Postkarte

Postkarte aus Montréal

Text: Olaf Tarmas
Fotos: Gesa Becher

East meets West: Lampionfestival im botanischen Garten
Grüne Lunge: Der Parc Mont-Royal
Kleinstadtambiente: Szeneviertel Plateau Mont-Royal
Der mächtige Sankt-Lorenz-Strom mit der Jacques-Cartier-Brücke
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East meets West: Lampionfestival im botanischen Garten

Grüne Lunge: Der Parc Mont-Royal

Kleinstadtambiente: Szeneviertel Plateau Mont-Royal

Der mächtige Sankt-Lorenz-Strom mit der Jacques-Cartier-Brücke

Wussten Sie, dass Montréal viel mit Zirkus zu tun hat? Und dass die Menschen in dieser Stadt den Augenkontakt mit Passanten aktiver suchen als Bewohner anderer Metropolen? Lesen Sie, was es in Montréal alles zu entdecken gibt und in welchen Strassen man die besten Shops und Restaurants findet.

Wer Montréal besucht, kann Zirkusluft und Küchenduft schnuppern – und darüber staunen, wie die kanadische Stadt mit ihren ethnischen Identitäten jongliert.

Ein milder Samstagmorgen, Garagenflohmarkt im Stadtteil Little Italy – oder, wie es hier auch heisst, Petite Italie: Frédéric und Marie-Chantal haben bei sich zu Hause ausgemistet, jetzt bieten sie auf dem Trottoir vor ihrem Reihenhaus allerlei Krimskrams feil: Lampen jeglicher Grösse und Couleur, Essbesteck, Taschen. Ein grauhaariger Mann in ausgebeulter Windjacke kommt vorbei, plaudert, beäugt einige Töpfe, radelt von dannen. Entspannte Vorort-Atmosphäre mitten in der Stadt, schnell kommt man ins Plaudern – und schnell stellt sich heraus, dass Frédéric Zirkusdirektor ist und der Mann auf dem Velo als Clown arbeitet.

Typisch Montréal: Kontakt zu den Bewohnern dieser Stadt entsteht im Vorbeigehen, und viele haben etwas mit Zirkus zu tun. Eine von der Stadt gern zitierte Studie besagt, dass die Montréalais den Augenkontakt mit Passanten aktiver suchen und länger halten als die Bewohner anderer Metropolen. Französische Neugier statt amerikanische Diskretion, kontaktfreudige Künstler statt reservierte Kaufleute – auf diesen Nenner lässt sich die grösste frankophone Stadt nach Paris schon an diesem Vormittag bringen.

Ein bisschen Zirkusdirektoren-Ausstrahlung geht auch von Daniel aus, der im benachbarten Stadtteil Plateau Mont-Royal die Tür zu seinem Bed & Breakfast öffnet: schwarzer Samtmantel, gewitzt gestutzter Stoppelbart, liebenswürdige Begrüssung. Wir kommen zwar unangemeldet – Daniel blinzelt etwas verschlafen in die Mittagssonne –, aber wir sind sofort willkommen. Gemeinsam mit seinem Partner Michel hat Daniel ein typisches Montréaler Reihenhaus mit seinen eisernen Aussentreppen vor einigen Jahren als Herberge eingerichtet – funky, plüschig und sehr entspannt. Zuvor wohnten hier die drei Edwards Brothers, die in den Vierziger- und Fünfzigerjahren als bekannte Akrobaten-Komödianten um den Globus zogen. Schwarzweissfotos an den Wänden zeigen sie mit anderen Showgrössen ihrer Ära.

Dass Artisten in Montréal so allgegenwärtig sind, ist kein Zufall. Zum einen ist die Stadt Sitz der Nationalen Zirkusschule Kanadas – vor allem aber hat der Cirque du Soleil, gegründet 1984 von zwei frankokanadischen Strassenakrobaten, hier sein Hauptquartier. Um Montréal endgültig zur globalen Zirkushauptstadt zu machen, eröffneten Schule und Zirkus 2004 La Tohu, ein Trainings- und Ausbildungszentrum für Artisten, zugleich Schaufenster der neuesten Zirkustrends weltweit. Der Name ist eine Kurzform von Tohuwabohu – hebräisch für Chaos, Durcheinander, und er trifft den kreativen Geist des neuen Zirkusstadtteils ganz gut. Einst ein heruntergekommenes Quartier, geprägt durch Armut, einen Steinbruch und eine Abfalldeponie, entwickelt sich das Gelände um La Tohu seit einigen Jahren zu einem künstlerisch-ökologisch-sozialen Gesamtkunstwerk.

