Schweizer Macherinnen

«Ich kaufe so wenig als möglich»

Text: Franziska K. Müller Fotos: Yves Bachmann

Tiny-House-Bewegung
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«Neue kreative Gemeinschaften sollen in der Mitte der Gesellschaft ihren Platz finden»: Fiona Bayer unter ihrem eigenen Dach

Minihaus auf Rädern: 1500 Stunden Arbeit hat Fiona Bayer bereits investiert

Fiona Bayer träumt vom Eigenheim auf dem Land. Wie so viele. Doch ihr Haus ist gerade mal 18 Quadratmeter gross, selbst konzipiert und gebaut. Seit zwei Jahren arbeitet sie daran, obwohl sie weder Architektin noch Schreinerin ist.

Was in der Stadt fehlte – die Nähe zur Natur und die Jahreszeiten –, hat sie auf dem Land gefunden, in Bonstetten ZH. Der Besuch wird bei der einzigen Wirtschaft im Dorf abgeholt. Fiona Bayer trägt Jeans, einen dicken rostbraunen Schal, eine Jacke aus Kunstleder und Fellimitat – das schöne Gesicht ist ungeschminkt. Noch lebt die 22-Jährige in einem geräumigen Bauernhaus. Vor der Türe zieht sie die schweren Schuhe aus. Die angehende Sekundarlehrerin legt Wert auf Ordnung und Reinlichkeit. In der Stube hängen selbst geschriebene Hausregeln an der Wand. Auf dem Tisch steht ein Krug Grüntee. Sie wärmt die Hände an einer heissen Tasse und blickt auf den dunklen Bildschirm eines altmodischen Handys. Ihre Habseligkeiten in der Wohngemeinschaft sind überschaubar. Wenig Kleider, keine Kosmetika, keine Nippes. «Auch mit Blick auf die Zukunft kaufe ich so wenig als möglich», sagt die Studentin. Die Zukunft steht im Garten: ihr eigenes winziges Haus. Auf Rädern. Seit zwei Jahren baut sich Fiona Bayer ein Dach über dem Kopf.

Sie hat die Pläne selbst gezeichnet, sich mit Materialien, Statik und Konstruktion befasst und die Arbeitsschritte akribisch geplant. Sie hat sich beigebracht, was sonst die Arbeit von Architekten, Schreinern und Zimmermännern ist, und gibt ihre Erfahrungen mit Cutter, Zange, Wasserwaage und Spachtel in einem News weiter. 1500 Stunden hat die Pionierin der Schweizer Tiny-House-Bewegung bereits in das Projekt investiert. 30 000 Franken zusammengespart und gesammelt. Tonnenweise Baumaterial verarbeitet. Alles für einen Traum, den auch viele andere Schweizerinnen und Schweizer hegen, wie sie heute weiss. Im vergangenen Frühling gründete sie zusammen mit anderen Mitstreitern den Verein Kleinwohnformen, der sich für kleine und mobile Wohnformen einsetzt – politisch und juristisch – und damit eine Lücke in der schnell wachsenden Community schliessen will. Die Präsidentin strahlt. Nach wenigen Monaten zählte der Verein bereits über 500 Mitglieder.

Die pittoreske Aussenhülle ihrer Behausung ist bereits fertig: Das Giebeldach ist rot, die Holzverschalung ockerfarben, die Fensterrahmen weiss. Noch müssen der Innenraum gedämmt, die elektrischen Kabel verlegt sowie Heizquelle, Ventilator und Solarzellen installiert werden. Die Trockentoilette fehlt noch. Anderes – leicht verschmutztes – Abwasser, soll später durch den Boden des Anhängers geleitet, gesammelt und entsorgt werden. Die Möbel kommen zuletzt. Multifunktionalität ist in einem Mini-Haus wichtig. Ein Wäschekorb, der auch als Hocker benutzbar ist. Ein Sofa, das Stauraum bietet, sich in eine Sitzbank verwandeln kann oder zur Kinolounge wird. Und auch ein platzsparendes Hochbett wird zum Inventar gehören. Auf 18 Quadratmetern soll entstehen, was individuellen Wünschen entspricht und ein komfortables Leben ermöglicht. Auf eine Waschmaschine will Fiona Bayer nicht verzichten und auch das E-Piano soll Platz finden.

Die Befreiung von Angesammeltem falle jenen, die jahrzehntelang in Häusern und Wohnungen gelebt haben, nicht immer leicht, meint Fiona Bayer. Im Endeffekt werde die Konzentration auf das Wesentliche aber fast immer als Befreiungsschlag empfunden. Weniger Konsum ergibt sich später fast von allein. Man überlegt sich genau, was man wirklich braucht, wenn im Kleiderschrank nur fünf Bügel Platz haben. Dass die Art der reduzierten Wohnform auch Konsequenzen auf den Lebensstil hat, liegt auf der Hand. Fiona Bayer spricht nicht von Einschränkungen, sondern von neuen Möglichkeiten. Mangelnder Bewegungsspielraum im Innern könne mit Aktivitäten in der Natur kompensiert werden, denn dort stehen die kleinen Häuser normalerweise. Will man Leute einladen, könne man auf öffentliche Räume ausweichen. Und auch eine andere Befürchtung kann sie zerstreuen: Natürlich verlassen auch Menschen, die anderswo bereits in perfekt ausgestatteten, winzigen Häusern leben, den fahrbaren Untersatz am Morgen frisch geduscht und manchmal sogar im Businessanzug.

