Digitalnomaden

«Ich kann immer dort arbeiten, wo es gerade Sonne hat»

Interview: Leandra Nef; Fotos: GettyImages, Katrin Gygax

Die 57-jährige Katrin Gygax wohnt in Zürich und reist seit 1996 als Digitalnomadin durch die Schweiz. Die selbstständige Texterin und Übersetzerin über ihre ungewöhnlichen Arbeitsplätze – vom 5-Sterne-Hotel bis zum Zugabteil – und ihr Travelkit. 

gamevuinhon: Katrin Gygax, Sie machen sich die ganze Schweiz zum Büro. Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?
Katrin Gygax: Um halb neun beginne ich, meinen Tag zu organisieren, und schaue, was ansteht. Wegen der vielen Pendler in den Zügen fahre ich aber selten vor zehn Uhr los. Manchmal plane ich im Voraus, wo es hingeht, manchmal stehe ich am Bahnhof und denke: Wo will ich heute hin?

Von all den Orten, an denen Sie schon waren: Welche drei können Sie besonders als Büro empfehlen?
Das «The Chedi» in Andermatt ist einer meiner Lieblingsarbeitsplätze. Die Lobby hat eine riesige Lounge, schön und bequem, mit vielen Ecken, in denen man gut arbeiten kann. Ausserdem liegt es direkt neben dem Andermatter Bahnhof. Im «The Chedi» sind auch Leute willkommen, die nicht im Hotel übernachten. Schliesslich konsumiert man ja auch meist was Kleines, während man dort arbeitet. Trotzdem: Diese Willkommenskultur herrscht nicht überall. Für längere Aufenthalte empfehle ich das Hotel Albrici in Poschiavo. Das Hotel ist sehr alt, mit Räumen aus der Renaissance und einem wahnsinnig schönen Rokoko-Saal zum Arbeiten. Das Puschlav ist sowieso ein toller Ort, man kann in den Arbeitspausen Wandern und Velofahren gehen. Mein dritter Tipp ist die Lesegemeinschaft in Basel, das ist eine uralte Bibliothek, ein Hogwarts für Erwachsene. Um da reinzukommen, müssen Sie aber Mitglied werden.

Sie haben ein Buch mit Tipps zum Nomadentum in der Schweiz geschrieben. Darin empfehlen Sie auch den Zug ausdrücklich als geeigneten Arbeitsplatz. Ist es in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht schwierig, sich zu konzentrieren?
Ich habe gute Kopfhörer, die brauchts schon. Aber ehrlich gesagt sind viele plappernde Menschen im Zug weniger Ablenkung für mich, als einer, der im Grossraumbüro ins Telefon schreit oder mir von seinem Wochenende erzählt. Ich habe gemerkt: Unterwegs bin ich am effizientesten, erledige ich viel mehr, lenke mich nicht ab.

Ausser den Kopfhörern – was muss ein digitaler Nomade immer dabei haben?
Handy, Laptop, Ladekabel, Batterien für die Kopfhörer – und schon kann man losfahren. Die Internetverbindung baue ich jeweils übers Handy auf, dafür habe ich ein Pauschalabo. Was auch nicht fehlen darf, bei mir zumindest: ein Schweizer Sackmesser, Sonnencrème, ein kleines Aromat und Tabascosauce – ein Drittel meines Travelkits ist food-based.

Und was ist mit dem Generalabonnement?
Ich hatte bis zu diesem Jahr ein GA für die erste Klasse. Aber das ist einfach sehr teuer mittlerweile. Jetzt probiere ich es testweise mit Einzel- und Sparbilletten. Auf gewissen Strecken lohnt sich ein Erstklass-GA auch gar nicht, da hat es auch in der zweiten Klasse noch gute Plätze. Besonders die Einersitze in den Doppelstockzügen sind super oder die Restaurantwagen der SBB. Auch die Familienabteile der deutschen ICEs sind komfortabel – sofern denn keine Familien drin sind.

Welche Orte eignen sich nicht zum Arbeiten?
Cafés und Restaurants zur Essenszeit und Züge zur Rush Hour. Auch Züge auf der Strecke Zürich-Bern eignen sich nicht. Da hat es zu jeder Tageszeit sehr viele Pendler.

Welches ist der grösste Vorteil, den Digitalnomaden geniessen?
Die Freiheit. Ich kann immer dort arbeiten, wo es gerade Sonne hat. Im Winter fahre ich oft ins Engadin, im Sommer gerne nach Ascona: dreieinhalb Stunden hinfahren und arbeiten, am See essen gehen, auf der Rückfahrt noch mal dreieinhalb Stunden arbeiten. Oder ich fahre zu Museen, die mich interessieren. Von Frühling bis Herbst bin ich anstatt mit dem Zug auch oft mit dem Schiff und dem Velo unterwegs. Dann fahre ich zum Beispiel mit dem Velo eineinhalb Stunden nach Baden, arbeite dort den ganzen Tag und fahre am Abend wieder zurück.

Neben all den Freiheiten: Welche Nachteile hat ein solches Leben?
Für mich gibt es eigentlich keine. Ausser vielleicht, dass man nicht automatisch Teamkollegen um sich hat, mit denen man plaudern kann. Aber das vermisse ich ehrlich gesagt nicht, ich habe ja mit meinen Klienten Kontakt, für die ich texte und übersetze. Ausserdem habe ich eine Frau und viele gute Freunde, die machen das wieder wett.

Wenn es Ihnen jemand gleichtun möchte: Was dürfte diese Person am Nomadentum keinesfalls unterschätzen?
Ohne Vorbereitung geht nichts. Man muss sich einen Job suchen, den man mobil machen kann. Am besten verfügt man bereits über Kundschaft oder weiss zumindest, wo man sich diese holen kann. Deswegen ist es auch so wichtig, sich ein Netzwerk aufzubauen.

Mit wem sollten sich Neueinsteiger denn unbedingt vernetzen?
Auf Facebook gibt es die Gruppe «CH Digitale Nomaden Schweiz». Dort tauschen sich die Digitalnomaden aus, stellen und beantworten Fragen, geben Tipps. Es ist eine geschlossene Gruppe, aber man kann sich einfach anmelden.

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Lesen Sie auch das Interview mit Birgit Pestalozzi. Nach einem schweren Unfall beschliesst die heute 42-Jährige, Digitalnomadin zu werden. Seither reist sie als Beziehungscoach um die Welt. Uns verrät Birgit Pestalozzi, wie man Digitalnomade wird und welche Anfängerfehler man dabei auf keinen Fall machen darf.

Leandra Nef

Auf dieser Welt gibt es noch so viele Geschichten zu erzählen! Das freut die Junior Online Editor, die Neues entdecken, verstehen, hinterfragen und natürlich darüber schreiben möchte. Unkonventionelle Lebensentwürfe und das Thema Reisen interessieren sie besonders.

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