Sprachforschung

«Die ersten Frauenzeitschriften waren elitäre Projekte»

Interview: Sven Broder; Foto: Getty Images 

«Es gibt eine lange Tradition von Frauenmagazinen»

Sprachforscherin Juliane Schröter hat die Geschichte der Frauenmagazine untersucht und herausgefunden: Frauenpublikationen haben eine lange Tradition. Und sie verfehlten schon im 18. Jahrhundert ihre politische Wirkung nicht.

gamevuinhon: Juliane Schröter, wie kamen Sie als Linguistin auf das Thema Frauenzeitschriften?
Juliane Schröter: Ich bekam als Assistierende am Deutschen Seminar der Uni Zürich die Anfrage, einen Artikel über den Sprachgebrauch im Kontext der Revolutionen 1848/1849 zu schreiben. Bei meiner Recherche lernte ich Louise Ottos «Frauen-Zeitung» kennen. Mir fiel mir auf, dass es im deutschen Sprachraum bereits Mitte des 19. Jahrhunderts eine Frauenbewegung gab und dass es eine lange Tradition von Frauenzeitschriften gibt, die von Frauen für Frauen gemacht wurden – oft mit dem Ziel, die Lebenswelt von Frauen zu verbessern. In meinem Fach, der Sprachwissenschaft, hat man sich aber mit diesen Zeitschriften bisher kaum beschäftigt. Deshalb habe ich dann die «Frauen-Zeitung» genauer untersucht.

Waren Frauenzeitschriften anfangs primär politische Publikationen?
Schon seit dem 18. Jahrhundert gibt es zwei Pole: Zeitschriften für Frauen, die sich vor allem den schönen Dingen des Lebens widmen – Mode, Küche, Poesie, Reisen et cetera –, und solche, die auch eine politisch- emanzipatorische Stossrichtung hatten. Allerdings gab und gibt es viele Zeitschriften zwischen diesen Polen, Publikationen also, die einen politischen Kurs verfolgten, aber auch unterhalten wollten. Das hatte im 18. und 19. Jahrhundert auch damit zu tun, dass eine allzu politische Ausrichtung einem Zeitschriftenprojekt schnell gefährlich werden konnte – weil die Behörden die Zeitschrift dann verboten hätten oder sie zu wenig gekauft worden wäre.

Wie reagierte denn das Patriarchat auf diese neuen Frauenzeitschriften?
Unterschiedlich. Im 18. Jahrhundert war die Toleranz generell etwas grösser als im 19. Jahrhundert – was auch daran lag, dass die politischen Forderungen der Frauen damals noch relativ bescheiden und meist zwischen den Zeilen formuliert waren. Je deutlicher diese zur Sprache kamen und je instabiler die politische Situation insgesamt, desto grösser wurde dann im 19. Jahrhundert der Gegenwind. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass man einige frühe feministisch orientierte Frauenzeitschriften heute kaum oder gar nicht mehr findet. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Bibliotheken und Archive lange vor allem von Männern geleitet wurden. Sie konnten entscheiden, was für die Nachwelt aufbewahrt wird und was nicht – und fanden offenbar manche Magazine für Frauen entweder zu irrelevant oder aber zu gefährlich dafür. Für meine Forschung z. B. kam ich an einige Jahrgänge der «Frauen-Zeitung» nur in Form von miserablen Scans heran. Lange galten diese Jahrgänge sogar als ganz verschollen.

Um 1790 als mit «Ameliens Erholungsstunden» von Marianne Ehrmann aus Rapperswil eine der ersten deutschsprachigen Frauenzeitschriften überhaupt erschien, dürfte der emanzipatorische Anspruch aber noch relativ bescheiden gewesen sein.
In dieser Zeit ging es tatsächlich erst einmal darum, Frauen klar zu machen, dass auch sie vernunftbegabte Wesen sind, sich etwas zutrauen dürfen, sich bilden können. Vernunft, Mündigkeit, Urteilsfähigkeit – das waren wichtige Ziele der Aufklärung, die sich auch in manchen frühen deutschsprachigen Frauenzeitschriften niederschlagen. Allerdings wäre es falsch, Frauenzeitschriften nur als Spiegel zeitgenössischer Ideen zu sehen. Indem sie sich hinter solche Ideen stellten und sie unter Frauen bekannt machten, hatten sie natürlich auch einen Einfluss auf deren Einstellungen und Verhaltensweisen. Deshalb haben feministische Frauenzeitschriften in der Geschichte der Frauenbewegung ingesamt eine wichtige Rolle gespielt.

Wie sah denn um 1800 eine klassische weibliche Biografie aus?
Die klassische weibliche Biographie gibt es auch um 1800 nicht – was für Frauen normal war, war je nach Schicht und Wohnort unterschiedlich. Einen Punkt aber gibt es, der Frauen aus Städten und Dörfern, aus der Unterschicht, dem Bauern- und Bürgertum, dem Adel verband: Grundsätzlich sollten sie heiraten und Kinder bekommen. Für die Frauen war damit in der Regel ihre wirtschaftliche Existenzsicherung verbunden: Mädchen und junge Frauen wurden zunächst von der Familie und anschliessend vom Ehemann finanziert. Sich als Frau wirtschaftlich auf eigene Beine zu stellen, war im 18. Jahrhundert sehr schwierig, und deshalb waren bessere Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten für Frauen eines der zentralen Anliegen der ersten Frauenbewegung.