Ursprünglich stammt die Tiny-House-Bewegung aus den USA. Sie gilt als Gegentrend auf die «Bigger Is Better»-Maxime, jedoch auch als Reaktion auf die Finanzkrise im Jahr 2008 als Hunderttausende Job und Häuser verloren. Mobile und oft mehrstöckige Eigenheime, die auf einem Anhänger sitzen, der bei Bedarf an ein Auto gehängt werden kann, sind in den USA bereits für 10 000 Dollar zu haben, und auch die Unterhaltskosten gelten als niedrig. Dass sich auch viele Menschen angesprochen fühlen, die in der Mitte der Gesellschaft leben und mit allzu extravaganten Lebensentwürfen eigentlich nicht viel am Hut haben, erstaunt Fiona Bayer nicht. Die Gewissheit, in jeder Situation ein Dach über dem Kopf zu haben, sei der wichtigste Grund, weshalb die neue Wohnform auch in Europa zu einem Riesenthema avancierte. Horrende Mietzinse und knappe Platzverhältnisse trugen ebenfalls zum Hype bei, ebenso wie das Wissen um begrenzte Ressourcen und der Wunsch nach einer nachhaltigen Lebensweise.

Zudem: Ein Mini-Haus ist keine improvisierte Lotterbude. Die Begriffsbestimmung besagt, dass die Eigenkreation aus gedämmtem Holz sein soll und im Idealfall nach ökologischen Grundsätzen konzipiert wird. Zwar verkaufen heute auch Ikea oder Tchibo Mini-Fertighäuser, die man in Windeseile zusammengebaut hat, und anderswo werden standardisierte Klein-Unterkünfte bereits im 3D-Drucker-Verfahren produziert. Doch solcherlei ist nicht im Sinn der Erfinder. Die Auseinandersetzung mit einem massgeschneiderten Zuhause, das Individualität und Qualität atmet und mit eigenen Händen gebaut worden ist, sei Bestandteil einer Philosophie, jedoch auch eine Erfahrung, die Fiona Bayer kontemplativ nennt. In diesem Zusammenhang trug auch ein anderer Umstand dazu bei, dass die Bewegung in den vergangenen Jahren rasant an Fahrt aufgenommen hat: Ein Mini-Haus muss in puncto Gewicht, Länge, Breite und Höhe zwar manchen gesetzlichen Kriterien entsprechen. Doch innerhalb dieser Parameter behindern fast keine architektonischen Vorgaben die kreative Ideenvielfalt. Das hat zu einer Flut von charmanten, originellen und aufregenden Kreationen geführt, die im Internet millionenfach angeklickt werden und ein Lebensgefühl zwischen Sicherheit und Unabhängigkeit verbreiten, das den Nerv der Zeit zu treffen scheint.

Genaue Zahlen darüber, wie viele Menschen in der Schweiz bereits in Kleinwohnformen leben – in Minihäusern, aber auch in Zirkuswagen und Jurten –, existieren nicht, Fiona Bayer geht von einigen Hundert aus. Die meisten Mitglieder des neu gegründeten Vereins sind am Bau eines Mini-Hauses interessiert und wollen ein solches in naher Zukunft realisieren. Natürlich können sich die Interessierten über den Verein vernetzen und erhalten Informationen zum Hausbau. Das eigentliche Anliegen ist aber ein anderes. Man will eine Problematik aus der Welt schaffen, die jenen droht, die in der Schweiz nach jahrelanger Arbeit am rollenden Eigenheim vergeblich einen Stellplatz suchen, und andere davon abschreckt, sich überhaupt an das Projekt Mini-Haus zu wagen. Bisher war die juristische Sachlage unklar, was so viel bedeutet wie: Kreative Wohnkonzepte sind in den Bau- und Zonenordnungen nicht vorgesehen und bewegen sich in einer Grauzone. Zwar kommen viele Objekte auf privaten Grundstücken unter, doch nicht alle konnten ein ordentliches Bewilligungsverfahren durchlaufen. Individuelle Anfragen müssen bei den jeweiligen Gemeinden gestellt werden. Habe die zuständige Behörde Vorurteile oder sei sie von der Thematik überfordert, werde mit Ablehnung reagiert, weiss Fiona Bayer. Ihre Forderung: «Wir wollen eine einfache und einheitliche Bewilligungspraxis.» Ihr Wunsch: «Neue kreative Gemeinschaften sollen in der Mitte der Gesellschaft ihren Platz finden.»

Inzwischen hat sich bereits einiges getan. Im vergangenen Herbst forderte die Grünliberale Partei Basel-Stadt ihre Regierung auf, Mini-Häusern einen Platz zur Verfügung zu stellen. Mitte November 2018 zog die SP-Fraktion Baselland im Landrat nach und erkundigte sich in einer Interpellation, ob die Möglichkeit einer Tiny-House-Siedlung als Pilotprojekt bestehe und ob es Bestrebungen im Kanton gebe, die Kleinwohnform als offizielle Wohnform anzuerkennen. Bereits heute liegen dem Verein Angebote von aufgeschlossenen Gemeinden vor, die sich ein entsprechendes Dorf vorstellen können und sich somit von gängigen Befürchtungen – es könnten sich Wohnnomaden, Autonome oder Chaoten niederlassen – befreit haben.

Spätestens in zwei Jahren wird auch das mobile Domizil von Fiona Bayer startklar sein. Für den Einzug. Für die Weiterreise. Bis dahin gibt es noch eine Menge zu tun. Trotz aller Vorarbeit und Vorsicht hat sie es bei der Holzqualität sehr gut gemeint. Jetzt wiegt ihr Haus bereits fast so viel wie das vorgeschriebene Maximalgewicht. Dreieinhalb Tonnen. Ohne Möbel. Fiona Bayer fährt sich mit den Fingern durch den Haarschopf und sieht – für einen kurzen Moment – etwas ratlos aus. 

– Weitere Infos: tiny-house-projekt.ch; kleinwohnformen.ch

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