Das kulturelle Tohuwabohu Montréals zeigt sich am deutlichsten im Stadtteil Plateau Mont-Royal. Auf der quirligen Szene-Hauptstrasse Rue Saint-Denis drängen sich vietnamesische, karibische, westafrikanische, chinesische, französische und orientalische Restaurants auf engstem Raum – und auf erfreulich hohem Niveau. Ausserdem finden sich hier noch immer viele alternative Designer und Künstlercafés. Nicht die schlechteste Art, Montréal, seine Artisten und vor allem seine Bewohner kennen zu lernen. Schliesslich ist die Stadt eine der kontaktfreudigsten drer Ära.

Dass Artisten in Montréal so allgegenwärtig sind, ist kein Zufall. Zum einen ist die Stadt Sitz der Nationalen Zirkusschule Kanadas – vor allem aber hat der Cirque du Soleil, gegründet 1984 von zwei frankokanadischen Strassenakrobaten, hier sein Hauptquartier. Um Montréal endgültig zur globalen Zirkushauptstadt zu machen, eröffneten Schule und Zirkus 2004 La Tohu, ein Trainings- und Ausbildungszentrum für Artisten, zugleich Schaufenster der neuesten Zirkustrends weltweit. Der Name ist eine Kurzform von Tohuwabohu – hebräisch für Chaos, Durcheinander, und er trifft den kreativen Geist des neuen Zirkusstadtteils ganz gut. Einst ein heruntergekommenes Quartier, geprägt durch Armut, einen Steinbruch und eine Abfalldeponie, entwickelt sich das Gelände um La Tohu seit einigen Jahren zu einem künstlerisch-ökologisch-sozialen Gesamtkunstwerk.

Das kulturelle Tohuwabohu Montréals zeigt sich am deutlichsten im Stadtteil Plateau Mont-Royal. Auf der quirligen Szene-Hauptstrasse Rue Saint-Denis drängen sich vietnamesische, karibische, westafrikanische, chinesische, französische und orientalische Restaurants auf engstem Raum – und auf erfreulich hohem Niveau. Ausserdem finden sich hier noch immer viele alternative Designer und Künstlercafés. Nicht die schlechteste Art, Montréal, seine Artisten und vor allem seine Bewohner kennen zu lernen. Schliesslich ist die Stadt eine der kontaktfreudigsten der Welt. Wie gesagt: Man muss nur Augenkontakt aufnehmen.

Schlafen

Le Petit Hôtel
168, rue Saint-Paul Ouest
Tel. 001 514 940 03 60
www.petithotel montreal.com
DZ ab 194 Fr.

Nagelneues, stylishes Designhotel in einem altehrwürdigen Backsteingebäude in Vieux Montréal. Freundlich, geschmackvoll möbliert, mit Wii-Konsole und Hightech-Dusche.

Hôtel Nelligan
106, rue Saint-Paul Ouest
Tel. 001 514 788 20 40

DZ ab 241 Fr.

Elegant, gemütlich, luxuriös: Boutique-Hotel mit französischem Restaurantin Vieux Montréal.

Bed & Breakfast Romain Montagne
4351, rue Saint-Urbain
Tel. 001 514 843 68 82

DZ ab 100 Fr.

Gemütliches und witzig eingerichtetes B&B im Plateau Mont-Royal.

Essen & Trinken

L’Express
3927, rue Saint-Denis
Tel. 001 514 845 53 33

Weisse Tischdecken, wirbelnde Kellner, kleine Tische und ein exquisites Menü mit Foie gras und Champagner: Hier fühlt man sich schlagartig nach Frankreich versetzt. Sehr beliebt
und bis 3 Uhr nachts stets voll
.

Zero 8
1735, rue Saint-Denis
Tel. 001 514 658 55 52

Ein hochklassiges Restaurant von Allergikern für Allergiker – so eine Idee kann wohl nur in Montréal mit seiner spezialisierten Nischenküche entstehen. Nicht-Allergikern sei gesagt:
Es schmeckt verdammt lecker!

Kalalu
4331, rue Saint-Denis
Tel. 001 514 849 77 87

Kalalu bedeutet auf Kreolisch Mixtur, und das Menü bietet folgerichtig eine Mischung aus karibischer und französischer Küche: Ziegenfleisch, Süsskartoffel-Pommes-frites, karibische
Fischgerichte, gewürzt mit Livemusik und einer umwerfend lebhaften Atmosphäre.

