Von mir für mich

Warum man sich selbst mit Schmuck beschenken sollte

Text: Helene Aecherli; Illustration: Dermot Flynn

Warten, bis man einen Ring geschenkt bekommt? Nicht doch: Es ist aufregender, ihn sich selbst zu kaufen. 

Das konventionelle Erstehen von Schmuck folgt einem festen Skript, und das geht so: Sie und er lieben sich gerade sehr oder glauben, sich gerade sehr zu lieben. Und getrieben vom Wunsch, diese Emotionen zu materialisieren, sieht sie was Schönes in einem Schaufenster oder an ihrer besten Freundin, seufzt und hofft, dass er ihre Andeutungen richtig interpretieren, ihren Finger- oder Halsumfang eruieren und sie mit dem adäquaten Präsent überraschen wird. Wobei hier anzumerken ist, dass das Objekt ihres Begehrens weniger jener Schmuck ist, der traubenweise in Warenhäusern hängt, denn den kauft sie sich längst selbst, zudem dient er ausschliesslich zur Dekoration, nicht aber als Übersetzung einer Emotion. Es ist wichtig, dass er das weiss; und wenn er es gut trifft, werden die anderen an der von ihm gekauften Preziose nicht nur ablesen können, wie viel sie ihm wert ist, sondern auch, wie viel er verdient.

Da es ja etwas Schönes ist, vom Liebsten beschenkt zu werden, strebte auch ich danach, diesem Skript zu folgen – selbst wenn ich in meinem Hang zum vorauseilenden Katastrophieren nicht umhinkonnte, mir auszumalen, wie es wäre, wenn ich diesen Schmuck dann völlig unpassend fände. Aber – es sollte anders kommen:

Während meiner Studienzeit schenkte mir mein damaliger Freund einen Ring mit Einzelperle. Mir gefiel der Ring sehr, und umso empörter war ich, dass ich ihn zurückgeben musste, als die Beziehung zerbrach. Ich schmiss ihm den Ring vor die Füsse und ahnte, dass ich ab sofort ein gestörtes Verhältnis haben würde zu Ringen mit Einzelperle.

Eine der nächsten Beziehungen schien dann aber tatsächlich in ewiger Liebe zu gründen, analog dazu regte sich in mir der Wunsch, dies in Schmuck bestätigt zu sehen. Ich tat dies meinem Liebsten kund. Er aber wand sich und meinte, er stehe halt nicht auf so Zeugs, was ich irgendwie noch unkonventionell cool fand, doch tilgte dies meine Sehnsucht nicht, ein gepolstertes Schmuckdöschen aufzuklappen. Und so lächelte ich tapfer, als ich zu Geburtstagen einen Kugelschreiber bekam, ein Gestell für den Abfallkübel und ein Bügelbrett für Hemden- und Blusenärmel, grollte aber, weil ich unberingt blieb. Und als mir Jahre später eine Bekannte erzählte, wie betrübt sie war, als der Gatte ihr zum Vierzigsten keinen Klunker, sondern eine Stubenlampe schenkte, nickte ich empathisch. Ich wusste genau, was sie meinte.

Nun, so schmerzlich es auch ist, wenn sich Konventionen nicht an einem selbst erfüllen, so aufregend ist es zu entdecken, dass sich neue Welten öffnen, wenn man sie überwindet, das heisst in diesem Fall: aufhört, auf Schmuck zu hoffen. So realisierte ich, dass ich ein Gespür für Edelsteine habe, als ich mich auf dem Jademarkt in Hongkong, wo mehr Glas als Jade verkauft wird, von einem Stein angezogen fühlte, ihn kaufte und dann erfuhr, dass er echt war.

Seither liebe ich es, mit Gemmologen zu fachsimpeln, und träume davon, eines Tages nach Brasilien zu reisen, um nach einem zweiten Aquamarin zu suchen. Den ersten habe ich schon: Ich kaufte ihn als Belohnung für eine Reportage, die mit grossem Aufwand verbunden gewesen war. Ich erkannte meinen Stein sofort, diskutierte mit dem Juwelier, wie er gefasst werden und der Ring aussehen sollte, wartete drei Wochen, bis ich das Kleinod abholen konnte, und hiess mein neues Schmuckstück bewegt an meinem linken Mittelfinger willkommen. Bewegt deshalb, weil der Ring Teil einer Geschichte ist, die nur mir gehört und auf die ich stolz bin. Das ist das Beste. Das Zweitbeste aber ist: Ich werde diesen Ring nie jemandem vor die Füsse werfen müssen.

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