Erziehung

Meine Wahl: Hausfrauen und Vollzeitmütter von heute

Text: Franziska K. Müller, Stephanie Hess; Fotos: Yves Bachmann, Joan Minder

Ndine Hollenstein
Sandra Kopp
Susanne Walder
Judith Goldinger
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Sandra Kopp (30), Winterthur, seit 4 Jahren verheiratet, zwei Kinder, Studium in Journalismus und Organisationskommunikation

Ruth Strässler (45), seit 19 Jahren verheiratet, zwei Kinder, Sozialdiakonin und Jugendarbeiterin

Nadine Hollenstein (36), seit 7 Jahren verheiratet, drei Kinder, 5 Jahre, 3 Jahre und 4 Monate, Bankpraktikum, Assistenz der Marketingabteilung

Susanne Walder (44), seit 8 Jahren verheiratet, eine Tochter, Journalistin

Judith Goldinger (42), seit 17 Jahren verheiratet, vier Kinder, Masskonfektionsschneiderin und Schnittzeichnerin

Vollzeitmütter sind voll retro. Sind sie das wirklich? Wir haben genauer hingeschaut.

Drei von vier jungen britischen Müttern, so besagt eine neue Studie, würden ihren Job sofort an den Nagel hängen, um zuhause bei den Kindern zu bleiben, wenn sie es sich finanziell leisten könnten. Davon erhoffen sie sich weniger Stress, weniger Schuldgefühle, weniger Arbeit. Denn das feministische Ideal der modernen Frau, die alles haben kann, wird dem Realitätscheck unterzogen. Die Frauen sind heute gut ausgebildet, das Betreuungsangebot für die Kinder ist ausgebaut, und die männlichen Partner wissen, wie der Staubsauger funktioniert. Doch das gleichberechtigte Glück will sich einfach nicht einstellen.

Vor allem die Organisation des Alltags erweist sich als anspruchsvoll und nervenaufreibend, beobachtet die Paarforscherin Corina Merz vom Psychologischen Institut der Universität Zürich. Die Erfüllung verschiedenster Aufgaben setze den berufstätigen Frauen mehr zu als den Männern. Ebenso das schlechte Gewissen, nicht allen emotionalen Bedürfnissen gerecht werden zu können. Was Frauen wollen, was sie wählen und was sie schliesslich glücklich macht, ist oft nicht dasselbe. Die meisten Schweizerinnen möchten Kinder und Arbeit unter einen Hut bringen. Nun dämmere es den berufstätigen Müttern langsam, worauf sie sich eingelassen haben, sagt Lydia Terrani, Präsidentin der Hausfrauen- und Hausmännergewerkschaft: «Doppelt so viel Arbeit und doppelt so viel Verantwortung.» Vor allem sehr gut ausgebildete Frauen stellen das Modell zunehmend infrage. Sandra Kopp, 30-jährig und kurz nach ihrem Uni-Abschluss Mutter und Hausfrau geworden, ist eine von ihnen.

«Ich bin glücklicher, seit ich mit den Kindern zuhause bin. Und ich merke auch, dass mich diese Aufgabe weiterbringt. Ich war noch nie so geduldig, wie ich es heute bin. Ich finde es komisch, dass man junge Hausfrauen als Provokation ansieht. Frauen haben jahrzehntelang gegen patriarchalische Strukturen und für die Wahlfreiheit gekämpft. Jetzt können wir wählen, was wir wollen, was uns guttut. Dadurch können wir in einer Partnerschaft heute gleichberechtigt leben, auch wenn nur der Mann arbeiten geht. Dass ich selber kein Geld verdiene, verunsichert mich nicht. Wir haben keine getrennten Konten. Unser Deal ist, dass sein Lohn auch mein Lohn ist. Falls wir uns trennen und ich wieder arbeiten müsste? Ich bin ja nicht weg vom Fenster. Ich würde sicher wieder eine Stelle finden, wenn ich müsste.

