Emma Thompson

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gamevuinhon: Emma Thompson, vordergründig ist Ihr neuer Film «Last Chance Harvey» eine klassische romantische Komödie.
Emma Thompson: Ich bin überhaupt kein Fan von romantischen Komödien, bei denen man von Anfang an weiss, was passiert und wie die Geschichte endet. Das sehe ich mir nicht an. «Last Chance Harvey» ist ganz anders.

Was macht den Film denn anders?
Das tolle Drehbuch. Es erzählt aus dem Leben, von älteren Menschen, die sich verlieben. Das finde ich wunderbar, weil man so was eben nicht in gewöhnlichen romantischen Komödien sieht. Zudem durchleben die Charaktere echten Schmerz. Sie tragen eine Menge Ballast aus der Vergangenheit mit sich herum. So leidet Harvey an der Entfremdung von seiner Tochter, und auf Kate lasten die Zweifel an einer früheren Abtreibung. Diese Kombination macht den Film spannend und tiefgründig.

Kate erinnert mich an eine Freundin: eine attraktive Single-Frau in ihren Vierzigern, die von einem Date zum anderen hetzt und alles falsch macht, weil sie viel zu verkrampft den richtigen Mann sucht.
Es gibt ganz viele Frauen, die deshalb sehr einsam und sehr isoliert sind. Auch ich habe eine gute Freundin, die mich an Kate erinnert. Sie ist 46 und hat den Traum von Heirat und Familie längst begraben. Am schlimmsten ist, dass sie nicht einmal mehr Sex hat. Nicht besonders aufbauend. Je mehr Männer sie trifft, umso weniger klappt es.

Ein Teufelskreis.
Ja, und schuld daran sind unsere Projektionen. Wir versuchen, die Menschen, die wir treffen, in Schablonen zu stecken, und blocken gleich ab, wenn jemand nicht unseren Vorstellungen entspricht. Dabei könnte man ja einfach eine gute Konversation führen, danach vielleicht an eine Party gehen und dort womöglich die Person kennen lernen, die man schon immer kennen lernen wollte.

Gegen Ende des Films sagen Sie sinngemäss: Vielleicht möchte ich lieber weiterhin enttäuscht werden, anstatt mich auf etwas einzulassen, von dem ich nicht weiss, wie es endet.
Eine Schlüsselstelle, denn es gibt ganz viele Leute, die so denken. Sie haben sich bestens damit arrangiert, ständig enttäuscht zu werden, und wissen bereits, wie sie darauf reagieren müssen. Das ist oft einfacher, als sich zu öffnen und etwas Neues zu wagen. Eine Fehlprogrammierung.

Woher kommt das?
Wir leben in einer total jugendfixierten Zeit. Werbung, Filme, Magazine, Musik - überall sieht man junge schöne Menschen, die einander nur anzusehen brauchen, um sich ineinander zu verlieben. Viele haben tatsächlich das Gefühl, dass es im echten Leben genauso läuft und dass die Liebe nur den Jungen vorbehalten ist und dass es irgendwann zu spät dafür ist. Aber auch auf den Jungen lastet ein enormer Druck. Sie glauben, die Liebe sei so, wie sie in Medien dargestellt wird. Doch das hat nichts mit der Realität zu tun. Diese wahnsinnig romantische Vorstellung weckt enorme Erwartungen und führt automatisch zu Enttäuschungen.

Wie haben Sie als junge Frau die Liebe ausgelebt?
Ich war sehr offen und sehr selbstsicher. Gleichzeitig wollte ich mir nicht eingestehen, dass ich zwar stark und unabhängig war, aber eben auch sehr verletzlich und ungeschützt. Wenn ich heute an dieses Mädchen von damals denke, dann muss ich sagen, ich hatte Glück, dass mir nie etwas Dummes passiert ist. Jugendliebe ist eine total andere Sache als Altersliebe. Man denkt mit 26 nicht daran, dass die Zeit läuft. Du weisst, da kommt immer wieder ein neues Abenteuer. Im Alter wird man sich seiner Sterblichkeit bewusst, Partnerschaften bekommen eine tiefere Bedeutung. Wichtig ist nicht mehr das Verliebtsein, sondern was passiert, nachdem man sich verliebt hat.

Es heisst, Sie wären die «Traumfrau für Denker». Haben Sie früher Ihre Männer in der Bibliothek aufgegabelt?
Eigentlich eher in der Künstlerszene. Anfang zwanzig besuchte ich viele Theaterkurse und Festivals. Und ausnahmslos jedes Mal lernte ich jemanden kennen, haha. Aber das tut man, wenn man jung ist. Man weiss, dass da immer wieder eine neue Liebe wartet. Bis man ein gewisses Alter erreicht und feststellt, okay, das ist nun vielleicht meine letzte Chance.

