Wie ist es eigentlich

Wenn man auf den Mount Everest steigt

Text: Aleksandra Hiltmann; Bild: Pasang Sherpa, Jessica Prinz

Wenn man auf den Mount Everest steigt
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Wenn man auf den Mount Everest steigt?
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Uta Ibrahimi auf dem höchsten Berg der Welt – dem Mount Everest

Mit diesen Socken hat Uta Ibrahimi als erste albanische Frau den Mount Everest bestiegen. In die Zehen- und Fersenpartien sind feine Silberpartikel eingearbeitet, die für Extrawärme sorgen. Die Socken sind zwei der wenigen Dinge, die Uta nach der Besteigung des Mount Everest behalten hat. «Viele andere Dinge habe ich als Dank an Freunde verschenkt.»

Die kosovarische Bergsteigerin und Unternehmerin Uta Ibrahimi (34) war als erste albanische Frau auf dem höchsten Berg der Welt – eine Expedition voller Emotionen und Halluzinationen.

Nach dem Hillary Step setzen die Emotionen ein, das ist die letzte steile Passage. Da wird dir klar, dass du dem Gipfel sehr nahe bist. Ich werde sehr aufgeregt, zerdrücke ein paar Tränen. Aber ich sage mir: Reiss dich zusammen, du musst deine Energie gut einteilen. Noch zwanzig Minuten bis zum Gipfel.

Schon wieder eine Sternschnuppe. Während des Aufstiegs habe ich viele gesehen. Ich glaube, dass das Halluzinationen waren. Aber ich interpretiere sie als gutes Zeichen.

Fünf Minuten bis zum Gipfel. Ein Zelt taucht auf, leere Sauerstoffflaschen liegen herum. Wer will hier schon Zeit verbringen, denke ich mir. Später habe ich erfahren, dass sich einige Bergsteiger hier für einige Minuten erholen, wenn sie zu erschöpft sind.

Plötzlich wehende Fahnen, ganz nah. Wir erreichen den Gipfel des Mount Everest um fünf Uhr morgens. Er ist schneebedeckt. Es riecht nach nichts. Den einzigen Geruch, den ich wahrnehme, ist der Geruch meiner Sauerstoffmaske. Tendi Sherpa und ich fallen uns in die Arme. Aber nicht, wie man sich normalerweise umarmt. Alles geschieht in Zeitlupe. Das liegt am Sauerstoffmangel. Auch wenn du es willst, du kannst dich nicht schnell bewegen. Es sind noch viele andere Bergsteiger hier. Wir alle umarmen einander.

Tendi Sherpa und ich bewegen uns auf die sonnige Seite des Gipfels, die Tibet-Seite. Wir sind von der Nepal-Seite aus geklettert. Von der Tibet-Seite aus sehen wir erst die Menschenschlange, die sich Richtung Gipfel auf uns zu bewegt. Klettert man von der Tibet-Seite aus, ist der Aufstieg bis auf das letzte Stück zum Gipfel weniger steil.

Wir trinken in der Sonne heissen Tee und machen Fotos. Auch ein Video. Diese technischen Dinge sind nicht sehr emotional, aber man muss sie machen, für die Sponsoren. Sie bezahlen deine Expedition und wollen ein Foto von dir auf dem Gipfel mit «ihrer» Fahne. Das ist nicht einfach und sogar gefährlich. Ich trage dicke Handschuhe, der Wind bläst – schwierig, so eine dünne Fahne zu halten. Als Tendi Sherpa ein Foto von mir und meiner Flagge macht, hätte er sich beinahe eine Erfrierung an der Hand geholt. Eigentlich ist es verboten, die Handschuhe auszuziehen.

Normalerweise erinnere ich mich nach einer Bergtour nicht mehr an alles. Aber diesmal war das anders. Ich war sehr gut trainiert und akklimatisiert. Ich fühlte mich stark, fokussiert und glücklich.

Wenn ich von einer Expedition heimkehre, weiss ich oft nicht, ob ich wach bin oder schlafe. Nach dem Everest konnte ich zwei Wochen nicht in meinem Bett schlafen. Mein Körper war eine harte Unterlage gewohnt, also legte ich mich auf den Boden. In der Nacht schreckte ich oft aus dem Schlaf hoch. Ich dachte, ich sei auf dem Berg und jemand würde mich mit Leuchtkerzen in der Hand zu sich winken. Die Lichter waren aber nur das Leuchten eines Ladekabels. Damit ich nicht so orientierungslos war, begann ich, mir jeden Abend kleine Zettel neben das Kopfkissen zu kleben. Darauf stand: Du bist zuhause. Morgen stehst du um sieben Uhr auf und gehst dort hin und machst das. Das hat mir geholfen, wieder zurück in die Normalität zu finden.

Als Frau in Kosovo eine Bergsteigerin zu sein ist ungewöhnlich. Darum knüpfe ich das Bergsteigen auch an soziales Engagement. Ich halte Vorträge und besuche Schulen. Ich möchte ein Vorbild sein. Zurzeit baue ich mit Freunden die erste Kletterhalle in Kosovo. Parallel dazu plane ich eine Outdoorkollektion. Und gerade läuft meine erste eigene Kampagne an: Utalaya 14. Eine Mischung aus meinem Namen Uta und Himalaya. Die Vierzehn steht für alle Achttausender, die ich besteigen möchte. Der Everest war erst der Anfang.

Aleksandra Hiltmann ,
Reportagepraktikantin
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