Die nackte Wahrheit

Ungeschminkt aus dem Haus

Fotos: Christopher Kuhn

Ungeschminkt aus dem Haus

Beauty-Redaktorin Ursula Borer geht nicht ohne Make-up aus dem Haus. Für sie das ultimative Tabu. Trotzdem wagte sie das Experiment: Zwei Wochen ungeschminkt.

Bereits der Gedanke, meine vier Wände ungeschminkt zu verlassen, verursacht mir Magenkrämpfe, treibt mir das Grauen ins Gehirn und den kalten Schweiss auf die Stirn. Was für viele Frauen selbstverständlich ist, fühlt sich für mich an, als müsste ich nackt aus dem Haus oder im Bikini auf eine Hochzeit.

Bereits als Kind liebte ich es, mit Lippenstift und Lidschatten meiner grossen Schwester zu experimentieren. Es waren die 1980er-Jahre und starke Bemalung lag im Trend. Kaum 13 Jahre alt, pochte ich auf mein Recht, Wimperntusche tragen zu dürfen. Dann folgten die rebellischen Jahre mit grünen, roten, orangen, gelben, schwarzen und grauen Haaren sowie ausgefallenen Looks von Punk bis Hippie. Beim Make-up blieb ich klassisch: Lidstrich oder Smoky Eyes und vornehmlich rote Lippen. Heutzutage halte ich es wie Carla Bruni in ihrem Lied «La dernière minute»: «Juste encore une minute pour me faire une beauté ou pour une cigarette.» Aus der Morgenzigarette können durchaus drei werden und die «beauté» dauert bei mir nicht eine, sondern durchschnittlich siebeneinhalb Minuten. Trotzdem falle ich nicht allzu tief in den Make-up-Topf. Alles, was ich brauche, sind eine leicht deckende Foundation oder einen Concealer, schwarze Wimperntusche, Brauenstift und getönte Lippenpomade. Abends darf es ein bisschen mehr sein. Würde ich mich nicht mehr schminken, würde ich mein tägliches Ritual vor dem Spiegel schmerzlich vermissen. Ist es doch einer der wenigen intimen Momente, in denen ich mich selbst erblicke.

Warum fällt es mir so schwer, in der Öffentlichkeit ohne Make-up zu sein? Ist es der Verzicht auf eine schützende Maske, bin ich so unsicher oder gar so darauf bedacht, zu gefallen? Um das zu ergründen, wäre vermutlich eine Psychoanalyse angebracht. Vielleicht leide ich unter einer verzerrten Wahrnehmung, aber Fakt ist: Mein ungeschminktes Ich sieht überhaupt nicht so aus, wie ich mich fühle, ausser vielleicht, wenn ich krank bin. Ich finde mich «oben ohne» nicht hässlich, aber sagen wir mal sehr suboptimal wegen meiner blonden Wimpern, spärlichen, durchsichtigen Brauen und eines geröteten Teints. Nach ein paar Handgriffen freue ich mich darüber, mir im Spiegel zu begegnen. Der Nude-Look mag bei Naturschönheiten funktionieren. Warum sollten aber Normalsterbliche auf Beauty-Helfer verzichten? Macht mich so ein Denken zur Anti-Feministin? Das Streben nach Schönheit ist bestimmt so alt wie die Menschheit selbst, und ich erachte es als mein Grundrecht, auch wenn es in keiner Verfassung steht. Denn nur weil etwas natürlich ist, muss es nicht schön oder gut sein.

Obwohl es für mich persönlich ein klares Tabu ist, ungeschminkt das Haus zu verlassen, lasse ich mich darauf ein, knapp zwei Wochen lang keine Schminke zu tragen. Als Experiment. Im Vorfeld bereite ich mich mental eine Woche lang darauf vor, ersinne etliche Möglichkeiten, zu schummeln und das Unvermeidliche doch zu vermeiden. Ich könnte mir ja die Wimpern und Brauen färben, oder? Schliesslich entscheide ich mich für eine Salami-Taktik, denn von einem Tag auf den andern Tag alles weg – das schaffe ich nicht. Was folgt, ist eine Reise des Erstaunens.

Tag 1:
Wimpern, ade
«Bist du krank?» Nein. Ich habe nur meine Wimpern nicht getuscht und versuche, dabei nicht in eine Depression zu verfallen.

Tag 2:
Au revoir, Brauen
Menschen ohne sichtbare Augenbrauen wirken konturlos und eher ungesund. Ich muss mir nun also meine Konturen von innen geben und merke, dass ich nicht mehr so freundlich auf die Welt zugehe wie sonst. Ob das Ganze eine gute Idee war?

Tag 3:
Nackt
Bye-bye, Foundation. Glücklicherweise spielt meine Haut zur Zeit nicht verrückt. Dennoch merke ich, wie meine Haltung einsackt, der Kopf sich senkt und ich Blickkontakt ausweiche. Ich versuche, mich nicht zu verstecken, und überwinde mich: Schultern zurück, Brust raus, Lächeln. Innerlich bin ich total genervt, weiche Spiegeln aus.

