Wie ist es eigentlich

Wie ist es eigentlich, im Film eine Leiche zu spielen?

Aufgezeichnet von Frank Heer; Foto: SXC

 

Wie ist es eigentlich, im Film eine Leiche zu spielen?

Nadine Schwitter, Schweizer Schauspielerin und Regisseurin aus Köln, erzählt, wie es ist, im Film eine Leiche zu spielen?

 

Das erste Mal starb ich in der Schauspielschule. Das war vor zehn Jahren, als Antigone. Ein sinnloser, tragischer Tod. Auch Luise in «Kabale und Liebe» war brutal: mit einer Limonade vergiftet! Zuletzt ertrank ich als Hamlets Freundin Ophelia am Schauspielhaus Hamburg. Als ich angefragt wurde, ob ich in der SRF-Krimireihe «Der Bestatter» eine Leiche spielen wolle, sagte ich sofort zu. Ich hatte bis dahin fast nur Theater gespielt. Mein Faible für den Film war jedoch schon immer gross. Deshalb studiere ich an der Filmschule Köln Regie und schlage kaum ein Angebot für einen Dreh aus, sei meine Rolle auch noch so klein.

Als Schauspielerin kommt man ja ständig um. Manchmal fällt es einem leichter, manchmal schwerer. Der Umstand des Todes spielt eine wichtige Rolle. Und die Inszenierung. Im Idealfall gelingt es mir, mich an jenes Gefühl von Panik heranzutasten, das einen befallen mag, wenn man den Tod im Nacken spürt. Das ist ein intensiver Prozess, der einen gefühlsmässig stark beanspruchen kann. Vor einer Kamera stirbt man anders als im Theater. Auf der Bühne erreicht man über den Verlauf von zwei oder drei Stunden jenen dramatischen Wendepunkt, der das unvermeidliche Ende zur Folge hat.

Zwei Stunden in verrenkter Stellung

Beim Dreh zum «Bestatter» war alles anders. Da lag ich als tote Celia Suter zwei Stunden in verrenkter Stellung im Staub einer riesigen Hühnerhalle, umringt von einem Fernsehteam, mein Körper juckte, mein Gesicht zuckte, und Hunderte von Schnäbeln hielten mich für einen grossen Wurm. Nie zuvor habe ich mich als Leiche lebendiger gefühlt. Mental anspruchsvoll war die Szene im Obduktionssaal. Wir drehten in der Pathologie eines Spitals, wo gewöhnlich echte Leichen liegen und keine Schauspielerinnen, die Leichen spielen. Die Obduktionstische aus Chromstahl, die gekachelten Böden und Wände, Blutresten und der Geruch von Desinfektionsmitteln verstärkten das beklemmende Gefühl, dem Tod hier näher zu sein als anderswo. Da denkt man dann plötzlich: Darf ich das? An diesem Ort eine Leiche spielen?

Das Sterben war einfacher. Erst verfolgte mich der Nachbarsbauer im Auto, dann stülpte mir die Schwiegermutter einen Plastiksack über den Kopf. Keine wirkliche Herausforderung für eine Schauspielerin, trotzdem hatte ich mir vorher genau überlegt, wer die junge Frau gewesen sein könnte, die ich spielte. Wie mochte sie sich bewegt haben, welche Beziehungen hatte sie zu den anderen Protagonisten, welche Hoffnungen knüpfte sie an ihr kurzes Leben? Ich wollte mich nicht einfach hinlegen und tot sein, ohne eine Vorstellung von dieser Figur zu haben. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich vor ein paar Jahren in einem abgelegenen Dorf auf Bali gehört habe, wo ich als Zuschauerin bei einem Tempelspiel dabei sein durfte: Darin kämpft der gute Dämon Barong gegen die böse Hexe Rangda. Ein Dorfbewohner wird jeweils ausgewählt, um im Stück einen Toten zu spielen. Man erzählte mir, dass sich diese Laiendarsteller manchmal so stark mit ihrer Rolle identifizieren, dass sie am Ende tatsächlich tot liegen bleiben.

Ich hoffe nicht, dass mich eines Tages auf der Bühne dasselbe Schicksal ereilt. Wir Schauspieler haben die Möglichkeit, viele Leben zu leben und viele Tode zu sterben, um danach wieder in die Realität zurückzukehren, für die es kein Drehbuch gibt.

— Zurzeit dreht das Schweizer Fernsehen die zweite Staffel von «Der Bestatter» mit Mike Müller in der Hauptrolle; Sendebeginn ist voraussichtlich Anfang 2014.

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