betroffene, die im Boreout stecken, sind oft lustlos, reizbar oder unruhig, dazu kommen Stimmungsschwankungen, Selbstzweifel, Konzentrations- und Schlafstörungen, Rückenschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden und eine hohe Anfälligkeit für Infekte.

Ähnliche Symptome also wie bei einem Burnout oder einer postnatalen Depression.
Ja, wobei eine postnatale Depression eher hormonell bedingt ist und ein Boreout im Gegensatz dazu über längere Zeit entsteht. Zum Burnout gibt es aber tatsächlich viele Parallelen. Überforderung führt zum Burnout, Unterforderung zum Boreout. Blöderweise treffen bei Müttern Über- und Unterforderung oft gleichzeitig zu, eine Mischform aus Boreout und Burnout ergibt sich. Bei beiden spricht man allerdings grundsätzlich nicht von Symptomen. Ein Boreout ist wie ein Burnout keine eigentliche Krankheit, sondern eher ein psychosoziales Phänomen – was nicht heisst, dass es nicht ernstzunehmend ist. Im Gegenteil: Aus einem Boreout können sich Folgekrankheiten entwickeln – eine Depression zum Beispiel, die bis zur Suizidalität führen kann.

Ist das vielleicht auch ein Grund, warum es – wie ein Burnout oder eine Depression auch – oft nicht ganz ernst genommen wird?
Mag sein. Andererseits: Wenn etwas als Krankheit bezeichnet wird, neigen viele dazu, sich zurückzulehnen und zu sagen: Mach mich mal gesund. So einfach ist das aber nicht. Denn es braucht viel Eigenverantwortung und die Erkenntnis, dass etwas schief läuft. Man kann nicht einfach zum Arzt gehen, eine Tablette nehmen und denken, jetzt ist alles wieder gut.

Wie schafft man denn den Weg aus dem Boreout?
So, wie ein Boreout entsteht, so geht es auch wieder weg: mit viel Zeit. Das ist ein Prozess, den man durchmacht. Der erste Schritt ist das bewusste Hinschauen. Grad beim Thema Mutter-Kind macht man sich selbst oft viel Druck. Man neigt dazu, zu denken, weil die Schwangerschaft gut verlaufen und das Kind gesund ist, muss man jetzt glücklich sein. Trifft das nicht zu, kann es zu Schuldgefühlen führen. Solche Gefühle zu erkennen, ist nicht einfach, man darf sich allerdings nicht selbst verurteilen. Dazu kommt die Eigenverantwortung. Ohne die bewusste Entscheidung zu sagen «Ich will die Verantwortung für mich übernehmen» kommt man nicht weiter. Ein dritter Schritt ist, es auch mal gut sein zu lassen, sich vom Perfektionismus zu verabschieden und sich selbst und die Situation anzunehmen, wie sie ist. Es ist okay, ein Problem zu haben, ich muss keinem perfekten Mutterbild entsprechen.

Gibt es Zahlen, wie viele Frauen in der Schweiz von einem Boreout betroffen sind?
Ich kenne keine Statistiken. Ich denke, das liegt daran, dass es so schwer abgrenzbar ist. Wann ist es ein Boreout, wann eine Depression? War es vor der Depression ein Boreout? Das geht so ineinander über, dass es schwer ist, es abzugrenzen. Ich glaube aber, dass es eine riesige Dunkelziffer gibt, einfach, weil das Bewusstsein dafür fehlt.

Die Dunkelziffer ist riesig. Wie kommt das?
Ein Grund ist sicher, dass das Bewusstsein für das Phänomen fehlt. Es gab schon immer Menschen, die Dinge machen mussten, die sie nicht gern machten – in der Arbeitswelt und eben auch in der Mutterrolle. Nur wird es da viel weniger hinterfragt. Man ist Hausfrau und Mutter, das war immer so. Und dann sind wir heutzutage alle über Social Media vernetzt. Auf Facebook und Instagram scheinen alle immer glücklich mit ihren Kindern. Das schafft ein falsches Bild und gibt mir das Gefühl, auch so sein zu müssen. Es ist aber okay, wenns mir mal nicht gut geht. Ich poste deshalb ab und zu bewusst ein Bild oder auch einen Text von mir, wenn es mir nicht so gut geht.

Welche Frauen sind häufig von einem Boreout betroffen?
Es gibt ein paar Gruppen von Frauen, die eher Boreout-gefährdet sind, beispielsweise hochqualifizierte Frauen, die es sich gewöhnt sind, Leistung zu bringen und Verantwortung zu übernehmen. Als Mutter hat man natürlich auch viel Verantwortung, man ist für das Leben eines Menschen verantwortlich. Anders als in der Arbeitswelt hat man aber wenig Handlungsfreiheit. Das Kind bestimmt den Tagesablauf und übernimmt die Kontrolle. Es entscheidet, wann die Windel voll ist, wann es Hunger hat oder müde ist, und es ist ihm vollkommen egal, ob du einen Zahnarzttermin hast oder nicht. Das ist ein Kontrollverlust. Viel Verantwortung und wenig Kontrolle ergibt immer Stress. Aber auch perfektionistische Frauen oder solche, die stets versuchen, Erwartungen anderer zu erfüllen, sind häufig betroffen.