Es war schon immer mein Wunsch, nach der Geburt meines ersten Kindes zuhause bleiben zu können. So, wie das auch schon meine Mutter getan hat. Die Karriere stand für mich nie im Vordergrund. Das heisst aber nicht, dass ich eine gute Ausbildung abgelehnt hätte.

Bis ins Teenageralter wollte ich Tierärztin werden, dann absolvierte ich aber die Handelsschule und war zwei Jahre in einem Büro tätig. Später studierte ich Journalismus und Organisationskommunikation. Kurz nach dem Studium lernte ich meinen Mann kennen, ich arbeitete damals bei einer PR-Agentur. Ein Jahr später heirateten wir, und ich wurde schwanger. Ich hatte das Angebot, nach der Schwangerschaft weiter zu arbeiten, was ich aber ablehnte. Ich hatte das Glück, einen Partner zu finden, der meinen Wunsch, zuhause zu bleiben, respektiert und dessen Einkommen auch für die ganze Familie reicht. Er arbeitet als stellvertretender Geschäftsführer im Bereich Onlinewerbung. Eigentlich würde er sein Pensum gern reduzieren, aber in seiner Position ist das halt fast nicht möglich. Ich konnte mir nie vorstellen, meine Kinder in eine Krippe zu geben. Ich sehe es als meine Aufgabe als Mutter an, für die Kinder zu sorgen. Das Einzige, was ich vermisse, ist ein geregelter Tagesablauf. Ich weiss am Morgen nie, was mich erwartet.»

Dass Frauen, die endlich alles haben könnten, nur etwas wollen – zuhause bleiben –, bereitet vielen Feministinnen Kopfzerbrechen. Die im «New York Times Magazine» beschriebenen «retro wives» sorgten für wütende Kommentare. Grundtenor: Schlaue Frauen wollen arbeiten gehen, weil es sie tödlich langweilt, den ganzen Tag Kids-TV zu schauen und den Mann zu bekochen. Mit der Doris-Day-Idylle, in der die Gattin einen perfekten Haushalt führt und den Mann im Haus als Chef akzeptiert, identifizierten sich heute die wenigsten Familienmanagerinnen, sagt Lydia Terrani von der Hausfrauen- und Hausmännergewerk schaft. «Man muss sich endlich vom Klischee befreien, dass Hausfrauen unterbelichtete Wesen sind, die ihre Tage mit Rezeptesammeln und Basteln verbringen.» Auch das Vorurteil, nur konservativ denkende oder religiös geprägte Menschen eiferten dem traditionellen Familienbild nach, gilt für die jüngere Generation der Hausfrauen nicht mehr: Eine aktuelle Umfrage in den USA ergab, dass sich die Mehrheit der Vollzeitmütter politisch im liberalen Feld ansiedelt, ein offenes Weltbild pflegt und sich durchaus als emanzipiert versteht. So ähnlich sieht sich auch die 45-jährige Ruth Strässler, die auf einem Mini-Trottinett durch ein superaktives Leben braust, in dem der Mann seine Hemden selbst bügeln muss. Dennoch müsse man sich als «Nur-Hausfrau und Mutter» ein dickes Fell zulegen, bestätigt die ehemalige Jugendarbeiterin. Kommentare wie «Ist dein Leben nicht wahnsinnig langweilig?» kränkten sie nicht mehr. «Sie zeigen eher die Verunsicherung der gestressten Fragestellerinnen», findet die zweifache Mutter.

