Apropos Mode

Oje-Miene

Redaktion: Barbara Loop, Foto: Marco Tassini/Getty Images

Mehr Ausdruck in den Modelgesichtern auf dem Laufsteg
  • Geht doch! Lachende Models backstage bei Giambattista Valli an der Paris Fashion Week 2016/17

gamevuinhon-Redaktorin Barbara Loop wünscht sich mehr Ausdruck in den Modelgesichtern auf dem Laufsteg. 

Die Mode hat das reale Leben für sich entdeckt, so lautet das Credo der Stunde. Das Traditionshaus Dior schreibt sich feministische Botschaften auf die Fahne, genauer auf das T-Shirt. Und angesagte Labels wie Eckhaus Latta, Vetements oder Marques’ Almeida lassen ihre Kollektionen von Models präsentieren, die älter, kurviger und farbiger sind als je zuvor.

So weit, so real, wäre da nicht dieser Ausdruck, den die Models, ohne eine Miene zu verziehen, seit Ende der Neunzigerjahre im Gesicht tragen: leer, entrückt und weltverloren. Neben den tristen Mienen vom Laufsteg erscheinen selbst die Gesichter am Montagmorgen im Tram wie das blühende Leben. Nein, an den Modeschauen mag man heute vielleicht auch mal Kurven und Falten sehen, der ungeschminkten Realität aber blickt man garantiert nicht ins Auge.

Man kann dagegen halten, dass in diesem blasiert passiven Blick die Anmut einer Aristokratin auf einem Rennaissance-Gemälde ruht, die sich zwar betrachten lässt, selbst aber niemanden eines Blickes würdigt. Erhaben und begehrenswert, so soll sich die Kundin fühlen, die diese Mode einst tragen wird. Oder vielleicht ist es die Schnute eines Teenagers, too cool for school, die uns auf verquere Art in ihren Bann ziehen soll. Oder aber das Gegenteil ist der Fall: Das Model gibt sich ausdruckslos, um die Mode – und nicht sich selbst – in den Vordergrund zu stellen.

All die Argumente lassen allerdings ausser Acht, dass der blutleere Gesichtsausdruck auf dem Runway kein Naturgesetz ist. In den Siebzigern konnte der Blick von Modelikone Pat Cleveland alles sagen, nur nicht nichts, der von Jerry Hall war geheimnisvoll und cool und der von Naomi Campbell konnte, Jahre später, töten. In den Achtzigerjahren war bei den Shows von Vivienne Westwood die Fuck-You-Attitüde angesagt, und ein Jahrzehnt später bei Versace die Lebensfreude. Wenn man also von der Mode mehr Sinn für die Wirklichkeit der modernen Frauen fordert und sich die Körper der Models ein bisschen in Richtung Realität bewegen, dann sollten das doch auch ihre Gesichtszüge tun. Es muss ja nicht immer ein Lächeln sein, schliesslich haben wir Frauen trotz neuem Gucci-Mantel in der Realität nicht nur zu lachen. Aber zu glotzen wie ein toter Fisch hilft bei der Lohnverhandlung garantiert auch nicht weiter.

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