Trauer 2.0

Das Sterben im digitalen Zeitalter

Redaktion: Julia Heim; Fotos Joan Minder

Porträt von Alexandra Kruse
Porträt von Alexandra Kruse
Halskette mit Symbolcharakter
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«Dank Instagram sind sehr berührende Dinge passiert, als meine Schwester verstarb.»

«Ohne meinen Sohn wüsste ich nicht, ob ich funktionieren könnte, wahrscheinlich würde ich im Himalaya meditieren oder auf Ibiza Bikinis häkeln. Ich möchte dieses Leben ordentlich leben.»

«Das selbstgemachte Armband habe ich in den Sachen meiner Schwester gefunden, sie war ein Löwe durch und durch und hat bis zum letzten Moment gekämpft.»

Die Stylistin Alexandra Kruse hat ihre Schwester an Krebs verloren. Ihren Schmerz und ihre Trauer teilte sie auch auf Social Media. Dafür erhielt sie nicht nur tröstende Worte, sondern auch Kritik. Auf Instagram trauern – ein digitaler Tabubruch? Wir haben mit ihr darüber geredet.

Zwei Hände, die sich festhalten, aufgenommen in einem Krankenbett – darunter die Bildunterschrift: «Universum, bitte unterstütze uns alle und besonders meine geliebte Schwester auf dieser heiligen Reise. Gebete und liebevolle Gedanken sind willkommen.» Es ist nur einer von vielen bewegenden Posts, die in diesem Sommer im Instagram-Account von Alexandra Kruse zu sehen waren. Die Hände gehören Alexandra und ihrer Schwester Katharina, die zu diesem Zeitpunkt in einem Hospiz auf den Tod wartet.

Die 36-jährige Katharina erkrankte ein Jahr zuvor an einer besonders aggressiven Form von Gebärmutterhalskrebs. Eine Operation war nicht mehr möglich, zu weit fortgeschritten war die Krankheit bereits. Die junge Frau ertrug, was es zu ertragen gab, kämpfte sich durch Chemos und Bestrahlungen. «Immer wieder klammert man sich an die Hoffnung, an eine neue Therapie, an einen neuen Versuch», sagt Alexandra. Dieses emotionale Auf und Ab teilte die 40-Jährige über Wochen hinweg öffentlich in den Social Media – «Für mehr Realität auf Instagram und in den sozialen Medien», auch das ist unter einem Bild zu lesen.

Wir sitzen in einem Café mitten in Zürich. Es ist früh am Morgen, doch das Lokal füllt sich rasch mit denen, die sich nach dem Marktbesuch die Finger wärmen wollen. Alexandras Stimme ist klar. Während sie spricht, lächelt sie. Sie ist eine Frau, die gern redet, vor allem aber eine, der man gern zuhört. Sie ist laut, sie wirft mit Anglizismen um sich und strahlt eine Bärenkraft aus. Ich frage mich, ob es ihr nicht unangenehm ist, in diesem gut gefüllten Lokal über ihre Schicksalsschläge zu sprechen. Aber genau diese Offenheit ist der Grund für unser Treffen.

Alexandra hält sich an einer Tasse Chai Latte fest. Den Kaffee habe sie vor drei Wochen aufgegeben, genau wie die Zigaretten. Sich um sich selbst kümmern, gesund bleiben – das habe derzeit Priorität, ebenso wie ihr fast siebenjähriger Sohn Kosmo, sagt sie. «Hätte ich ihn nicht, wüsste ich nicht, ob ich funktionieren könnte, wahrscheinlich würde ich im Himalaya meditieren oder auf Ibiza Bikinis häkeln. Ich möchte dieses Leben ordentlich leben.»

Die letzten zwei Jahre waren schwer. Ihr Vater beging Suizid, ihr Partner trennte sich, die Schwester erkrankte und verstarb.

In ihrem Social-Media-Account zeigte sie sich in diesem Sommer in Videos und auf Fotos weinend oder betend, teilte Nachrichten aus dem Hospiz oder liess die Followerschaft an der Gedenkfeier für ihre Schwester teilhaben. Warum thematisiert man etwas so Privates in einer Welt, in der es mehrheitlich um das perfekt inszenierte Leben geht?

Dieser Frage musste sich Alexandra immer wieder stellen. Durch ihren Umgang mit der Krankheit ihrer Schwester und deren Tod habe sie auch Follower verloren. «Mir ist bewusst, wie oberflächlich Instagram sein kann. Ich arbeite als Stylistin, bin im Lifestyle zu Hause. Doch ich habe durch diese Schicksalsschläge auch ein alternatives Instagram kennengelernt. Eines, in dem es nicht nur darum geht, zu zeigen, wie glücklich, schön und erfolgreich man ist. Ein digitaler Ort, an dem auch Platz ist für psychische Krankheiten, für die ungeschönte Wahrheit und für Schmerz. Ich teile viel. Vor allem weil ich zeigen möchte, wie das Leben nun mal auch aussehen kann. Ich verstehe, wenn ich manchen Menschen zu viel werde. Niemand ist gezwungen, sich das anzusehen. Doch die Leute teilen Bilder ihrer Hochzeit, der Geburt ihrer Kinder oder andere sehr persönliche Momente. Ich verstehe nicht, weshalb man es beim Tod plötzlich seltsam findet. Er gehört zum Leben dazu.»

Im digitalen Raum habe es aber vor allem Rückhalt und Unterstützung gegeben. Heilsam sei der Austausch gewesen – gerade dann, wenn sie nicht habe schlafen können. «Es tat gut zu wissen, dass dann Menschen aus anderen Zeitzonen online sind, während Zürich schläft», so die selbsternannte Mother of Miracles. Alexandra ist ein spiritueller Mensch. Sie glaubt an Engel und an die Kraft der Himmelskörper, aber eben auch an Solidarität und Verbundenheit mit Menschen, die sie persönlich gar nicht kennt. «Dank Instagram sind sehr berührende Dinge passiert, als meine Schwester verstarb. Kurz nach Katharinas Tod lud ich bei Instagram ein Video aus dem Garten meiner Mutter hoch. Niemand hatte Zeit gehabt, die Blumen zu giessen. Mitten im Jahrhundertsommer vertrockneten alle Pflanzen. Ich rief zu einer Blumenspende auf. Und tatsächlich: Wir erhielten eine Blumensendung nach der anderen. Meiner Mutter habe ich bis heute nichts von meinem Video erzählt. Sie wundert sich noch immer, wie all die Hortensien begleitet von liebevollen Karten aus aller Welt ihren Weg zu uns gefunden haben. Ein Blumengruss kam sogar aus New York.»

Diese Solidarität und Nächstenliebe half Alexandra bei der eigenen Trauerarbeit – gerade dann, wenn es dem entfernteren Umfeld schwer fiel, da zu sein. «Menschen können häufig nicht mit dem Tod umgehen. Im Dorf, in dem meine Mutter lebt, wechselten Bekannte schon nach dem Tod meines Vaters die Strassenseite, nach dem Tod meiner Schwester fehlten vielen die Worte. Sie wollten meiner Mutter nicht begegnen. Dabei meinten sie es gar nicht böse. Sie waren schlicht überfordert und wussten nicht, was sie sagen sollten.» Dabei reicht es oft schon, wenn man gar nichts sagt und einfach da ist. Oder eben – wie in Alexandras Fall – «like» drückt.

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