«Ich liebte meinen Beruf und genoss die damit verbundenen Vorteile viele Jahre lang. Ich konnte mir teure Kletterausrüstungen leisten, und zusammen mit meinem Mann bereiste ich wochenlang ferne Länder. Als ich vor zwölf Jahren unser erstes Kind erwartete, wollte ich nach der Geburt wieder arbeiten gehen. Dann war David auf der Welt, und alles wurde anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich übernahm noch ein berufliches Projekt, sah aber schnell, dass Überstunden und jede zusätzliche Sitzung eine organisatorische Herausforderung darstellten. Vor allem aber konnte ich vom Kind nicht lassen, ich wollte mich um meinen Sohn kümmern, am liebsten jede Minute des Tages. So wurde ich Hausfrau, oder anders gesagt: eine Mutter, die zuhause bleibt. Am Anfang fiel mir die neue Lebensform hin und wieder schwer. Zuerst wusste ich nicht recht, wo mein Platz ist. Dann versuchte ich mich auf die positiven Aspekte des neuen Daseins zu konzentrieren: dass man beispielsweise bis zur Mittagszeit im Pyjama bleiben kann. Und da ich über sehr viel Energie verfüge, nahm ich mir vor, jedes Jahr eine neue Weiterbildung zu absolvieren. Dies liess sich nicht wie vorgesehen erfüllen, anderes aber schon: Nebst meinen beiden Kindern betreue ich heute als Tagesmutter vier weitere Buben und Mädchen, eines ist schwerbehindert. Ich schwimme und renne Marathon, klettere, fahre Ski und Velo, erfinde Kasperlitheater, sammle Bilderbücher, mache Musik, bin im Vorstand eines Ferienzentrums und in der Freiwilligenarbeit engagiert.

Nachdem ich mich für die Mutterrolle entschieden hatte, dachte ich lange Zeit, auch alle anderen Frauen sollten bei ihren Kindern bleiben. Heute finde ich, dass manche Berufsfrauen – nämlich jene, die der Gesellschaft mit ihrer Tätigkeit etwas zurückgeben – in besonderer Weise dazu legitimiert sind, arbeiten zu gehen. Als Tagesmutter leiste ich allen berufstätigen Müttern Schützenhilfe. Den Begriff Retro-Ehefrauen finde ich unpassend, weil er Rückwärtsgewandtes andeutet, was mir und auch meinem Mann nicht entspricht: Dass er das Geld nachhause bringt und seine Hemden trotzdem selbst bügeln muss, stört ihn nicht. Mein Mann – ein richtiges Juwel, wie ich zugeben kann – kommt in den Genuss anderer Vorteile und Freiheiten. Er kann beispielsweise spontan einen jobbedingten Auslandaufenthalt annehmen, weil ich mich um alles andere kümmere. Obwohl ich mich für emanzipiert halte, achte ich darauf, dass es meinem Mann gut geht, und sage immer: «Wenn das Eis zu warm wird, bricht es.» Dies gilt es natürlich auf beiden Seiten zu verhindern. Wenn einer von uns eine ernsthafte Krise schieben würde, wären die Konsequenzen gravierend, weil wir stärker von den spezifischen Leistungen des anderen abhängig sind als Partner, die sämtliche Aufgaben teilen.»

Die Gleichstellung im Familienalltag berge mehr Konfliktpotenzial, als viele berufstätige Frauen zugeben möchten, kamen kürzlich zwei US-Forscher zum Schluss: «Wenn es darum geht, was sie glücklich und entspannt macht, lügen sich viele emanzipierte Frauen in die Tasche und verharmlosen ihr Unglück, so wie es einst ihre Grossmütter taten.» Solche Sätze stossen nicht überall auf Begeisterung: Das Hausfrauendasein werde hochgejubelt, um von den nötigen Verbesserungen abzulenken, die den arbeitenden Frauen das Leben leichter machen würden, und die alte Männerrolle zu stärken, lautet die Kritik von feministischer Seite. Internationale Untersuchungen bestätigen, dass sich Männer zwar um die Kinder kümmern und die Abwaschmaschine einräumen, wenn die Frauen arbeiten, die Mithilfe jedoch genauso konsequent unterlassen, sobald beide Partner zuhause sind.

