Geschichtsträchtige Kleider

Stoff für Stories

Redaktion: Barbara Loop, Jacqueline Krause-Blouin; Produktion: Martin Berz; Fotos: Pexels, Digital Buggu 

stoff fuer stories
Diese Kleider haben Geschichte geschrieben
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Das Missenkleid

von Stéphanie Berger, Comedian, Moderatorin, Musikerin und Miss Schweiz 1995

Die Modeljeans

von Nadine Strittmatter, Schweizer Topmodel

Die textile Discokugel

von Susanne Bartsch, Modeikone und New Yorker Socialite mit Berner Wurzeln

Der Freiheitsmantel

von Flavia Kleiner, Co-Präsidentin Operation Libero

Das rettende Kleid

von Elena Appelt, PR-Fachfrau, Überlebende des Tsunami 2004 in Thailand

Das Grand-Prix-Kleid

von Paola Felix-Del Medico, Sängerin und Moderatorin

Die Gewinnershorts

von Stan Wawrinka, Tennisprofi

Der Kultkittel

von Ernst Fischer, Inhaber Fischer-Bettwaren-Fabrik

Das Vereidigungskleid

von Elisabeth Kopp, Alt-Bundesrätin und 1984 die erste Frau in der Landesregierung

In der neuen gamevuinhon-Serie «Stoff für Stories» zeigen wir pro Heftausgabe ein Kleidungsstück, das an ein spezielles Ereignis erinnert oder das einen grossen öffentlichen Auftritt hatte. Alle bisherigen Kleider finden Sie in der Bildstrecke, die Geschichten dazu unten. 

Das Missenkleid

Stéphanie Berger, Comedian, Moderatorin, Musikerin und Miss Schweiz 1995

«Mir gefiel der Glitzer, die dramatische Schleppe, der Touch Hollywood. Andere wählten Gold, ich fand Schwarz eleganter. Ich trug das Kleid, entworfen von Lisbeth Egli, in jener Septembernacht 1995, in der ich zur schönsten Frau der Schweiz gekürt wurde. Einen nationalen Schönheitstitel zu gewinnen ist etwas Wuchtiges. Ich wurde über Nacht zum Star.

Das Kleid symbolisiert für mich viel Freude, aber auch grosses Leid. Ich war gerade mal 17 Jahre alt, liebte die Bühne, sang und spielte Sketches. Aber ich hätte besser eine Musicalschule besucht, als an der Misswahl teilzunehmen. Die Aufmerksamkeit war damals besonders gross, weil die Show zum ersten Mal im Fernsehen übertragen wurde. Nach dem Sieg spielte sich mein Leben plötzlich in der Öffentlichkeit ab. Jeder wollte sich mit mir verwirklichen und an mir verdienen, ich wurde herumgereicht wie ein Produkt.

Wenn ich heute als vierzigjährige Frau und Mutter die Bilder von damals betrachte, sehe ich ein junges Mädchen, das man einfach ein bisschen häufiger in den Arm hätte nehmen sollen. Die Wahl hat mich meiner Familie entrissen, aber ich bin mir auch selbst abhandengekommen. Mit dem Kleid verbinde ich ein Gefühl der Entfremdung von mir selbst. Für ‹MissErfolg›, meine erste Solo-- show als Comedian, habe ich das Kleid noch einmal angezogen. Im Gegensatz zu meinem Hochzeitskleid habe ich es nie weggegeben.»

Die Modeljeans

Nadine Strittmatter, Schweizer Topmodel

«Meine Lieblingsjeans gehörten meiner besten Freundin. Sie gefallen mir, weil sie so normal sind. Wenn es, wie in meinem Job, den ganzen Tag immer um schöne Kleider geht, fühlt es sich gut an, in der Freizeit etwas eher Unscheinbares anzuziehen.

Am besten gefällt mir an dieser Levi’s-Jeans, dass Farbresten an ihr kleben, die nicht mehr rausgehen. Meine Freundin trug sie, als sie ihre Wohnung gestrichen hatte. Deswegen steckt in diesem Stoff für mich auch ein bisschen Heimat. Im Gegenzug habe ich ihr Chanel-Jeans von mir gegeben. Ich habe damals als Fittingmodel von Karl Lagerfeld in Paris gearbeitet und sie geschenkt bekommen.

Immer wenn ich im Chanel-Atelier ein Oberteil anprobieren musste, habe ich meine Levi’s-Jeans angelassen. Auch als ich 2016 mit Chanel für die grosse Modeschau zur Cruise Collection in Havanna war, trug ich die Jeans beim Proben. Chanel hatte damals einen Teil der Altstadt restaurieren lassen und im Gegenzug die Show dort präsentieren dürfen. Es war der Tag, als das erste US-Kreuzfahrtschiff seit 1978 in Kuba ankam. Ein magischer Moment, wie wir im Paseo del Prado bei lauter Musik probten und dann die Aufregung um das Ankommen der westlichen Touristen spürten. Wir wussten in dem Moment: Dieses Land ändert sich nun für immer.»

