Starfotograf Hanspeter Schneider

«Meine Bilder sind wie eingefrorene Geschichten»

Interview: Kerstin Hasse, Fotos: Hanspeter Schneider, Archiv 

Interview Hanspeter Schneider
Interview Hanspeter Schneider
Interview Hanspeter Schneider
Interview Hanspeter Schneider
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Einer der erfolgreichsten Fotografen der Schweiz:

«Ich wollte immer Fotos machen, die Geschichten erzählen», sagt Hanspeter Schneider im Interview. 

Seine allererste Modegeschichte setzte er im September 1983 für gamevuinhon um. 

Teil der Strecke war seine Grossmutter, mit der er bereits den Entwurf für das Shooting fotografierte. 

In der neuen gamevuinhon hat Schneider die Modestrecke «Ciao Bella!» in Mailand umgesetzt. 

Die ganze Modestrecke finden Sie in unserer neusten Ausgabe. 

Der Zürcher Starfotograf Hanspeter Schneider hat Helen Mirren und Claudia Schiffer fotografiert, seine Fotos in Ausstellungen auf der ganzen Welt gezeigt – und das Modeshooting «Ciao Bella» in der aktuellen gamevuinhon realisiert. Wir haben mit ihm über Humor, Frauenbilder und die Entwicklung der Modefotografie gesprochen.

 

gamevuinhon: Hanspeter Schneider, was bedeutet für Sie Schönheit?
Hanspeter Schneider: Individualität. Eine Ausstrahlung zu haben, das ist für mich Schönheit. Es gibt viele Fotografen, die nur äussere Schönheit zeigen wollen, aber mir war das immer zu oberflächlich. Ich will mit meinen Fotos Geschichten zu erzählen – und dafür reicht äusserliche Schönheit nicht.

Was braucht es denn?
Persönlichkeit. Wenn die Models keine Besonderheit haben, wird es schwierig, starke Bilder zu kreieren. Die grösste Angst jedes Fotografen ist es, dass man mit Models zusammenarbeitet, die nicht verstehen, was man umsetzen möchte. Denn sie sollten mit ihrem Wesen das Bild bereichern, eine persönliche Note einbringen und dem Bild Tiefe geben. Ich habe in meiner Karriere schon mit sehr tollen Models zusammengearbeitet.

Wie haben Sie Ihren Stil gefunden?
Ich wollte immer Fotos machen, die Geschichten erzählen. Verlage wie Condé Nast haben das gefördert. Die wollten Fotografen mit einer eigenen Handschrift, die ihr Ding durchziehen – und das wurde auch mir erlaubt. In den Achtzigerjahren war viel mehr möglich als heute, man konnte schnell für ein Shooting nach Indien oder Brasilien fliegen, wo die besten Produzenten warteten, die einem die unglaublichsten Sachen ermöglichten. In dieser Zeit habe ich aber auch sehr viel für die britische "GQ" fotografiert und die hatten ein stark begrenztes Budget. Ich fing an mit Laien zu arbeiten, sogenannten Real People, um Kosten einzusparen. Ich habe Mode mit dem echten Leben verbunden und Modereportagen umgesetzt: etwa Elefantentreiber im Himalaja in Yoji-Yamamoto-Jacken.

Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?
Meine Bilder sind wie eingefrorene Geschichten. Meinem Reportagestil blieb ich stets treu, aber mein Look hat sich über all die Jahre jeweils dem Zeitgeist angepasst, mal habe ich schwarzweiss fotografiert, dann wieder bunt und überdreht. Ich wurde geprägt von der Zeit, in der ich arbeitete.

Inwiefern?
In den Achtzigerjahern kam der Sex in die Fotografie, man ist spielerisch mit der Sexualität umgegangen. Gleichzeitig hat sich die Rolle der Frau verändert, es fand eine Emanzipation statt. Viele Fotografen haben das einfach nicht mitbekommen. Und auch heute ist es noch so, dass Frauen oft auf ihren Körper und auf das Schönsein reduziert werden. Ich fand halt immer, dass das nicht reicht. Ich wollte mehr in den Frauen finden.

Auf Ihren Bildern sind Frauen aber sehr oft schön und sexy abgebildet.
Sexy zu sein hat etwas mit der Attitüde zu tun. Egal ob gross, klein, dick oder dünn – alle Menschen können sexy sein. Ich bin ein lebensfroher Mensch, Sexualität gehört zum Leben dazu und darum gehört sie auch in meine Bilder. Der Fokus lag für mich aber immer auf der Leidenschaft und dem gegenseitigem Respekt. Ausserdem findet man in meinen Bildern immer ein Augenzwinkern. Ich finde auch nicht, dass Emanzipation bedeutet, dass man nicht mehr mit Sexualität spielen kann. Man darf flirten – auch mit der Kamera. Das hat für mich nichts mit der #MeToo-Debatte zu tun.