«Die Verantwortung für den Haushalt liegt bei mir», sagt Nadine Hollenstein. «Putzen, Waschen und Kochen gehört zu meinem Part in der Beziehung, obwohl sich meine Begeisterung für diese Arbeiten in Grenzen hält.» Die 36-Jährige aus dem zürcherischen Adliswil hat nach der Matura eine Ausbildung in einer Bank absolviert, arbeitete später in der Marketingabteilung. Seit der Geburt ihres ersten Kindes ist sie Hausfrau. Heute ist sie Mutter von zwei Buben und einem Mädchen.

«Als ich mit dem ersten Kind schwanger war, hat mein Chef gesagt, dass ich nach der Geburt wieder einsteigen könne. Allerdings mindestens mit einem 60-Prozent-Pensum. Das war mir zu viel. Als die Buben älter waren, überlegte ich mir, doch wieder zu arbeiten. Doch der ganze Rattenschwanz, den ein Wiedereinstieg mit sich gebracht hätte, war mir dann einfach zu lang. Die Betreuung der Kinder hätte enorm viel Organisation benötigt. Kurze Zeit später wurde ich mit unserem dritten Kind schwanger.

Ich bin eine emanzipierte Frau, aber keine Emanze. Ich fühle mich nicht unterdrückt, nur weil ich für die Kinderbetreuung und den Haushalt zuständig bin. Jede Frau sollte so leben können, wie es für sie richtig ist. Obwohl ich schon etwas Gänsehaut kriege, wenn ich höre, dass eine Frau hundert Prozent arbeitet und kleine Kinder zuhause hat.

Was ich an meiner Aufgabe liebe, ist zu sehen, wie sich unsere Kinder entwickeln. Mein Mann arbeitet hundert Prozent im Kaderbereich und bekommt nur die grossen Sprünge mit, ich sehe jede kleine Veränderung. Ich sage manchmal zu ihm, dass ich den schöneren Job habe als er und dass wir darüber reden könnten, wenn er mal für eine Zeit mit einem reduzierten Pensum arbeiten möchte und ich Teilzeit arbeiten gehe. Doch so weit wird es wohl nicht kommen. Manchmal schaue ich am Ende des Tages zurück und denke: Was habe ich heute eigentlich gemacht? Die Arbeit, die ich leiste, ist nicht messbar, weil sie sich aus vielen kleinen Dingen zusammensetzt, die schliesslich der ganzen Familie ein Gefühl von Aufgehoben- und Zuhausesein geben.»

Die wissenschaftliche Forschung zeigt, dass jedes Kind den Belastungsgrad berufstätiger Eltern signifikant erhöht. Insbesondere die Frauen haben hohe Ansprüche an sich selbst: Neben Beruf, Mutterrolle und Haushaltführung wollen sie auch weiterhin eine verführerische Geliebte und tolle Partnerin sein, was viele zwangsläufig an ihre Grenzen stossen lässt. «Frauen wollen tendenziell zu viel, und Männer, die sich zuvor engagiert haben, driften als Väter irgendwann weg und definieren sich zunehmend über die Ernährerrolle und ihre Karriere», beobachtet die Paarforscherin Corina Merz. Diese und andere Probleme kämen in stressbelasteten Beziehungen oft zu wenig zur Sprache. Das in internationalen Studien festgestellte Scaling Back – das Zurückschrauben der eigenen Karriere zugunsten der Familie – ist bei Frauen wesentlich häufiger zu beobachten als bei Männern. Diese verweigerten sich nicht grundsätzlich, glaubt Corina Merz. «Häufig sind die Positionen, in denen die Männer arbeiten, nicht auf Teilzeit ausgerichtet, der Vaterschaftsurlaub ist in der Schweiz ebenfalls nur sehr kurz.» Dass nur ein verschwindend kleiner Anteil der Männer die Berufstätigkeit dauerhaft und stark reduziert, habe nicht primär mit Missständen im System zu tun, glaubt die 44-jährige Susanne Walder, die seit der Geburt ihrer Tochter zuhause bleibt. Ihr war die Entscheidung, Vollzeitmutter zu werden, ein Herzenswunsch. «Es gibt meinem Mann auch ein Gefühl der Sicherheit, dass ich mich zuhause um alles kümmere. Er schätzt es, wenn er abends aus dem Büro kommt, und alles ist aufgeräumt, das Essen steht auf dem Tisch, und unsere Tochter empfängt ihn frisch gebadet im Pyjama», sagt die ehemalige Journalistin.