Gibt es Strategien, damit es gar nicht so weit kommt?
Auf jeden Fall. Das beginnt schon damit, dass man sich als Frau vor der Schwangerschaft überlegt: Wie sieht der Job als Mutter konkret aus? Fordern mich die Aufgaben? Erfüllen sie mich inhaltlich? Einen Menschen zur Welt auf die bringen, ist etwas Wunderschönes und Faszinierendes. Aber das allein reicht nicht allen, um die nächsten 15 oder 20 Jahre in dieser Rolle glücklich zu sein. Meiner Meinung nach sollte das Thema beispielsweise auch in der Mütterberatung thematisiert werden. Wenn die Arbeit ein sehr wichtiger und erfüllender Bestandteil des Lebens ist, was nicht bei jeder Frau gleich zutrifft, macht es vielleicht keinen Sinn, sie ganz aufzugeben und sich voll der Mutterschaft zu widmen. Zum Glück gibt es heute mit Teilzeitmodellen und Home-Office viele Möglichkeiten, damit man auch als Mutter nicht ganz aufhören muss zu arbeiten. Und man kann versuchen, seinen Wissenshunger mit einfachen Mitteln neben dem Muttersein zu stillen.

Wie zum Beispiel?
Zum Beispiel kann man während des Kochens Podcasts hören, kann sich Webinare ansehen oder sich mithilfe von Social Media mit Menschen auf der ganzen Welt verknüpfen. Dafür muss man aber aktiv werden.

Was kann man als Aussenstehende oder Partner tun, wenn man merkt, dass eine Frau ein Boreout hat oder darauf zusteuert?
Ganz wichtig: Die Frau als Frau sehen, nicht nur als Mutter. Viele Frauen sehen sich selbst nur noch als Mutter, dabei sollte das Muttersein ein zusätzlicher Teil des Ichs sein und nicht die Person definieren. Das kann man von aussen gut für eine Frau übernehmen, auch wenn die Frau selbst es für eine Zeit vergisst. Wenn man eine Vermutung hat, kann man beobachten: Solang jemand nicht leidet, ist es kein Problem. Ungefragte Ratschläge sind nie willkommen, besonders, wenn man selbst keine Kinder hat. Dann sollte man eher konkrete Unterstützung anbieten, zum Beispiel als Babysitter, damit die Betroffene wieder einmal Zeit für sich hat. Oder eine Putzfrau anstellen, wenn jemand überhaupt nicht gern den Haushalt macht, sondern lieber ein wenig arbeiten möchte. Es sollte sich aber um konkrete Vorschläge handeln. Denn wie gesagt: Ohne den eigenen Willen der Betroffenen kann man von aussen sagen, was man will, es hilft nichts.

Und wenn man es sich beispielsweise finanziell nicht leisten kann, eine Putzfrau anzustellen?
Kann man die Umstände nicht verändern, sollte man versuchen, die Haltung zu verändern. Das ist nicht einfach und gelingt vielleicht besser, wenn man sich dabei Unterstützung von einem Coach oder Therapeuten holt, der beim Erkennen und Verändern der eigenen Denkmuster helfen kann. Als Beispiel: Bei scheinbar unwichtigen Beschäftigungen wie der Arbeit in einer Fabrik am Fliessband, wo man Kleinteile produziert, geht einem irgendwann der Sinn abhanden. Weiss man aber, dass das Teil das wichtigste eines Ferrari-Motors ist, den man auf der Rennstrecke fahren sieht, gibt das der Sache den Sinn zurück. Übertragen auf das Muttersein: Das Windelnwechseln, das ich vielleicht sehr ungern mache, hat den Zweck, dass mein Kind sich wohl fühlt und gesund bleibt. Es ist wichtiger, den Sinn in den Aufgaben zu sehen und konkrete Lösungen zu finden, die einen zufrieden stellen, als dem Bild der Übermutter nachzurennen, die alles aufopfert. Man ist nicht egoistisch, wenn man auf sich selbst achtet.

 

Katrin Kaden ist Persönlichkeitscoach im Zentrum für Persönlichkeitsgestaltung Kananda, Dozentin für HR-Management und Kommunikation und Mutter zweier Teenager. Während ihrer Diplomarbeit zum Counselor befasste sie sich intensiv mit den Themen «Elternstress» und «Burnout und Boreout bei Müttern».

Sie fühlen sich betroffen? Katrin Kaden empfiehlt, sich folgende Sätze durchzulesen und zu prüfen, ob sie auf einen selbst zutreffen. Erkennen Sie sich in vielen Sätzen wieder, finden Sie Informationen zu Coachings und Beratungen auf

Meine Bedürfnisse sind nicht wichtig.
Für eine gute Mutter zählen nur ihre Kinder.
Meine Eltern/Nachbarn/mein Partner/... erwarten von mir…
Ich muss es perfekt machen.
Ich muss es selbst machen.
Ich muss es den anderen recht machen.
Als Mutter mit gesunden Kindern muss ich immer glücklich und dankbar sein.
Ich trage für alles, was in meiner Familie geschieht, die volle Verantwortung.
Ich muss immer gute Leistung bringen.
Wer Hilfe braucht, ist ein Versager.
Die anderen sind/können es viel besser als ich.
Ich bin NUR Hausfrau und Mutter.
Ich bin nicht wichtig.
Ich darf nicht egoistisch sein.
Was ich tue, ist nicht wichtig.
Ich muss mich nur mehr anstrengen, dann geht es. Bei den anderen geht es ja auch.

Jessica Prinz ,
Online-Praktikantin

Die Online-Praktikantin mag allerlei Menschen und erzählt gern deren Geschichten – am liebsten multimedial. Sie plädiert für weniger Scheuklappengefühl beim Spaziergang durch die Welt und reist besonders gern nach Osteuropa.

Alle Beiträge von Jessica Prinz

Empfehlungen der Redaktion

Auf der Suche nach dem Kinderwunsch

Bye-bye Babies!

Von Viviane Stadelmann

Newsletter

Das Beste jede Woche in Ihrer Mailbox

Mehr aus der Rubrik

Meine Meinung

Tristesse auf dem Spielplatz

Von Geraldine Capaul