Wobei es ja in der #MeToo-Debatte längst nicht nur um Flirterei geht.
Ich empfand Frauen immer als gleichwertig, es ist für mich gar keine Frage, dass die Gleichstellung umgesetzt werden muss. Ich habe auch kein wildes Fotografenleben gelebt – ich achtete stets darauf, professionell zu sein und habe weder in fremden Zimmern übernachtet noch meine Position ausgenutzt. Frauen waren für mich nie Objekte. Aber ich finde, Emanzipation heisst auch, dass Frauen Freude daran haben, eine Frau zu sein. Und in der heutigen Modefotografie sehe ich diese Freude viel zu wenig.

Was meinen Sie damit?
Mode muss einem etwas geben. Ich will das Leben zeigen, will Leidenschaft und Liebe, das Schöne und weniger Schöne Teil meiner Geschichten sein lassen. In den Neunzigerjahren wurde der Grunge populär, und mit ihm kam der Heroin-Chic. Damals war das authentisch, neu und aufregend, heute ist es mir oft zu aufgesetzt. Viele der neuen Modestrecken wirken fremd und traurig, ich empfinde sie nicht als ehrlich. Es kann doch heute nicht so traurig sein, eine Frau zu sein! Aber jede Zeit hat ihre Trends. Wenn man einen eigenen Fotostil hat, ist der mal in und dann wieder out.

Und wie merkt man, dass der mal vorübergehend out ist?
Indem einem hineingeredet wird. Von den Redaktoren dann: «Gell, die sollen aber nicht so lachen auf den Fotos, mach das nicht so positiv.» Dieses steife, möglichst abweisende und kalte Art ist mir aber fremd. Ich bin ausserdem davon überzeugt, dass meine Fotografie nie ausser Mode kommen wird, denn das wirkliche Leben ist immer spannend und emotional.

Modefotgrafie war nie Ihr einziges Standbein. Sie haben auch verschiedene Reportagen fotografiert.
Ja, ich habe zum Beispiel in Florida die Reportage «The Last Sideshow» umgesetzt. In einem Dorf lebten da Menschen, die sich selber Freaks nannten, etwa Jeanie, die berühmte Half Lady. Sie war kleinwüchsig und hatte keine Beine und war verheiratet mit  einem zweieinhalb Meter grossen Riesen. Das waren unglaubliche Menschen, die ich dort fotografieren konnte. Mein letztes Buch ist mein bisher persönlichstes. Es ist eine Ode an sizilianische Mütter, ich habe die Familie meiner Frau fotografiert. Ausserdem arbeite ich auch weiterhin für die Werbung. Ich wollte nie in die Fotografie, um Geld und Glamour zu erhalten. Diese Blase war mir zu oberflächlich. Deshalb geniesse ich es, wieder in der Schweiz zu arbeiten und mehr Zeit für meine Familie zu haben. Diese Seite kam bei mir für lange Zeit zu kurz.

Für gamevuinhon haben Sie grad eine Geschichte in Mailand umgesetzt. Es ist nicht ihre erste Arbeit für gamevuinhon – Ihre Karriere ist sogar recht eng mit uns verknüpft, richtig?
Ja, denn eine meiner ersten Fashion-Geschichten überhaupt habe ich damals für gamevuinhon gemacht.

Wie kam es dazu?
Ich fotografiere schon, seit ich zwölf Jahre alt bin, meine erste Ausstellung hatte ich mit 16 Jahren. Mein Vater wollte aber nicht, dass ich Fotograf werde, die ganze Kreativszene war ihm zu versumpft. Die Grafikerlehre auf die ich mich dann einliess, war ein Kompromiss. Schliesslich wurde ich schon mit 22 Jahren Art Director und setzte Kampagnen in London, Paris und Mailand um. Aber irgendwann hatte ich die Werbung satt. Also kam ich zurück in die Schweiz. Ich wollte redaktionell arbeiten und fotografieren.

Also haben Sie bei gamevuinhon angeklopft?
Ich habe bei allen angeklopft. Ich bin recht arrogant aufgetreten (lacht), ich schrieb allen, dass ich nun als Fotograf arbeiten und Aufträge entgegennehme würde. Ich wusste, dass ich eine Mappe haben muss, aber ich hatte – wie immer damals – kein Geld. Also stellte ich meine Grossmutter in ein Kieswerk und fotografierte sie. Mit den Fotos bin ich umhergereist, ich weiss noch, bei einem Verlag in Hamburg haben sie mich nach drei Minuten schon wieder hinausgeworfen, weil sie nicht verstanden, was ich von ihnen wollte. Bei gamevuinhon fand man meinen Ansatz aber interessant, also durfte ich das Shooting mit meiner Grossmutter wiederholen. Das war der Anfang.

, 64, ist ein Schweizer Starfotograf. Schneider hat in seiner Karriere für verschiedenen Hochglanzmagazine Mode-Reportagen umgesetzt, ausserdem hat er international Kampagnen umgesetzt und Ausstellungen organisiert und mehrere Bücher publiziert. Der Fotograf lebt mit seiner Familie in Zürich. 

Kerstin Hasse

Die Online-Reporterin interessiert sich für die Fragen, die sich ihrer Generation gerade stellen. Sie schreibt über Politik und Popkultur, über Feminismus und Gleichstellung, über Beziehungen und – typisch Millennial – manchmal auch über sich selbst.

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