Die textile Discokugel

Susanne Bartsch, Modeikone und New Yorker Socialite mit Berner Wurzeln

«Ich habe diesen Bodysuit von Mathu & Zaldy zu einer privaten Party von Giorgio Armani getragen. Das war 1993, und er passt immer noch! Es war eine sehr glamouröse Party. Ich wusste, dass alle in ihren Abendkleidern auftauchen würden. Aber die Spiegelsteine auf meinem Outfit haben alles überstrahlt. Mein Freund Calvin Klein sass mir gegenüber und wurde ständig von meinen Glitzersteinen geblendet.

Wie bei jeder guten New Yorker Party damals kam Bill Cunningham, um zu fotografieren. Wir haben uns alle immer nur für Bill chic gemacht. Ich hätte nie ein Outfit, das Bill schon mal gesehen hat, ein zweites Mal angezogen. Er mochte mich, seine Swiss Miss, weil ich kein Mainstream- Mädchen war. Ich machte für ihn immer meine Markenzeichen- Pose: das Bein hinter den Kopf biegen. Wer ist schon so gelenkig? Meine Pose und ich wurden so bekannt, dass daraus sogar ein Cartoon im ‹New Yorker› wurde (siehe Seite 8). Der Dresscode an jener Armani- Party war übrigens Marokko, aber ich finde, eine Diskokugel passt überall hin!»

Der Freiheitsmantel

Flavia Kleiner, Co-Präsidentin Operation Libero

«Ich erinnere mich, dass ich den SRF-Journalisten nach der Abstimmung fragte, ob ich mit Mantel oder ohne für das Interview vor die Kamera treten soll. ‹Selbstverständlich mit!›, antwortete er. Für den Mantel, den ich mir in London gekauft hatte, entschied ich mich spontan am Morgen der Abstimmung. Dass das Pink ja auch im Logo der Operation Libero vorkommt, war mir gar nicht aufgefallen.

Der Kampf gegen die Durchsetzungsinitiative der SVP war für mich ein existenzieller. Ich will nicht in einem Land leben, in dem eine solche Initiative angenommen wird. Drei Monate lang habe ich wie eine Verrückte darauf hingearbeitet. Kurz vor der Abstimmung erschien ein Porträt von mir im ‹Tages-Anzeiger›, aber ansonsten wurden mein Team und ich kaum wahrgenommen. Ich war richtig fertig und froh, als am Abend vor der Abstimmung diese Ruhe aufkam, die sich einstellt, wenn man weiss, dass man sein Möglichstes getan hat. Mit unserem Sieg und der Ablehnung der Durchsetzungsinitiative ging der Rummel aber erst richtig los. An jenem Sonntag wurde ich von einer privaten zu einer öffentlichen Person und der Mantel zu einem öffentlichen Stück. Wahrscheinlich trage ich ihn darum heute kaum mehr.»

Das rettende Kleid

Elena Appelt, PR-Fachfrau, Überlebende des Tsunami 2004 in Thailand

«Mein damaliger Partner und ich wollten zum Bootsverleih schwimmen, wo wir für diesen Morgen, es war der Stephanstag 2004, einen kleinen Katamaran gebucht hatten. Wir waren schon auf dem Weg zum Wasser, da traf ich auf meine Freundin, die uns vorschlug, doch später gemeinsam zu Mittag zu essen. Ich brauchte etwas zum Anziehen, also gingen wir nochmals zurück in unseren Bungalow, um mein Kleid zu holen, das ich am Tag zuvor in Phuket gekauft hatte. So konnten wir nicht schwimmen, sondern gingen zu Fuss zum Bootsverleih.

Unser Hotel war relativ hoch gelegen. Als wir aus dem Bungalow kamen, sahen wir unter uns Stühle und Liegen ineinander verkeilt herumliegen. Ich dachte zuerst an Vandalen, dann wunderte ich mich über die Gezeiten in Thailand. So schnell diese erste, kleine Welle da war, so schnell war sie wieder weg. Und so schnell kam das Wasser wieder zurück. Es stieg und stieg, brodelnd wie ein Vulkan, die Hotelangestellten rannten uns entgegen, sie schrien, einige kletterten auf Bäume, unter uns explodierte die Bar, alles ging in die Luft. Ein paar Zentimeter unterhalb meiner Zehen blieb das Wasser stehen.