Chez L’Épicier
311, rue Saint-Paul Est
Tel. 001 514 878 22 32

Der ebenso geniale wie schüchterne Chefkoch Laurent Godbout bietet in seinem Altstadt-Restaurant exzellente, französisch inspirierte Haute Cuisine aus lokalen Produkten. Die Zutaten kann man auch kaufen. Unbedingt reservieren.

Au Festin de Babette
4085, rue Saint-Denis
Tel. 001 514 849 02 14

Ideal für die Saint-Denis-Shopping-Pause ist das gemütliche Café mit Biokuchen und -säften, exquisitem Teesortiment und der erstaunlichen
Kollektion Designer-Topflappen.

Soupesoup
649, rue Wellington
Tel. 001 514 759 11 59

Der Name ist, wie ganz Montréal, bilingue: ein cooler Suppenküchenloft
im amerikanisch anmutenden Quartier International mit einer fantastischen
Suppenauswahl von fein bis deftig, von Austern bis Randen.

Chez Brasil
8, rue Rachel Est

Eine kleine Perle zwischen Outremont
und Mont-Royal: Hier gibts tropisch angehauchte Torten mit Maniok, Schoggi, Mais, Banane und Kokos und brasilianische Tapas. Alles Fairtrade, wie so oft in Montréal.

Kouign Amann
322,avenue du Mont-Royal Est
Tel. 001 514 845 88 13

Morgens und am späten Nachmittag setzt hier der Run auf die begehrten Brote und Croissants von Patissier Nicolas Henry ein. An einem der drei Tischchen kann man ihm bei der Zubereitung zusehen und dabei seine Blaubeer-Cheesecakes, Makronen oder Suppen probieren. Für Eilige gibts auch alles to go.

Shoppen

Les Mains Folles

4427, rue Saint-Denis

Seit 1998 verkauft Karine Bourget alternative Designermode, Accessoires und Schmuck. Die Stoffe kommen aus Fairtrade-Handel mit Bali, Nepal oder Indien, die Schnitte stammen von Designern aus Montréal. Mode aus Recyclingstoffen und Biobaumwolle, weder ökig noch ethno, sondern bunt und chic.

 

Muse Christian Chenail
4467, rue Saint-Denis

Haute Couture à la montréalaise: cool, lässig, schlicht, urban. Viel Schwarz. Christian Chenail, früher Architekt, gehört zu den exklusiven Modeschöpfern, die sich an der Rue Saint-Denis angesiedelt haben.

Miss Swiss
920, avenue du Mont-Royal Est

Der Name ist ein wenig irreführend: Zwar gibts hier auch Klamotten aus Europa, vor allem aber kanadische Labels, von erschwinglich bis Highend, etwa das Label Mackage.

Harricana
3000, Saint-Antoine Ouest

Ökologisch verantwortbare Pelzmode – geht das? Mariouche Gagné kreiert Mäntel, Mützen und Taschen aus recycelten Pelzen, inspiriert von der Kultur der Inuit.

Marché des Saveurs
280, place du Marché du Nord

Ahornsirup in allen Varianten, exquisiter Käse, Eiswein und Rootbeer: Das Spezialitätengeschäft auf dem Marché Jean Talon (2) bietet die reichhaltigste Auswahl an Produkten aus Québec.

Erleben

Botanischer Garten
4101, rue Sherbrooke Est

Tel. 001 514 872 14 00

1991 öffnete auf dem riesigen Gelände der grösste traditionelle chinesische Garten ausserhalb Chinas. Hier findet jeden Herbst ein Lampionfest statt. Im Oktober ein idealer Ort, um den Indian Summer zu erleben.

La Tohu
La Cité des Arts du Cirque, 2345, rue Jarry Est (Ecke Iberville)
Tickets: Tel. 001 514 376 86 48

Wunderbares, poetisch-akrobatisches Tanztheater mit minimalistischemm Bühnenbild und einer Geschichte, die sich ums Auswandern dreht. Mehr als ein paar Holzbretter und alte Koffer brauchen die Tanzakrobaten dafür nicht. Das ist ganz nach dem Geschmack eines Publikums, das, wie die Bevölkerung der Stadt, zum grossen Teil aus Einwanderern besteht.

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