Tag 4:
Immer noch nackt
Der Liebste will mich zum romantischen Dinner einladen. Da mir ungeschminkt aber die Lust fehlt, bleibt es beim Pizza-Kurier. Trotz seiner Hingabe fehlt mir die Flirtlaune. No Make-up als Liebestöter?

Tag 5:
Härtetest
Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass ich auf meine veränderte Optik angesprochen werde. So als hätte ich eine neue Frisur. Die Eingeweihten versuchen, mich mit positiven Kommentaren bei Laune zu halten. Von den anderen ernte ich nur leicht irritierte Blicke. Darauf angesprochen werde ich nicht. Ich bin fassungslos. Wie kann man so ignorant sein? Ein erster Härtetest ist eine grosse Feier. Ich überlege, was ich Festliches anziehen soll, aber ohne Foundation, Lippenstift und Wimperntusche bleibt die Partylaune aus. Da hilft nur Prosecco.

Tag 6:
Ungeschminkt
Langsam gewöhne ich mich an den Anblick, der mich immer wieder an einen Nacktmull erinnert. Meiner Haut scheint es ähnlich zu gehen, die Rötungen verblassen.

Tag 7:
In Versuchung
Mir fehlt die Motivation, meine Garderobe überlegt zu wählen. Abwärtsspirale. Ein Girls-Abend und ich könnte problemlos schummeln, aber ich bleibe stark. Nur eine Person spricht mich auf mein Aussehen an und ich bin froh, über das Experiment sprechen zu können.

Tag 8:
Gleichgültig
Wochenende. Da ich mich nicht aufhübschen darf, fehlt mir eigentlich die Lust, aufzustehen. Der Kühlschrank ist leer und Einkäufe stehen an. «Bis du bereit bist, dauert es ja noch eine Weile», meint der Liebste. Ich schüttle den Kopf, wir können sofort los. Zeitgewinn ist bis jetzt der einzige echte Pluspunkt.

Tag 9:
Antriebslos
Normalerweise freue ich mich, aus kleinen Dingen – wie gemeinsamem Kochen – etwas Besonderes zu machen und mich zu stylen. Jetzt fehlt mir jegliche Motivation. Kein Wunder, ich sehe müde, unfertig und fahl aus und das spiegelt sich in meiner Laune wider. Also setze ich mich vor die Glotze.

Tag 10:
Normal
Die Entzugsphase scheint überwunden und ich habe mich an meine neue Routine gewöhnt. Bei der Wahl meines Outfits werde ich wieder kreativer.

Tag 11:
Normal
Homeoffice. Ich schaue nur kurz in den Spiegel, da ich ja doch immer gleich aussehe. Ich konzentriere mich auf die Arbeit.

Tag 12:
Rückfall
Der zweite Härtetest: Ein Presse-Event mit grellem Licht, vielen Spiegeln und Schminkstationen. Ich werde schwach und erleide wie ein Junkie einen Rückfall. Die Vorher-Nachher-Selfies sind frappant: Und da soll mir einer sagen, man sähe keinen Unterschied? Kauft euch eine Brille!

Tag 13:
Abbruch
Ich habe genug vom Experiment, freue mich auf einen Abend mit dem Liebsten und putze mich raus. Die Laune ist exzellent!

Epilog
Back to the roots. Plötzlich werde ich direkt angesprochen: «Du siehst heute anders aus?» Ja klar – ich bin ja auch wieder geschminkt. Mein Umfeld dachte, es ginge mir nicht gut, und hat mich aus Rücksicht nicht angesprochen. Ist es denn ein Tabu, nachzufragen, wenn etwas offensichtlich anders ist? Ich persönlich habe es lieber direkt.

Fazit
Es war definitiv eine Bereicherung, mit festgefahrenen Routinen zu brechen, wenn auch nur für eine kurze Zeit. Aber es hat Überwindung gekostet, eine neue Perspektive zu entwickeln. Schön, zu wissen, dass ich kann, wenn ich will, aber nicht muss, wenn ich nicht will. So habe ich mir ein kleines Stückchen mehr Freiheit erobert. Alltägliches wie Einkaufen ist nun ohne Make-up-Fassade keine Unmöglichkeit mehr. Meine Haut fand es toll, und ich werde sie nun öfter frei atmen lassen.

Trotzdem will ich weiterhin im Alltag die kleinen Dinge zelebrieren. Mich aufzuhübschen ist für mich auch eine Form, meinem Gegenüber mit Respekt zu begegnen. Mein ungeschminktes Ich ist etwas Intimes, das ich nur mit vertrauten Menschen teilen will: Zuhause mit Brille und Pyjama lasse ich los, entspanne und die Welt bleibt draussen. Make-up gibt mir auch die Möglichkeit, mich zu verwandeln und mit meinen Facetten zu spielen. Ich trage ja auch nicht jeden Tag die gleichen Jeans und denselben Pulli. Wenn Foundation & Co. einen glücklicheren Menschen aus mir machen, kann ich sehr gut damit leben – #selflove hin oder her. Die andere Seite ist doch: Ich bin nicht weniger ich selbst, nur weil ich Lippenstift trage.

Haare & Make-up: Helve Leal für Style Council/Zürich

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