Wie änderte sich dies mit der Zeit?
Mitte des 19. Jahrhunderts, im Kontext der damaligen Revolutionen, wurde im Medium der Frauenzeitschrift gefordert, dass sich Frauen verbinden, um als politische Gruppe gemeinsam für ihre Rechte einzutreten. Seit den 1860er Jahren entwickelte sich dann, so sagt man, die organisierte Frauenbewegung im deutschsprachigen Raum. Es formierten sich Vereine und andere Zusammenschlüsse, die oft eigene Publikationen herausgaben. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Frauenbewegung allerdings schon relativ ausdifferenziert. Deshalb wird es dann immer schwieriger, in deren Publikationen eine gemeinsame politische Stossrichtung zu erkennen – abgesehen davon natürlich, dass sie sich alle irgendwie für eine Verbesserung der Situation von Frauen einsetzen wollten.

Im frühen 20. Jahrhundert, insbesondere mit Helene Stöcker und ihrer Zeitschrift «Die neue Generation», kam dann ein anderes wichtiges Thema aufs Tapet: die weibliche Sexualität.
Und damit das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Denn was im Bereich der Sexualität damals «in Ordnung» war, war für Frauen fatal: «In Ordnung» war es, wenn der Mann die weibliche Sexualität bestimmte, wenn sie im ehelichen Rahmen stattfand, folglich heterosexuell war und der Fortpflanzung diente. Helene Stöcker sprach in ihrer Zeitschrift diese Missstände offen an. Wie avantgardistisch sie war, zeigt die Tatsache, dass die meisten ihrer Forderungen früher oder später erfüllt wurden: Mutterschaftsversicherung, rechtliche Besserstellung von unehelichen Kindern, Straffreiheit von Homosexualität et cetera.

Wie erfolgreich waren die Frauenzeitschriften, die Sie für uns porträtiert haben?
«Amaliens Erholungsstunden» von Marianne Ehrmann hatte eine Auflage von etwa 1000 Exemplaren. Aus heutiger Sicht ist das winzig, doch für die damalige Zeit war es beachtlich. Die Zeitschrift war so erfolgreich, dass sie später vom renommierten Cotta-Verlag übernommen wurde. Bei Louise Otto und ihrer «Frauen-Zeitung» kann man ein anderes Kriterium heranziehen: nämlich die Zuschriften der Leserschaft. Diese kamen nicht nur aus Sachsen und Thüringen, wo die Zeitschrift erschien, sondern zum Beispiel auch aus der Schweiz und sogar von Übersee. Zudem zeigt die Tatsache, dass in Sachsen zu jener Zeit ein Pressegesetz entstand, das nur noch Männer als Redaktoren zuliess und wohl vor allem gegen Louise Otto gerichtet war – die sogenannte «Lex Otto» –, dass die politischen Gegner die Zeitschrift als Bedrohung wahrnahmen. Auch «Die neue Generation» von Helene Stöcker war als gesellschaftliche Stimme nicht irrelevant, schliesslich erschienen in vielen wichtigen Tageszeitungen jener Zeit Rezensionen von ihr. Trotz allem: Die frühen Frauenzeitschriften waren elitäre Projekte. Nuzr wenige Frauen hatten das Geld oder die Verbindungen, um an sie heranzukommen. Viele Frauen konnten zudem nicht lesen oder hatten schlicht keine Zeit dazu..

Wie kamen die Magazine denn zu den Leserinnen?
Eine Möglichkeit war, das Blatt zu abonnieren, das ging lange über einen lokalen Buchhändler. Alternativ las man die Zeitschrift in einer Bibliothek oder im Rahmen eines Vereins oder literarischen Clubs. Nicht immer waren Frauen allerdings in Lesesälen und Vereinen zugelassen. Oft lieh sich man sich Zeitschriften gegenseitig aus. Und schliesslich war früher auch die gemeinsame Lektüre häufig: Frauen sassen zusammen, nähten, stickten oder strickten, und eine von ihnen las dazu aus einer Zeitschrift vor. Letzteres scheint generell ein wichtiger Weg gewesen zu sein, auf dem Frauen im 18. und 19. Jahrhundert Zeitschriften, Zeitungen und Büchern kennen lernten.

Gab es auch klassische Männermagazine?
Zugespitzt formuliert: Im 18. und 19. Jahrhundert war der normale Mensch ein Mann. Das heisst, jedes Magazin, jedes Blatt, jedes Journal, das sich nicht explizit an Frauen oder Familien als Publikum richtete, war in erster Linie an Männer adressiert. So gesehen waren all diese Zeitschriften eigentlich Männerzeitschriften.

 

Mehr zu Juliane Schröters Forschung finden Sie im Annabelle Heft 11/18

Sven Broder

Der Reportagenleiter schwärmt für Anekdoten und gute Geschichten, mag Fragen lieber als Antworten, Optimisten lieber als Nörgler. Er hat ein Näschen für Tabus und Fettnäpfchen, aber erschreckend wenig Talent, sie aktiv zu meiden. Er lebt mit Frau und drei Kindern in Zürich.

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