Schweizer Macherinnen

«Wer zickig wird, hat verloren»

Text: Kerstin Hasse; Foto: Vera Hartmann; Video: Kerstin Hasse

Die Bündnerin Ladina Heimgartner legt im Schweizer TV eine Traumkarriere hin. Und beeindruckte mit ihrem Engagement gegen die No-Billag-Initiative die Schweiz.

gamevuinhon: Ihr Einsatz gegen die No-Billag-Initiative hat sich ausgezahlt, die Initiative wurde abgelehnt. Haben Sie die SRG gerettet?
Ladina Heimgartner: Nein, überhaupt nicht! Da war auch keine Rettung nötig.

Dennoch wurden Sie in den Medien als Galionsfigur der SRG betitelt.
Ich habe recht gestaunt, als ich das gelesen habe. Aber ich denke, das hat auch damit zu tun, dass ich eine Frau unter vierzig bin. Bis anhin waren es vor allem Männer, die im SRG-Kontext aufgetreten sind. Nur schon dieser Überraschungseffekt hat dazu beigetragen, dass man hellhörig geworden ist. Ausserdem glaube ich, wenn man die Dinge so sagt, wie man sie ehrlich meint, dann hat das seine Wirkung.

Sie sind oft die einzige Frau an SRG-Verhandlungstischen. Hat das Ihre Karriere beeinflusst?
Das prägt einen schon. Frauenthemen waren für mich lange nicht so präsent. Ich dachte stets: Heutzutage ist die Chancengleichheit doch gegeben! Aber im Arbeitsalltag bin ich ziemlich auf die Welt gekommen.

Inwiefern?
Es gab keine direkten Anfeindungen, ich wurde nie unmittelbar ausgeschlossen. Es waren subtile Geschichten. Der Klassiker: Man macht einen Vorschlag, niemand geht darauf ein, und zwei Plätze weiter wird genau dieser Vorschlag nochmals von einem Kollegen aufgenommen, und plötzlich hören alle zu.

Wie reagieren Sie darauf?
Indem ich zum Beispiel sage: Danke, dass du das nochmals aufnimmst, was ich vorher gesagt habe. Wütend oder zickig zu reagieren bringt einen nicht weiter, da hat man schon verloren.

Und wie sieht Frauenförderung à la Ladina Heimgartner konkret aus?
Ich hatte da einen Schlüsselmoment, als eine SRG-Kaderfrau mit Kindern zu mir sagte: Wenn die Teamsitzungen wenigstens nicht am Morgen um halb neun wären, könnte man die Kinder stressfreier in die Krippe bringen. Solche Dinge sind vielleicht nur Details, aber sie prägen die Kultur eines
Unternehmens – und zwar für Männer und für Frauen. Denn es muss doch möglich sein, dass Eltern ohne rot zu werden sagen können: Mein Kind ist krank, ich müsste heute von zuhause aus arbeiten. Dank der modernen Kommunikationsmittel ist das doch kein Problem mehr. Die Bereitschaft, in solchen Bereichen ein bisschen lockerer zu sein, muss da sein. Denn ich glaube, wie es den Mitarbeitenden im Berufsleben geht, hängt sehr stark damit zusammen, wie ihre Vorgesetzten agieren. Sie müssen darauf zählen können, dass sie in ihrem Chef oder ihrer Chefin eine Person haben, auf die sie sich verlassen können. Für die Gesundheit am Arbeitsplatz ist das wichtiger als jeder ergonomische Bürostuhl.

Sie haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass Ihr Profil – jung, weiblich, rätoromanisch – für Sie ein Karrierevorteil war.
Das stimmt. Da muss man auch fair sein. Man hat manchmal Nachteile als Frau, aber man hat auch Vorteile. Durch das Rätoromanische habe ich bei RTR –einer relativ kleinen Unternehmenseinheit – einen super Einstieg gefunden, ich bin schnell in eine Führungsposition gekommen, und dann war ich in den nationalen Netzwerken der SRG. Ich glaube, wenn ich beim weitaus grösseren SRF in Zürich eingestiegen wäre, hätte es länger gedauert.

Dann stört es Sie nicht, wenn Sie als Quotenfrau bei der SRG bezeichnet werden?
Meine Antwort ist immer die gleiche: Wenn ich in einem Jahr noch da bin, war ich sicher keine Quotenfrau. Wenn sie mich nach einem Jahr entlassen haben, dann war ich es vielleicht. Irgendwann reicht es nicht mehr, nur die Quote zu erfüllen. Man kann nicht einfach auf eine Position pochen und sagen: Ich habe das Anrecht auf diesen Job, weil ich eine Minderheit repräsentiere. Da muss schon mehr dahinter sein.

Nach Ihrem No-Billag-Erfolg wurde fest damit gerechnet, dass Sie sich für die SRF-Direktion bewerben. Sie haben sich allerdings aus dem Rennen genommen.
Ich habe mich nicht im Abstimmungskampf engagiert, weil ich diesen Posten wollte. Ausserdem wurde es ein bisschen so dargestellt, als ob die Direktion in Zürich das Mekka der Medienwelt wäre. Ich finde, dass das eine hochinteressante Stelle ist, zweifellos, aber meine in Graubünden ist das auch. Direktorin von RTR zu sein, ist ein riesiges Privileg. Und in Kombination mit der Stellvertretung des Generaldirektors bin ich mehr als zufrieden mit meiner Situation.

Ladina Heimgartner (38) wuchs im Unterengadin auf und studierte in Freiburg Germanistik und Rätoromanisch. Nach dem Abschluss ihres Studiums wurde sie Leiterin des Kulturressorts des «Bündner Tagblatt». 2007 stieg sie bei Radiotelevisiun Svizra Rumantscha (RTR) ein, zuerst als Redaktorin, wenig später übernahm sie das Ressort Hintergrund und wurde stellvertretende Chefredaktorin. 2011 begann sie in der Generaldirektion der SRG in Bern, drei Jahre später kehrte sie als Direktorin von RTR nach Chur zurück. Seit 2017 ist Ladina Heimgartner stellvertretende Generaldirektorin der SRG. Die Bündnerin amtet ausserdem als Präsidentin der Glückskette und ist Mitglied der Eidgenössischen Medienkommission.

 

 

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