Ist es als Filmstar eigentlich einfacher, den richtigen Partner kennen zu lernen?
Ich wüsste wirklich nicht, was am Starsein nützlich sein sollte. Jungen Schauspielern, die mir erzählen, dass sie berühmt werden wollen, sage ich immer: Warum um Himmels willen möchtest du das? Was stellst du dir darunter vor? Wenn es dir nur darum geht, die ganze Zeit um die Welt zu fliegen und tolle Kleider zu tragen und berühmt zu sein, dann sage ich dir geradeaus ins Gesicht, dass ich mir keinen einzigen Film von dir ansehen werde. Niemals ... Diese Leute sind dann ganz eingeschüchtert und antworten: Aber du bist doch auch ein Star, Emma. Dann sage ich: Ja, aber das ist bloss ein Nebeneffekt. Ich wurde nicht Schauspielerin, um ein Star zu sein. Ich wollte immer nur unterhalten, Geschichten erzählen. Dieses Starding ist mir einfach so passiert, und es scheint mir nicht einmal etwas besonders Praktisches zu sein.

Zumindest Ihr Filmpartner Dustin Hoffman sagt von sich, er habe erst Glück bei Frauen gehabt, als er mit «The Graduate» berühmt wurde ...
Ja, aber er würde Ihnen sicher auch erzählen, dass er eine Menge dumme Dinge getan hat, als er endlich ein Filmstar wurde. Zudem: Nach der ersten Scheidung hat Dustin seine Jugendliebe geheiratet. Er kannte sie, seit er zehn war, und ist bis heute mit ihr zusammen.

Ist es nicht erstaunlich, dass Sie als Engländerin und Dustin Hoffman als Amerikaner einen sehr ähnlichen Humor haben? Normalerweise liegen zwischen diesen beiden Ländern humoristische Welten.
Ich habe in Dustin tatsächlich einen Seelenverwandten gefunden. Wir besitzen beide einen sehr organischen Humor. Doch vergessen Sie nicht, dass er jüdisch ist. Es gibt kaum einen intelligenteren, tiefgründigeren und kraftvolleren Humor als den jüdischen. Aber auch der britische Humor ist bekanntlich sehr speziell und hat eine lange Tradition. Ich glaube, dass wir uns deshalb so gut ergänzen. Und es macht auch Sinn, dass es im Film ein Amerikaner ist, der Kate am Ende aus ihrer englischen Reserviertheit herausholt. Ein Engländer hätte das nie geschafft. Engländer sind viel zu zurückhaltend. Vielleicht wäre das ein guter Rat an alle allein stehenden Frauen: Reist in andere Länder, lernt Männer aus anderen Kulturen kennen. Das könnte euer Liebesleben verändern!

Brillante Britin

Emma Thompson wurde 1959 in London als Tochter zweier bekannter Schauspieler geboren. Bei
den Dreharbeiten zur BBC-Serie «Fortunes of War» begegnete sie 1986 dem Schauspieler und Regisseur Kenneth Branagh, den sie kurz darauf heiratete. Bis zur Trennung 1995 drehten sie zusammen elf Filme. Für ihre Rolle als Margaret Schlegel in «Howards End» (1992) gewann Emma Thompson ihren ersten Oscar, den zweiten für das Drehbuch von «Sense and Sensibility» (1995). Bei der Jane-Austen-Verfilmung lernte sie auch ihren heutigen Ehemann, den britischen Schauspieler Greg Wise, kennen, mit dem sie eine zehnjährige Tochter hat. 2006 spielte sie in Marc Forsters Komödie «Stranger than Fiction» die kettenrauchende Schriftstellerin Karen Eiffel. Thompson ist überzeugte Atheistin, engagiert sich für soziale Fragen und Umweltanliegen und bewahrt ihre Auszeichnungen angeblich auf der Gästetoilette auf.

Late Love

In «Last Chance Harvey» spielt Emma Thompson die von der Liebe enttäuschte Flughafenangestellte Kate. Als sie den geschiedenen New Yorker Werbespotkomponisten Harvey (Dustin Hoffman) kennen lernt, der für die Hochzeit seiner Tochter nach London gereist ist, treffen und trösten sich zwei Menschen, denen das Leben ein paar Striche durch die Rechnung gemacht hat. Auf den ersten Blick bedient sich «Last Chance Harvey» der Mittel einer klassischen Romantic Comedy. Dank der unsentimentalen Schauspielkunst von Emma Thompson und Dustin Hoffman entwickelt sich
aus einem potenziellen Rührstück ein charmantes Melodram um verpasste Chancen und neues Glück.

Ab 19. 4.: «Last Chance Harvey» von Joel Hopkins. Mit Emma Thompson, Dustin Hoffman, Eileen Atkins, James Brolin

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