Meinung

Mut zur Lücke

Text: Verena Edinger; Foto: Jessica Prinz

Mut zur Zahnlücke

Muttermal, Charakternase oder wie bei unserer Autorin eine breite Zahnlücke – vermeintliche Schönheitsmakel können tolle Marktwerte einer Person sein, wenn man mit ihnen Frieden schliesst.

Liebe Leserin, sehen Sie das Foto da oben? Ja, das bin ich. Und bis vor einigen Jahren hätte es noch ganz anders ausgesehen. Nicht weil ich einen punkigen Irokesenschnitt (am liebsten wären mir Pink oder Türkis gewesen) trug, sondern wegen meiner Zahnlücke. Denn Sie müssen wissen, dass ich diese auffällige Zahnstellung bis vor einigen Jahren absolut nicht ausstehen konnte. Es gab praktisch kein Foto von mir, auf dem ich offen lächelte.

Möglicherweise lag es auch an den Worten meines ersten Zahnarzts: «Das kann man ganz schnell mit einer Zahnspange beheben, ist ja nicht gerade schön, so eine Zahnlücke.» Heute bin ich sehr dankbar, dass meine Eltern kein Riesenbatzen Geld übrig hatten für eine, wie sie es nannten, «unnötige Schönheitskorrektur». Und so blieben meine Zähne nicht nur, wie sie waren, mir wurde auch die schmerzliche Tortur des wöchentlichen Nachziehens der Drähte erspart.

So konnte ich als Teenager knutschen, mit wem ich wollte, ohne mir Gedanken machen zu müssen. Denn obwohl sich die peinlichen Geschichten über verfangene Zahnspangen im Nachhinein immer als Märchen herausstellten, zerbrach ich mir im Gegensatz zu meinen spangentragenden Freundinnen nicht vor dem ersten leidenschaftlichen Kuss den Kopf darüber. Ich musste auch nie nach dem Essen aufs WC huschen, um den restlichen Salat auf umständliche Art und Weise aus der Klammer zu ziehen. Brauchte abends keine zusätzliche Bürste, um die Zähne auch unterhalb des Drahts sauber zu halten. Das fand ich toll.

Aber natürlich waren meine nichtkorrigierten Schneidezähne nicht immer nur zum Vorteil. Kaufte mir mein lieber Papa eine Cola am Kirtag (den traditionellen kirchlichen Volksfesten in Österreich), musste ich immer besonders aufpassen. Denn die Flasche kam immer in Verbindung mit einem besonders dünnen Strohhalm, welcher leicht in der Lücke stecken bleiben konnte. Auch anderes kleines Gemüse wie Maiskörner blieb regelmässig zwischen meinen Vorderzähnen hängen – manchmal aber auch, weil ich sie absichtlich dort platzierte. Wenn ich mit meinem Bruder stritt, musste ich mir nicht nur einmal anhören, ich hätte Hasenzähne und solle deshalb doch draussen bei unseren Kaninchen im Stall schlafen. Fand ich damals gar nicht lustig, das können Sie mir glauben.

Vielleicht fehlten mir die richtigen Zahnlückenvorbilder. Bis auf Mamas Cousine Uschi, die leider zu weit von uns entfernt wohnte, um mir beizubringen, auf meinen Makel stolz zu sein, bin ich nämlich die Einzige in meiner Familie mit solch einem Diastema, wie diese Zahnlücke im Fachlatein heisst.

Meine Zahnfehlstellung entstand also nicht genetisch, sondern weil ich ein tief ansetzendes Lippenbändchen hatte. Dieses wurde zwar schon im Kindergartenalter durchschnitten, begleitet von einem neuen Plüschchätzli als Trostgeschenk. Aber meine Schneidezähne blieben trotzdem weit auseinander stehend. Als würden sie sich einfach nicht mögen.

Kurze Zeit darauf war die kleine OP aber wieder schnell vergessen. Meine Zahnlücke kümmerte mich erst später wieder in der Pubertät, als ich einfach nur «normal» aussehen wollte. Wie meine Klassenkameradinnen halt. Oder wie die Frauen in der Fernsehwerbung, die mit ihren strahlend weissen Zähnen in giftgrüne Äpfel bissen. 

Einige Jahre später im Berufsleben änderte sich nicht nur meine Einstellung zum normenhaften Aussehen, sondern auch zu meiner Zahnlücke. Arbeitskollegen, die ich nur flüchtig kennenlernte, konnten sich dank meinen Hasenzähnen auch noch nach einer gefühlten Ewigkeit an mich erinnern: «Ach ja, du bist ja die mit der herzigen Zahnlücke!» Das machte mir einerseits ein wenig ein schlechtes Gewissen, da ich nichts mehr über die andere Person im Kopf behalten hatte. Andererseits verhalfen mir diese Komplimente aber auch zum nötigen Selbstbewusstsein, mit meiner Zahnlücke umzugehen. Sie war kein Makel. Keiner fand sie hässlich. 

Zwar hatten sich meine Schneidezähne keinen Zentimeter aufeinander zubewegt, aber ich mich ihnen. Ich musste fast 25 Jahre alt werden, um zu begreifen, dass genau diese lang verabscheute Lücke mein Wiedererkennungszeichen sein kann. Wie Marketingexperten sagen würden: mein USP (Unique Selling Point). Ein Alleinstellungsmerkmal, das man benutzen kann, um sich am Markt von der Konkurrenz abzuheben. Oder zumindest in Erinnerung zu bleiben. Denn ganz ehrlich: Ich bezweifle, dass eine Cindy Crawford, so schön sie auch ist, ohne ihr Muttermal in den Köpfen der Modedesigner geblieben wäre. Und vielleicht bliebe auch die Chansonsängerin Vanessa Paradis, Frankreichs charmanteste Zahnlücke, nur als Ex-Frau von Johnny Depp in den Köpfen aller Nicht-Baguette-Esser. Die Franzosen nennen Zahnlücken übrigens auch «Les Dents du Bonheur»- Zähne, die Glück bringen. Ich sehe jedenfalls offen lachend in die Zukunft.

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