Nach dem Tsunami mussten wir noch tagelang in Thailand ausharren. Nachts hörten wir die Helikopter kreisen, die die Toten aus dem Wasser zogen. Eigentlich hätten wir im Wasser sein sollen, eigentlich hätten wir tot sein sollen. Das Kleid hat uns das Leben gerettet.»

Das Grand-Prix-Kleid

Paola Felix-Del Medico, Sängerin und Moderatorin

«‹Bonjour, Bonjour, es ist schön, dich mal wiederzusehn …› Fast fünfzig Jahre ist es her, dass ich mit diesem Lied 1969 in Madrid für die Schweiz am Grand Prix Eurovision de la Chanson, wie der Wettbewerb damals hiess, auftrat. Man denkt ja immer, heute sei die Show viel wichtiger geworden, fast wichtiger als die Musik. Aber schon damals drehte sich vieles um die Optik. Das Outfit, das man trug, wurde mit genauso grosser Neugierde erwartet wie das Lied, das man sang.

Bereits bei den Anproben war die Presse dabei, im ‹Blick› erschien eine Reportage über die Entstehung des Kleids, auch die spanischen Medien interessierten sich für mein Kostüm. Entworfen wurde es von Akris, die Stickerei stammt vom St. Galler Unternehmen Forster Willi, das heute Forster Rohner heisst. Ich habe also die Schweiz nicht nur musikalisch vertreten, sondern war auch Botschafterin für meine Heimatstadt, die Textilstadt St. Gallen. Das Farbfernsehen war damals neu. Die Spanier waren technisch aber noch nicht so weit, nur dank der deutschen Übertragungswagen konnte man den Auftritt zuhause in Farbe sehen. Ich erinnere mich noch, wie überzeugt ich von meinem Lied und von meinem Kleid war. Das Outfit, die Musik und ich mit jungen 18 Jahren – es war die perfekte Symbiose. Gleich vier Sängerinnen teilten sich in jenem Jahr den Sieg. Ich war mit dem zweiten Platz sehr glücklich, dieser Erfolg war für mich der Einstieg in meinen Beruf als Sängerin. Darum bedeutet mir das Kleid auch so viel. Während meiner Karriere trug ich noch viele tolle Kleider. Das passt, denn mein Vater, ein italienischer Einwanderer, war Massschneider.»

Paola Felix-Del Medico steht auch heute noch vor der Kamera, für eine Modelinie, die ihren Namen trägt

Die Gewinnershorts

Stan Wawrinka, Tennisprofi

«Die Shorts wurden mir von meinem japanischen Ausrüster Yonex für die Sandplatzsaison 2015 zur Verfügung gestellt. Ich fand sie von Anfang an cool, auch dann noch, als sich die Medien über sie lustig machten. Einige Journalisten bezeichneten sie sogar als Pyjamahose, und es erschienen zahlreiche Karikaturen. Man wollte mir schon die Fashionpolizei vorbeischicken und zweifelte an meinem Sinn für Mode. Aber dann kam Roland Garros.

Ich schlug Roger Federer und gewann das Final gegen Novak Djokovic. Mein zweiter Grand-Slam-Sieg! Es war einer meiner grössten Erfolge, ein sehr emotionaler Moment. Plötzlich entstand ein riesiger Hype um die Shorts. Sie waren sofort ausverkauft, Yonex liess sogar Schlüsselanhänger davon produzieren, die sich toll verkauften. Selbst Novak Djokovic wollte einen haben. Als ich nach dem Final in Roland Garros zur Pressekonferenz ging, habe ich die Shorts mitgebracht und übers Pult gehängt. Die Journalisten sind in lautes Gelächter ausgebrochen. Ich würde die Shorts definitiv wieder tragen, vielleicht bringen sie ja Glück! Auf jeden Fall bleiben sie in Erinnerung. Oder wissen Sie etwa noch, was ich getragen habe, als ich die Australian Open gewann?»

Der Kultkittel

Ernst Fischer, Inhaber Fischer-Bettwaren-Fabrik

«Ich trage so einen weissen Kittel, seit ich das Geschäft gegründet habe, seit fünfzig Jahren also. Einen emotionalen Wert hat er für mich nicht, er ist ein Arbeitsinstrument. Ein weisser Mantel, weisses Hemd und blaue Krawatte, das müssen bei uns alle Angestellten tragen. So lang ich lebe, wird es keinen anderen Mantel geben. Auch mein Nachfolger darf daran nichts ändern, das ist Bedingung. Der Mantel ist hygienisch, da lege ich Wert drauf, denn wir machen saubere Sachen. In einem Betrieb, der sauber ist, wird auch sauber gearbeitet. Unser erster Werbefilm wurde vor 15 Jahren auf Tele Züri ausgestrahlt. Es war schon immer mein Wunsch, unser Geschäft eines Tages ins Fernsehen zu bringen. Es kamen dann ein paar Leute vorbei, die das produzieren wollten. Zwei sagten: ‹Das geht nicht mit Ihnen.› Der dritte war auch dagegen, drehte den Spot dann aber doch. Ich überlegte kurz, ob ich vor der Kamera etwas anderes tragen soll. Aber so ein weisser Schurz passt zum Produkt.