«Jeden Morgen kommt Norah zu mir ins Bett, und wir starten den Tag in aller Ruhe zusammen: Wir kuscheln, ich lese ihr etwas vor, wir reden. Dieses Ritual geniessen wir beide sehr. Die Vormittage verbringt meine Tochter dann in der Spielgruppe, und ich nutze die Zeit ohne sie für Einkäufe, mein Fitnessprogramm, administrative Arbeiten für die Familie oder unser Haus – oder einfach, um in Ruhe die Zeitung zu lesen. Die Zeit danach verbringen wir wieder gemeinsam: Ich koche für uns Mittagessen, und dann steht je nach Wochentag etwas anderes an: Schwimmkurs, Besuch von Freundinnen, wir backen oder wir machen einen Ausflug in den Kinderzoo.

Es sollte das Recht jeder Mutter sein, das Lebensmodell zu wählen, das ihr und ihrer Familie am besten entspricht. Es gibt kein Richtig und kein Falsch. Für mich war es ein inneres Bedürfnis, nach der Geburt unserer Tochter ganz für sie da zu sein. Mein Mann fand die Entscheidung richtig. Norah nach acht Wochen Mutterschaftsurlaub in fremde Hände zu geben, wäre für mich undenkbar gewesen.

Lange Zeit konnte ich mir nicht vorstellen, meinen Beruf vollends aufzugeben. Ich genoss es, unabhängig zu sein, aus dem Koffer zu leben. Ich habe immer gern gearbeitet, war ehrgeizig und liebte meinen Job als Unterhaltungschefin der ‹Schweizer Illustrierten›. Ich bin ganz bewusst erst mit 39 Mutter geworden, und es war ein grosses Glück, als unser Wunsch in Erfüllung ging. Die Emanzipation einzig mit der beruflflichen Selbstverwirklichung der Mütter gleichzusetzen, wäre ein Missverständnis. Mein Selbstbild hat sich in den vergangenen Jahren nicht verändert, der Blick von aussen vielleicht schon. Zusammenfassend kann man sagen: Egal, wie sich Frauen entscheiden, sie müssen sich immer rechtfertigen. Das gilt für mich als Hausfrau ebenso wie für die berufstätige Mutter. Der Gedanke, dass man alles haben kann, ist in unserer Gesellschaft weitverbreitet. Heute weiss ich, dass man nicht alles haben kann. Als Frau nicht. Aber als Mann auch nicht. Wer sich beruflich voll engagiert, dem fehlen Zeit und Energie für die Familie. Mein Mann und ich – wir müssen beide Abstriche machen: ich als Hausfrau in Bezug auf meine Karriere, meine Unabhängigkeit und meine Selbstbestimmtheit. Mein Mann kann sich in unserem traditionellen Rollenmodell hingegen voll und ganz seiner Karriere widmen, weiter um die Welt reisen – aber er muss dafür auch auf sehr viel anderes verzichten. Gemeinsame Zeit mit unserer Tochter ist oft aufs Wochenende reduziert, und er muss akzeptieren, dass dadurch eine andere Form von Nähe und Liebe entsteht. Nicht zuletzt dank seines beruflichen Einsatzes kann ich unsere Tochter frei von finanziellen Sorgen ganz nach meinem Instinkt und ihrem Wohlbefinden erziehen. Das empfinde ich als grosses Privileg. Es ist die anspruchsvollste, aber auch erfüllendste Aufgabe, die ich je hatte.»

