Heiratsantrag

Traut euch, Frauen!

Text: Jessica Prinz; Fotos: Privat; Anja Zurbrügg

Wenn die Frau fragt Heiratsantrag
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«Dann fragst du mich, wenn du bereit bist»:

Anja und Roman. 

«Den will ich heiraten»:

Alishia und Nico. 

Wer macht den Heiratsantrag? Keine Frage, bei der Frage aller Fragen gilt: Der oder die sich traut. 2018, weisch. Diese drei Frauen hatten den Mut, obwohl es dann doch nicht so selbstverständlich war. 

Wenn man das Netz nach Heiratsanträgen von Frauen fragt, fragt es zurück: Darf die Frau einen Antrag machen? Soll die Frau einen Antrag machen? Ist es okay, als Frau einen Antrag zu machen?
Man wundert sich: Moderne gestandene Frauen, CEOs und Angestellte, Jetpilotinnen und Buschaufeurinnen, Politkerinnen und Professorinnen, allesamt seit über fünfzig Jahren stimmberechtigt, fallen zurück ins emanzipatorische Pleistozän und lassen sich in Sachen Heirat von konservativen Traditionen leiten. Die Frau trägt ein weisses Kleid, das ursprünglich für Jungfräulichkeit stand, der Vater übergibt am Altar die Frau dem Mann und natürlich muss der Mann davor um die Hand der Frau anhalten. Mit Sonnenuntergang, Kniefall, Champagner, roten Rosen. Das ganze Programm. So weit die Hollywood-Version. Ein paar Breitengrade und ein Atlantik weiter östlich sieht die Sache zum Glück etwas anders aus. Keine muss, jede kann und zwar wie sie will. Und dass sie wollen, nämlich ihr Leben mit ihrer grossen Liebe offiziell besiegeln, zeigen die Beispiele von Alishia (35), Anja (26) und Manuela (49) – drei Frauen, die sich trauten. 

Alishia und Nico

Als Alishia ihrem Freund Nico im Sommer 2016 den Antrag macht, sind sie zweieinhalb Jahre zusammen. Alishia will eigentlich nie heiraten und teilt das Nico auch schon früh mit. Doch die Beziehung macht sie so glücklich, dass sie ihre Meinung ändert. «Zuerst dachte ich: Den will ich heiraten. Und dann dachte ich: Dann liegt es an mir, zu handeln!» Lange überlegt sie, wie sie vorgehen soll. Die geplante Reise nach Irland würde sich perfekt anbieten, doch die ist noch so weit weg und Alishia will nicht mehr länger warten. Also macht sie den Antrag auf einem Wochenendausflug ins Tessin. Eigentlich will sie ihm eine Uhr schenken, aber aus Angst, Nicos Geschmack nicht zu treffen, schenkt sie ihm stattdessen etwas Symbolisches: Eine Süssigkeitenuhr aus Traubenzucker. Alishia ist nervös, zögert den Antrag hinaus. Als der Moment kommt, kann sie sich an ihre vorbereitete Rede kaum mehr erinnern. Ihr Herz klopft, ihre Hände zittern. Alles, was sie noch sagen kann, bevor die Tränen fliessen, ist: «Ich will, dass du mein Mann wirst.» 
Nico ist verwirrt, überrascht – auch weil er merkt, dass Alishia mit dem Antrag schneller war, als er. Er freut sich aber und antwortet mit: Ja! 

Anja und Roman

Anja und Roman lernen sich kennen, als sie 12 und er 20 Jahre alt ist. Damals schon vergucken sich die beiden ineinander, eine Beziehung entsteht wegen des Altersunterschiedes aber nicht. Als Anja 20 ist, treffen sich die beiden auf einer Hochzeit wieder, es funkt immer noch und nach zwei Monaten sind sie ein Paar. Da Roman acht Jahre älter ist als Anja, ist er früher bereit, zu heiraten. «Ich hatte immer Angst, dass er mir einen Antrag macht und ich noch nicht bereit bin. Also sagte ich: Du darfst mir erst einen Antrag machen, wenn ich es sage!» Auf diesen Deal will sich Roman nicht einlassen, weil für ihn der Antrag dereinst eine Überraschung sein soll. Also sagt er: «Dann fragst du mich, wenn du bereit bist.» Als Anja den Antrag ein paar Jahre später macht und Roman und sich selbst einen Ring an den Finger steckt, reagiert er überrascht – obwohl es seine Idee war, dass sie fragen soll. Er hat schlicht nicht mit dem Antrag gerechnet – sagt aber natürlich ja. 

Manuela und Sven

Es ist das Jahr 1997, Manuela* ist 28 Jahre alt und handelt bei ihrem Antrag ganz aus dem Bauch heraus. «Wenn ich nicht gefragt hätte, wäre ich heute noch nicht verheiratet», sagt sie. Neun Jahre sind sie und Sven* damals bereits zusammen. Sven gibt offen zu, dass sie heute vermutlich noch nicht verheiratet wären, wenn sie nicht die Initiative ergriffen hätte.
Sie fragt ihn, als sie gerade in den Ferien sind und in einer Bar sitzen. «Es hat einfach gestimmt, eine spontane Idee in einem schönen Moment», sagt Manuela. Ihm hat es die Sprache verschlagen, was selten passiert. Dann antwortet er: «Super Idee, aber geheiratet wird an einem 27.». Sie entscheidet, dass es der 27. Februar sein soll, «und so machten wir es dann.»
Für Manuela ist ihre Entscheidung eigentlich nur eine logische Folge ihrer Beziehung. «Bis heute ist unser Leben ein Gemeinschaftsprojekt, wir erledigen die Sachen so, dass sie für uns beide Sinn machen.» Für ihn sei diese Einstellung sogar eine Entlastung, denn die Zeiten, in denen der Mann alles regeln muss, sind vorbei. Wenn Sven ihr einen Antrag gemacht hätte, wäre das für Manuela aber auch in Ordnung gewesen. «Es muss für jedes Paar stimmen.»

Alishia und Anja sehen das genau so. Die Reaktionen aus dem Umfeld waren denn auch positiv – anders als es Suchmaschinen im Internet vermuten lassen. Alishia wurde von Kollegen sogar gewarnt: «Einige meinten, Nico könnte sich in seinem Stolz angegriffen fühlen.» Sie war sich ihrer Sache jedoch ziemlich sicher und versuchte, sich nicht irritieren zu lassen. Das Happyend folgte umgehend. Im Nachhinein gratulierten ihr auch die anfänglich so kritischen Kollegen zu ihrem Mut. Und Nico? Der hatte nicht das geringste Problem damit. «Meine Kolleginnen und Kollegen fanden es cool, dass ich den Antrag machte», sagt auch Anja. Negative Kommentare gab es keine, nur eine Bekannte erklärte ihr, dass es für sie ganz schlimm wäre, wenn sie ihren Freund fragen müsste. «Ich fand das überraschend, weil sie eigentlich sehr fortschrittlich denkt und gar nicht so in diesem Rollenklischee feststeckt», sagt Anja. Sie ist froh über ihre Entscheidung. «Ich komme immer mehr von diesem Gedanken weg, dass alles so traditionell sein muss. Ich mache es lieber so, dass es für mich Sinn macht, anstatt für andere.»

*Name der Redaktion bekannt

 

Themenmonat

Bei uns steht der Februar im Zeichen der Liebe – vier Wochen lang geht es bei uns um Beziehungen und ihre Schwierigkeiten, um Leidenschaft, Fantasie und um das grosse private Glück.

Jessica Prinz ,
Reportagen-Praktikantin
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