Meine Meinung

Meine Meinung: Vergangenheitsverklärung

Text: Hazel Brugger; Foto: Paolo Dutto/13photo.ch; Bearbeitung: gamevuinhon

Meine Meinung: Vergangenheitsverklärung

Rauchen im Kreisssaal – das waren noch Unzeiten! Die 21-jährige Slampoetin Hazel Brugger findet aggressive Nostalgiker grässlich.

Mir wurde schon viel Blödsinn an den Kopf geworfen. Manchmal richtig ausgewachsener, handfester Quatsch, dessen Sauce einem zäh und klebrig die Arme entlangrinnt. Den nennt man dann Bullshit. Undurchdachte, fad nachgeplapperte Aussagen, die Aufmerksamkeit und ganz viele Daumen nach oben wollen.

Ich bin ein Kind der Generation Y. Das heisst, ich muss lachen, wenn ich in alten Filmen Leute mit Piepsern und Kabeltelefonen sehe, und an eine Zeit vor dem Internet kann ich mich nicht erinnern. Meine Generation hat einen schlechten Ruf, man schimpft uns Langweiler, Blender, Egoisten, unpolitisch, unkritisch, uncool. In den Social Media wird die Frage «Wann genau ist aus Sex, Drugs and Rock’n’Roll eigentlich Laktose-Intoleranz, Veganismus und Helene Fischer geworden?» herumgereicht.

Jawohl, endlich sagts einer, schreit das Volk. Früher war alles noch viel unverfälschter. Da waren die Leute noch echt, haben richtige Musik gehört und kein durchproduziertes Popgetröte. Da hat jeder gegessen, was er wollte, und alle waren schlank, und der Erde ging es gut. Früher durfte man auch noch rauchen, ohne wie ein Aussätziger geächtet und verbannt zu werden. Ja, früher war es sogar normal, geradezu angesehen zu rauchen! Im Flugzeug, im Zug, im Kreisssaal. Da hat man dem Neugeborenen erst mal richtig kräftig auf die Schleimhäute gequalmt, um ihm dann mit einem ordentlichen Klaps auf den Arsch den Start ins Leben zu ebnen. Das waren noch Zeiten!

Früher hat man die Kinder sich noch ausweinen lassen in der Nacht. Rock’n’Roll-Parenting nach alten Nazimethoden, das waren noch Kinder damals. Kein Wunder, sind die alle so verweichlicht heute, und sogar die Jungs haben neuerdings Gefühle und essen gern Gemüse. Wenn einen früher die Lust übermannt hat, dann hat man sich der Promiskuität eben hingegeben und gebumst, dass sich die Balken bogen. Freie Liebe für alle. Geweint wurde dann im stillen Kämmerlein, wenn man sich schlecht fühlte für die eigene Frigidität und das leise Sehnen nach der monogamen Utopie.

Leute mit derartigem Jetzt-Hass finde ich grässlich. Das sind aggressive Nostalgiker, die nicht damit klarkommen, dass ihre alteingesessene Lebensweise vielleicht nicht die beste und ganz sicher nicht die einzige ist, die nicht einsehen, dass wir uns immer tiefer in den Bullshit reinreiten, dass die Ressourcen nicht endlos und das stetige Wachstum nicht grauenhaft sinnvoll sind. Diese Leute kapieren einfach nicht, dass Individuen nunmehr funktionierende Teile eines Ganzen sind. Und dass daher das Private immer politischer wird und Politik nur dann funktioniert, wenn sie auch im Privaten ausgelebt wird. Meine Grossvatergeneration ist schliesslich daran schuld, dass die Massentierhaltung eskaliert ist. Und meine Vatergeneration hat die Popmusik geprägt, auf deren Welle Helene Fischer durch die Nacht segelt – vermutlich atemlos.

Nach Y kommt Z, danach ist das Alphabet mit seinem Latein am Ende. Wer weiss, was dann für Zeiten und Zitate kommen. Ich freue mich jedenfalls schon jetzt auf mich. Wie ich da stehe, leere Augen, graues Haar, meinen alten iPod schwingend wie ein Krieger seinen Morgenstern.

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