Wie ist es eigentlich

Wenn man eine männliche Hebamme ist

Aufgezeichnet: Aleksandra Hiltmann; Foto: iStock

Eine männliche Hebamme zu sein?

Vitro Andrade da Rocha (43) spricht über die Arbeit in einem vermeintlichen Frauenberuf, wie er sich den Geburtsschmerz vorstellt und wie er den weiblichen Geschlechtsorganen begegnet. 

Ich bezeichne mich als Hebamme, als Sage Femme. Die Bezeichnung Homme Sage Femme gibt es nicht. Was das Ganze ziemlich gut auf den Punkt bringt: Grad hierzulande sind Männer als Hebammen noch etwas sehr Neues. Unserem Geschlecht steht dieser Beruf erst seit ungefähr zehn Jahren überhaupt offen.

In Portugal, wo ich herkomme und meine Ausbildung als Krankenpfleger und als Geburtshelfer gemacht habe, sind Männer in Gesundheitsberufen viel zahlreicher anzutreffen – auch im Hebammenberuf. Dass sich eine Frau oder ihr Partner mit mir unwohl fühlt und mich ablehnt, kommt sehr selten vor. Frauen können sich sowieso schon vor der Geburt so organisieren, dass sie von einer Frau betreut werden, wenn sie das explizit wünschen. Genauso wie ein Mann, der keine Urologin möchte, einen Urologen aufsuchen kann. Zwei Arbeitskolleginnen hatten bisher Mühe damit, dass ich als Mann Hebamme bin. Meine Antwort: Mit dem Gynäkologen habt ihr auch kein Problem, oder?

Es kann zudem auch ein Vorteil sein, dass ich ein Mann bin. Es gibt zum Beispiel Frauen, die mit ihren Frauenärztinnen schlechte Erfahrungen gemacht haben und deshalb ausdrücklich nach einem Mann verlangen. Für Männer wiederum kann es befreiend sein, wenn sie gewisse Themen mit einem Geschlechtsgenossen besprechen können, etwa wenn es um die veränderte Sexualität der Frau nach der Geburt geht.

Ich höre den Frauen zu. Und dank meiner Erfahrung und meiner Ausbildung weiss ich, was sie brauchen. Ich begegne ihnen mit Professionalität. Dazu gehört, dass ich nichts an ihrem Körper anschaue oder anfasse, wenn es nicht wirklich notwendig ist. Die weiblichen Geschlechtsorgane sind für mich als Hebamme wie das Herz für einen Kardiologen; es sind Bereiche des Körpers, die ich – wie jeder Gynäkologe oder jede andere Hebamme – behandle. Sie gehören zu meiner Arbeit.

Empathie und Aufmerksamkeit werden bei einem Job im Gesundheitswesen vorausgesetzt. Man lernt aber auch viel dazu. Den Geburtsschmerz beispielsweise stelle ich mir ähnlich schlimm vor wie eine Nierenkolik. So eine habe ich selbst schon erlebt. Und es gibt sogar Frauen, die zu mir sagten, dass sie eher den Geburtsschmerz als nochmals eine Nierenkolik ertragen würden.

Ich habe meine Berufswahl nie bereut. Ich bin glücklich, zufrieden und stolz auf das, was ich mache. Das Schönste an meiner Arbeit ist, dass ich fast immer bei einem freudigen Ereignis dabei sein kann. Als ich noch als Krankenpfleger arbeitete, war ich hingegen oft mit langen Leidenszeiten und dem Tod konfrontiert.

Seit einigen Monaten arbeite ich nur noch als selbstständige Hebamme. Ich begleite Frauen meist zuhause – vor, während und nach der Geburt. Das war immer mein Ziel. Und es läuft ziemlich gut.

Ich finde es wichtig, den Leuten zu vermitteln, dass Hebamme nicht einfach nur bedeutet, im Gebärsaal zu sein und heisse Tücher ans Bett zu bringen. Heutzutage sind Hebammen ausgezeichnet ausgebildet und decken mit ihrer Arbeit alle möglichen Bereiche rund um eine Geburt ab: Vorbereitung, Stillberatung, Nachversorgung, sei das im Spital, im Geburtshaus oder in den eigenen vier Wänden von werdenden Familien.

Ob ich Kinder habe? Nein, das steht bei mir nicht auf dem Plan. Ich bin vollends ausgelastet mit all den Babies, die ich während meiner Arbeitszeit betreue. 

Aleksandra Hiltmann ,
Reportagepraktikantin
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