Sind also just jene Frauen, die nie etwas anderes wollten, als irgendwann einmal ein Vollzeitmami zu sein, die unerwarteten Gewinnerinnen der «Frauenbefreiung»? Immerhin sind in der Schweiz rund ein Viertel aller Mütter, die in einer Partnerschaft leben, überhaupt nicht erwerbstätig. «Auch nicht alle Vollzeitmütter sind glücklich. Man sollte diese Daseinsform nicht idealisieren oder die beiden Modelle gegeneinander ausspielen», sagt Hausfrauengewerkschafterin Lydia Terrani. Die Diskussion biete die Möglichkeit, auf beiden Seiten Vorurteile abzubauen und darüber nachzudenken, was einen wirklich glücklich machen könnte, findet auch Judith Goldinger, die sich bei der Geburt des ersten Kindes dazu entschloss, künftig zuhause zu bleiben. Sie habe diesen Entschluss nie bereut. «Was manche als monoton und langweilig qualifizieren, ist für andere eine Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen», findet die 41-Jährige. Sie kümmere sich seit 17 Jahren hauptsächlich um Kinder, Mann und ein hübsches Zuhause. Aber nicht nur: «Ich geniesse mein Leben so, wie es vielen doppelt belasteten Frauen leider nicht vergönnt ist», sagt die zweifache Mutter.

«Der Satz ‹Wenn die Frau zuhause bleibt, wird das Leben für alle Beteiligten einfacher› ist vermutlich so unpopulär, weil er richtig ist. Natürlich akzeptiere ich, dass viele Frauen arbeiten müssen, weil es sonst finanziell nicht reichen würde. Und manche möchten einfach noch etwas anderes als nur Kinder, Haushalt und Mann. Doch so modern und emanzipiert diese Frauen auch sein mögen: Innerlich bleiben sie stärker mit den traditionellen Aufgaben verbunden, als ihnen lieb ist. Ich bin froh und empfinde es als Privileg, dass ich von solch gewaltigen Ansprüchen verschont bleibe und vollumfänglich für meine Familie da sein darf. Dass mein Mann als Architekt viel mehr verdient als ich, war nicht der Grund, wieso ich dauerhaft bei den Kindern zuhause blieb. Einem mangelnden Krippenangebot kann ich die Schuld auch nicht in die Schuhe schieben. Es war ein Herzenswunsch, eine freiwillige Entscheidung, und darin sehe ich den grossen Unterschied zu früher, als Frauen keine Wahl hatten und zuhause bleiben mussten, auch wenn ihnen ein solches Leben nicht entsprach.

Kleine Kinder bedeuten automatisch eine Entschleunigung des Alltags, darauf muss man sich einlassen wollen und auch können. In Familien, in denen beide arbeiten, so stelle ich fest, herrscht oft eine gewisse Hektik, auch zwischen den Partnern, weil oft Unvorhergesehenes organisiert und neu aufgeteilt werden muss. Diese Väter und Mütter konsumieren in meiner Wahrnehmung auch mehr: Sie wollen den Kids verständlicherweise etwas bieten, wenn sie Zeit mit ihnen verbringen können. In vielen Familien arbeitet der Zweitverdiener für die Kinderbetreuung und damit man sich einiges leisten kann. Bei uns ist alles normal, manchmal auch etwas träge: Weiter weg als in Italien waren die Kinder noch nicht, in einem Flugzeug sassen sie auch noch nie. Wenn die Kinder keinem Hobby nachgehen, spielen wir Gesellschaftsspiele oder musizieren. Das hausgemachte Essen ist bis dann vertilgt, und die Kleider liegen gebügelt parat. Ob ich genügsam bin, ist nicht die entscheidende Frage: Kinder und Partner merken, dass ich mich nicht aufopfere, sondern in meiner Rolle glücklich bin. Dies auch deshalb, weil mir mein Mann Respekt entgegenbringt, er mir mitteilt, dass er meine Leistungen schätzt. Unter dem Strich kann man auch sagen: Alle sind zufrieden, weil ich es bin.»

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