Ich war nicht sicher, ob das mit der Werbung, auf Deutsch gesagt, in die Hosen geht. Ich schlief ein paar Nächte lang schlecht, und dann ging es Gott sei Dank doch noch gut aus. Die Medien schrieben darüber. Die einen fanden es gut, die anderen nicht, sie machten sich auch lustig über mich, aber das ist nicht wichtig, schliesslich haben wir seither mehr Kunden, pro Tag vierzig bis fünfzig. Vor dem Spot waren es vier bis fünf Kunden pro Woche. Ich werde auf der Strasse oft erkannt. Nicht am Kittel, denn der bleibt immer im Geschäft, aber an der Stimme. Berühmt zu sein, bedeutet mir nichts. Ich bin ein normaler Arbeitsmensch.»

Das Vereidigungskleid

Elisabeth Kopp, Alt-Bundesrätin und 1984 die erste Frau in der Landesregierung

«Vor meiner Zeit als Bundesrätin war ich bereits Gemeindepräsidentin von Zumikon und Nationalrätin und hatte folglich wenig Zeit zum Kleiderkaufen. Also kam viermal im Jahr jemand vom Geschäft Oscar Rom mit einer Auswahl an Kleidern zu mir nachhause. Es hatte an dem Tag, an dem ich das Kleid gekauft hatte, niemand auch nur im Entferntesten daran gedacht, dass der Herr Bundesrat Friedrich zurücktreten und sich die Frage einer Ersatzwahl stellen würde. Dieses Kleid hatte ich also nicht extra für die Vereidigung gekauft. Das Oberteil ist in einem sehr schönen Blau gehalten und der Jupe, in grossem Karo, nimmt das Blau wieder auf. Ich habe nicht bewusst auf eine Schweizer Marke gesetzt, wusste auch nicht, dass es von Akris war. Es hat mir halt gefallen, und es hatte einen weiten Jupe, mit dem man bequem sitzen konnte. Als Politikerin sitzt man ja viel. Ausserdem sieht man allfällige Flecken bei der Farbe nicht so gut.

Am 2. Oktober 1984, dem Tag der Ersatzwahl im Bundesrat, stand ich dann einigermassen ratlos vor meinem Kleiderschrank. Eigentlich wäre ja ein Deuxpièces angebracht gewesen, aber ich entschied mich für das Kleid, in dem ich mich am wohlsten fühlte. Meine Wahl stand nicht von Anfang an fest, meine Partei hatte eine Zweierkandidatur aufgestellt, den Nationalrat Bruno Hunziker und mich. Als das Resultat verkündet wurde, habe ich mich erschrocken. Ich spürte die Erleichterung über den Fortschritt, aber auch die zentnerschwere Verantwortung, die mit dieser Wahl plötzlich auf meinen Schultern lastete.

Mit mir wurde das erste Mal eine Frau in den Bundesrat gewählt – das war das Entscheidende, nicht, dass ich es war. Ich hätte mich genauso gefreut, wenn es eine andere gewesen wäre. Ich wusste, wie wichtig es ist, dass Frauen mitreden. Nicht weil sie alles besser können, aber weil sie andere Prioritäten setzen als Männer und diese Mischung wesentlich für unsere Politik ist. Meine Garderobe wurde immer ganz besonders beäugt. Natürlich musste ich dossierfest sein, aber ebenso selbstverständlich war für mich, dass ich die Frauen auch optisch repräsentierte. Sie mussten sich doch mit mir identifizieren können. Eine Journalistin hat mir einmal vorgeworfen, dass ich immer die gleiche Lippenstiftfarbe trage. Ich sagte ihr, dass ich Bundesrätin sei und nicht das Mannequin der Nation. Eine Verkäuferin sagte mir, dass nach meiner Vereidigung viele Frauen etwas im sogenannten Kopp- Blau suchten. Das hat mich amüsiert. Ich hatte ja anderes zu tun, als Trends zu setzen, aber offenbar ist es mir da einmal passiert.»

Barbara Loop

Die Lifestyle-Redaktorin interessiert sich für den Stoff, der die Gesellschaft warm und bei Laune hält. Sie schreibt über Mode, ihre Ikonen und ihre Industrie.

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