Schweizer Macherinnen

«Es kommt nicht auf das Geschlecht an, sondern auf die Leidenschaft»

Text und Video: Kerstin Hasse; Foto: Vera Hartmann 

Sarah Akanji wollte endlich in ihrer eigenen Stadt auf hohem Niveau Fussball spielen. Weil ihr kein Club die richtige Förderung anbieten konnte, hat sie selbst ein Team gegründet.

gamevuinhon: Sarah Akanji, vor zwei Jahren ist durch Ihr Engagement der FC Winterthur Frauen entstanden. Wie kommt man dazu, mit gerade mal 23 Jahren ein Fussballteam auf die Beine zu stellen?
Sarah Akanji: Mich hat es gestört, dass es in Winterthur – der sechstgrössten Stadt der Schweiz – keine leistungsorientierte Förderung von Frauen im Fussball gibt. Als Fussballerin finde ich es wichtig, dass man auch in der eigenen Region auf gutem Niveau Fussball spielen kann, ohne in eine andere Stadt reisen zu müssen. Doch ausgerechnet hier in Winterthur, wo es eine riesige Juniorenförderung von Jungs gibt, existiert keine Plattform für Frauen oder Mädchen. Das wollte ich ändern.

Also haben Sie ein Team gegründet. Das klingt bestimmt einfacher, als es ist.
Allerdings. Da steckt viel Arbeit dahinter. Als wir das Team 2016 gründeten, war dieses Projekt für mich ein Jahr lang wie ein Zweitjob. Ich war aber nicht allein, ich hatte Hilfe von vielen Leuten. Man braucht so viele Sachen: Bewilligungen, einen Club wie den FC Winterthur, der einem die Erlaubnis erteilt, unter seinem Namen zu spielen und den Trainingsplatz zu nutzen, sowie die Akzeptanz der Liga und von den Clubs in der Region. Und man braucht natürlich Spielerinnen, Trainerinnen und Sponsoren.

Ihr Einsatz hat sich gelohnt. Sie sind in der dritten Liga gestartet und vor wenigen Tagen zum zweiten Mal aufgestiegen.
Es läuft im Moment einfach alles rund! Das ist aber nur möglich, weil wir ein solch starkes Team haben mit sehr starken Frauen, die alle miteinander etwas Grosses erreichen wollen.

Nämlich?
Wir wollen mehr Akzeptanz im Fussball erhalten. Wir wollen zeigen, dass Frauen guten Fussball spielen können – auch wenn wir erst viel später als Männer das Recht erhielten, auf dem Platz zu stehen. Es kommt nicht auf das Geschlecht an, sondern auf die Leidenschaft für den Fussball. Wir wollen zeigen, was wir können. Und wir wollen Mädchen fördern. Deshalb wollen wir in den nächsten Jahren ein Juniorinnenteam aufbauen. Ich bin überzeugt, dass sich der Frauenfussball mit einer Förderung, die noch zielorientierter ist, sehr stark weiterentwickeln wird.

Was heisst zielorientierter?
Dass zum Beispiel – sofern sich das ein Mädchen wünscht – auf ein Niveau im Bereich des Spitzenfussballs hin trainiert wird. Und es nicht nur darum geht, dass Mädchen ein bisschen «tschutten» dürfen. Bei uns ging es früher schon auch um den Sport und den Sieg, aber man hat auch viel gewitzelt. Bei meinem Bruder hingegen gingen die Jungs ins Training, um sich zu professionalisieren. Man hat fokussiert gearbeitet und die Spieler individuell trainiert. Solche spezifischen Trainings hatte ich als Mädchen nicht, weil es kein Angebot für Juniorinnenförderung in der Region gab. Also spielte ich im Breitensport mit und da hiess es: Wir haben heute keinen Stürmer, also geh du nach vorne.  

Ihr Bruder Manuel spielt zurzeit an der WM in Russland für die Schweizer Nationalmannschaft. Er hat die Förderung genossen, die Ihnen in Ihrer Karriere fehlte.
Das kann man so sagen. Bei mir war das eher so eine Zufallsförderung. Ich glaube, man hat gemerkt, dass ich ganz gut Fussball spielen kann und dann habe ich relativ lange mit den Jungs gespielt. Danach gab es aber keinen Ort, zu dem ich hätte wechseln können. Also spielte ich mit der Juniorinnenmannschaft, aber die Spielerinnen waren eigentlich zu alt für mich. Ich wurde immer ein bisschen herumgeschoben. Manuel hingegen wurde schon früh professionell gefördert.

Hat Sie das genervt?
Ja, mich hat genervt, dass ich, nur weil ich ein Mädchen war, die Chance auf eine gezielte Weiterentwicklung nicht erhielt. Ich hätte diese Professionalität auch gern gehabt und das hat meinen Sinn für Gleichberechtigung sehr gestärkt. Darum ist mir mein Engagement für dieses Team auch so wichtig.

Was haben Sie von Ihrer Erfolgsgeschichte mit dem FC Winterthur Frauen mitgenommen?
Mir hat dieses Projekt gezeigt, was man alles bewirken kann. Dass man Dinge erreichen kann, die man sich vielleicht gar nicht zugetraut hätte. Ich bin so froh, dass ich das durchgezogen habe. In meinem Team sind Frauen, die an unsere Idee glauben und die finden: Wir spielen Fussball, wir haben Freude daran, ganz egal, was die anderen Leute sagen. Es ist doch einfach das Coolste, wenn es starke Frauen gibt, die sich über gesellschaftliche Diskriminierung hinwegsetzen und etwas erreichen.

Sarah Akanji (25) ist in Wiesendangen (ZH) aufgewachsen. Nach Stationen beim FC Wiesendangen und St. Gallen hat sie vor zwei Jahren das Projekt FC Winterthur Frauen mitinitiiert. Der Club ist nach dem ersten Jahr von der dritten in die zweite Liga und vor wenigen Tagen in die erste Liga aufgestiegen. Akanji hat Geschichte und Politik studiert und hat gerade ein Praktikum bei der SP Zürich absolviert.

 

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Kerstin Hasse

Die Online-Reporterin interessiert sich für die Fragen, die sich ihre Generation gerade stellt. Sie schreibt über Politik und Popkultur, über Feminismus und Gleichstellung, über Beziehungen und – typisch Millennial – manchmal auch über sich selbst.

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