Nachhaltige Mode

Meine Meinung: Stoff zum Nachdenken

Text: Barbara Loop, Illustration: Grafilu

Meine Meinung: Stoff zum Nachdenken
  • Barbara Loop

    Die gamevuinhon-Lifestyleredaktorin findet, dass Mode uns mehr zu denken geben sollte.

Lifestyleredaktorin Barbara Loop über nachhaltige Kleider, Slow Fashion und genaues Hin- und nicht Wegschauen.

Wenn ich Bekannten erzähle, dass ich über Mode schreibe, stosse ich nicht selten auf Unverständnis: «Mode? Wie oberflächlich! Und was ist mit den Näherinnen, welche die Modeindustrie zu Sklavinnen macht, den Landstrichen, die sie mit Pestiziden verseucht?» Das, sagen die Freunde, sollte mir mal zu denken geben.

Tut es auch, sehr sogar. Und offensichtlich nicht nur mir. Immer mehr Labels wie Carpasus, Erfolg oder Nudie Jeans setzen ganz auf nachhaltige und faire Produktion. G-Star und Adidas stellen Kleidung aus Plastikabfall her, der aus dem Meer gefischt wurde. H&M hat zum Ziel, bis 2020 die gesamte Baumwolle aus «nachhaltigeren Quellen» zu beziehen. Sogar mein liebster Secondhandstore in London hat eine Ecke für nachhaltige Mode eingerichtet. Die Industrie hat erkannt, dass sie etwas tun muss, und sei es nur, um das Image zu verbessern.

Dennoch werden Näherinnen in Bangladesh oder Rumänien schlecht entlöhnt. Und selbst die katastrophalen Zustände, die in einigen Textilfabriken in unserem Nachbarland Italien herrschen, sind den Konsumenten in der Schweiz noch zu weit weg. Der Gedanke an die Umwelt, der aber zieht. Denn die Pestizide, die das Grundwasser auf den Baumwollplantagen in Indien oder China verpesten, könnten ja noch an den Stoffen haften, in die wir unsere Babys wickeln. Ganz egal, was die Beweggründe sind, es tut sich was in den Köpfen der Konsumenten und der Produzenten. Und das ist gut so.

Aber es geht nicht nur um ein paar recycelte Sneakers, nachhaltige Jeans oder T-Shirts, sondern um ein Problem, das viel grösser ist: den Massenkonsum. Ist es nicht besser, generell weniger Fleisch zu essen statt mehr Biofleisch? Und tun wir der Umwelt wirklich einen Gefallen, wenn wir Unmengen funktionstüchtiger Autos vorzeitig verschrotten, um sie mit hybriden Neuwagen zu ersetzen? Trotz aller Bemühungen geht es auch in der Modeindustrie am Ende meist darum, dass wir mehr, schneller und ständig kaufen. Fast-Fashion eben.

Sie werden jetzt vielleicht einwerfen: «Ausgerechnet die Moderedaktorin sagt mir das!» Aber nicht nur ich bin Teil dieser Industrie, wir sind es alle. Ich will mich nicht von aller Schuld reinwaschen, aber dafür plädieren, nicht weg-, sondern genauer hinzuschauen. Wer Mode liebt, wer einen ausgewählten Geschmack hat und sich dafür interessiert, wie Kleidung hergestellt wird und wie lang- oder kurzlebig die verwendeten Materialien sind, wer weiss, was einem steht und welche Teile zum Klassiker taugen, der ist schon recht gut gewappnet gegen die Versuchung, Ramsch zu kaufen, den man möglichst bald wieder loswerden will. Denn in der Mode geht es darum, einen persönlichen Stil zu finden. Und die eigene Persönlichkeit ändert sich ja nicht mit jeder Saison vollständig, aber hoffentlich doch immer ein bisschen. Letztlich geht es darum, achtsamer einzukaufen. Slow-Fashion eben.

Ich liebe aufwendig produzierte Modestrecken, auch wenn ich mir das meiste davon nicht leisten kann. Ich komme mit ein paar Jeans und Blusen gut durch meinen Alltag und bei Modeschauen sogar an den Türstehern vorbei, spare für hochwertige Schuhe, die ich trage, flicken lasse und weiter trage. Ich wasche meine Kleidung bei dreissig Grad, weil ich damit halb so viel Energie verbrauche und die Sachen so länger schön bleiben. Das ist keine Kehrtwende, sondern eine Entschleunigung. Es gibt noch viel zu tun. Am besten fangen wir damit an, dass wir Mode endlich ernst nehmen.

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