Trendheft 2013

Trend Gender-Bender-Models: Als Frau auf dem Männercatwalk

Text: Katrin Kruse; Fotos: Helvetia Leal, Imaxtree

Model Tamy Glauser, Tamara Glauser
Trend Gender-Bender-Models: Als Frau auf dem Männercatwalk
Trend Gender-Bender-Models: Als Frau auf dem Männercatwalk
Trend Gender-Bender-Models: Als Frau auf dem Männercatwalk
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«Ich sehe jetzt, wie sehr Fashion die Gesellschaft prägt»: Tamy Glauser

Tamy Glauser läuft für Givenchy by Riccardo Tisci Men.

Als Frau gebucht bei Alexandre Vauthier Haute Couture: Gender-Bender-Model Tamy Glauser.

Zweitkarriere

Einst war sie begehrte Make-up Artist auf vielen gamevuinhon-Modeshootings, heute inszeniert Menschen mit der Kamera: Von ihr stammt die Porträtaufnahme von Model Tamy Glauser. Die neusten Arbeiten der Schweizer Fotografin mit argentinischen Wurzeln sind bei Ikou Tschüss, The Straight and Narrow und in «Ash» zu sehen.

Hey Big Gender: Frauen auf den Männercatwalks, Männerlooks in den Frauenkollektionen – und umgekehrt. Die Mode 2013 erklärt den Kampf der Geschlechter für beendet. Eine Gender-Studie zu einem gesellschaftlichen Megatrend.

 

Die Mode landet punktgenau im Dazwischen. Sie landet dort so exakt und mühelos wie Tamy Glauser, die neue Favoritin unter den Gender-Bender-Models, auf dem Barstuhl bei unserem Treffen im Zürcher «Volkshaus». Dazwischen heisst diesen Herbst: zwischen den Geschlechtern. Das ist der neue Ort der Mode.

In Laufstegeindrücken gesprochen: Bei vielen der Herbstkollektionen 2013 ist nicht ganz klar, ob es sich um Frauen- oder Männermode handelt. Zum einen, weil die gängigen Feminin/maskulin-Codes hochtourig vermischt werden. So finden sich seidige Blumenmuster, Durchsichtigkeit und überlanger Schichtenlook jetzt auch bei den Männern. Und Oversize-Jacketts, Nadelstreifen und stoffschwere Hüfthosen, die zum breitbeinigen Gang einladen, bei den Frauen. Und zum anderen, weil einige dieser kerligen Laufstegläufer an den Herrenschauen Frauen sind. Nicht Frauen, wie sie in den Siebzigerjahren Yves Saint Laurent anzog – mit Smoking, roten Lippen und feminin interpretierten Männerposen. Sie haben auch nichts von Coco Chanel an sich, die in den Dreissigerjahren mit herb in die Hüften gestützten Händen in der Jagdkleidung ihres englischen Liebhabers posierte. Die neuen Frauen als Männer sind auch nicht einfach androgyn. Sie sind nicht jenseits der Geschlechter, sondern eben genau dazwischen. Als Effekt wird das Geschlecht zur Nebensache – das ist das Paradox des neuen Gender Bending.

«Als Mann bin ich cooler, härter»

Die Modewelt reagiert recht begeistert. Sie hat jetzt nur ein Problem mit der Etikettierung: Wie nennt man eine Frau, die an den Männerschauen läuft, ohne als Frau erkennbar zu sein – aber ohne Mann sein zu wollen? Oder eine, die an den Frauenschauen läuft, das aber wie ein Mann?

Laufsteglaufen war das Erste, was Tamy Glauser lernte, als sie im Herbst letzten Jahres für ihre Agentur Ford nach Paris zog. Das neue Gender Bending funktioniert durch furchtlose Vermischung – der Kleidungscodes ebenso wie der Posen. Glauser hat es dort auf zwei Arten gelernt – für die Männer und für die Frauen. «Bei den Frauen sind die Schultern zurückgenommen und die Hüften nach vorne geschoben. Die Typen haben eher die Schultern vorn.» Tamy Glauser wird «als Frau und als Mann gebucht» – so heisst es im Jargon des Modelbooking. Was den neuen fluiden Umgang mit dem Geschlecht in der Mode gut umschreibt.

Unübersehbar wurde der, als Saskia de Brauw im letzten Jahr die Männermode von Saint Laurent bewarb – mit dem Slogan «The Saint Laurent boy is a girl». Oder mit der Frankoamerikanerin Casey Legler, die in ihren Dreissigern zu modeln begann und bei der Agentur Ford als erste Frau ausschliesslich in der Männerkartei geführt wird. Mit ihr hatte Tamy Glauser letzten Herbst ihr erstes Fashionshooting – was eine gute Übung in Sachen Pose gewesen sei. Bei Shootings gebe es zwar keine Vorgaben, sagt Tamy Glauser – was aber bedeute, dass sie sich selbst Gedanken machen müsse. Und wie drückt sie den Unterschied aus? «Wenn ich als Frau gebucht bin, ist der Ausdruck weicher – von der Körpersprache her, dem Gesichtsausdruck. Als Mann bin ich cooler, härter.» Und bei Shootings, bei denen es gerade um Uneindeutigkeit geht, um das In-Between? «Dann bin ich so, wie ich immer bin.» Ihr Erfolg, meint sie, liege genau darin: «Dass ich undefinierbar bin in dieser Hinsicht.»

Ein guter Moment für soziologische Feldstudien in der Mode

Wie sie ist: eine zarte junge Frau mit Tomboy-Gestik, mit schwarzer Mütze, Goldkette, grauem Sweater und Nietengürtel. Dieses punktgenaue Dazwischensein funktioniert auf dem Laufsteg und für Fotostrecken hervorragend. Im realen Leben kann es Kollisionen geben. Da wird sie bisweilen hart an beiden Schultern gefasst – «von einer Frau, die auch noch kleiner war als ich!» – und aus dem Frauenklo geworfen. Weswegen Tamy Glauser – die in Bern aufgewachsen ist, nach New York ging, später in Zürich eine Weile Soziologie studierte und jetzt, mit 28, die Fashionwelt im Direktkontakt erfährt – die Mode ziemlich spannend findet. «Ich fühle mich manchmal wie bei einer Feldstudie, ich sehe jetzt, wie sehr Fashion die Gesellschaft prägt.» Wie die diversen Akteure zusammenkommen, in diesem komplizierten Netz von Beziehungen, Einflüssen und Einflussnahme. Konkret: Wie Jean Paul Gaultier, für den Glauser an der Frühjahrsschau lief, eine Hommage an die Pop-Ikonen der Achtziger zeigt. Wie die David Bowie-Ausstellung im Londoner V&A zum Androgynitäts-Revival führt und Bowies aktuelles Video «The Stars (Are Out Tonight)», in dem Andrej Pejic, das bekannteste Trans-Model, als Frau und Saskia de Brauw als Mann zu sehen sind, das neue Gender Bending vorantreibt.

Es ist ein guter Moment für soziologische Feldstudien in der Mode. Was die Mode derzeit behauptet – das Geschlecht ist fluid und die Erscheinung als Mann oder Frau nicht an das reale Geschlecht gebunden –, ist Gegenstand der Gender Studies, seit sie in den frühen Neunzigerjahren zur akademischen Disziplin wurden. Mit viel poststrukturalistischem Vokabular und jeder Menge Abstraktion. Das, was man davon ausserhalb der Universität mitbekam, blieb den meisten entsprechend unverständlich: das Postulat etwa, dass der Geschlechterunterschied nicht folgenreicher sein sollte als der Unterschied zwischen blauen und braunen Augen.

Die Mode ist ihrer Zeit gerade voraus

Wenn also in der Öffentlichkeit von den Gender Studies die Rede war, dann folglich gern süffisant im Sinn einer politisch korrekten Taskforce: Gender-Professorinnen mit kurios-sperrigen Doppelnamen fordern umständliche Sprachregelungen. Parallel dazu haben die Feuilletons ihr Thema im Ende der traditionellen Männlichkeit gefunden: der Mann als Lachnummer. Weitgehend unbemerkt bleibt, dass die Praxis oft progressiver ist als der Blick der Diagnostiker. Der Sex etwa – wie Leute Sexualität leben. Wie eine jüngere Generation über ihren Sex spricht. Die Gender-Debatte war stark von der Schwulen- und Lesbenbewegung geprägt, mittlerweile umfasst Queer nicht mehr nur homosexuell, sondern, wie die Sexualtherapeutin Betty Dodson in einem ihrer Sex-Education-Videos beschreibt, das Akronym: LGBTQIAS. Also Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender (im anderen Geschlecht leben, operiert oder nicht), Questioning (nicht definiert), Intersexual (körperlich nicht klar definiert), Asexual (no sex) oder – Dodsons Beifügung – Selfsexual (Onanie). Dodson schliesst mit der Forderung: «Why not get rid of all of them? We are all: sexual.»

Die Mode ist ihrer Zeit gerade voraus, weil sie genau diesen Gestus hat. In Shootings, ganz deutlich. Aber auch in vielen Kollektionen. Riccardo Tisci hat für Givenchy die subtilste Mischung gezeigt – Oversize-Sweatshirts, in der Taille gegürtet und zu transparenten Seidenjupes kombiniert, die bodenlang in schweren Volants endeten. Niedliche Bambimotive zu schwarzer Polka-Dot-Transparenz. Bikerjacken aus schmalen Lederstreifen, mit fein eingefasster Schulter. Holzfällerhemden, revisited. Es ist, und genau dort ist die Mode derzeit intelligenter als die Feuilletons, ein spielerischer, heiterer Umgang mit Geschlecht. Einer, der weiss, dass das soziale Geschlecht zumindest zum Teil flexibel ist, durch die gelebte Praxis bestimmt. Dass sich die Mode nicht festlegt, darin liegt gerade ihr grösster Punch. Die Nicht-Eindeutigkeit in Bezug auf das Geschlecht, sie hat die grösste provokative Wucht. Und nebenbei tut das Dazwischensein ukdem Umgang der Geschlechter besser als eine Debatte mit dem ängstlichen Subtext: Passt auf, Männer! Bald ist euer Fundament, die Männlichkeit, nichts mehr als ein lächerlicher Atavismus.

«Ich habe das, was ich bin, nicht gekannt»

Tamy Glauser lief an den Givenchy-Herbstschauen, für die Männer. Die Modewelt ist für sie Abenteuer und eine neue, gute Existenz, natürlich – aber sie will auch über sie hinaus etwas erreichen. Sie will, dass es nicht nur in der Fashion okay ist abzuweichen. Sie hätte das gebrauchen können, damals, in Bern, dass ihr jemand sagt: Es ist okay, wie immer man ist. Es gibt mehr als Schwarz-Weiss. Tamy Glauser sagt es so: «Ich habe das, was ich bin, nicht gekannt.» Jetzt – und auch: der Mode sei Dank – lernt man es kennen

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