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Work-Life-Balance im Zeitalter der Digitalisierung

Text: Tanja Ursoleo; Foto: GettyImages 

Work Life Balance

Wie sehen die Arbeitsmodelle der Zukunft aus? Unsere Autorin plädiert dafür, sich endlich von traditioneller Rollenverteilung und Denkweisen zu verabschieden. Denn nur durch neu gewonnene Flexibilität werden wir Arbeit und Privatleben besser vereinbaren können, schreibt sie. 

Alle sprechen von Work-Life-Balance, aber was heisst das eigentlich? Für viele geht es dabei in erster Linie um die Vereinbarung von Arbeit und Familie. Auch das Bundesamt für Statistik nimmt das Streben nach dieser perfekten Balance vieler Schweizerinnen und Schweizer ernst und schreibt: «Eine ausgeglichene Work-Life-Balance beeinflusst das Wohlbefinden und trägt dazu bei, am Arbeitsplatz produktiv zu sein sowie gesund und glücklich zu bleiben.» Das klingt so gut, her damit – aber wie geht das konkret?

Wenn es um die Vereinbarkeit von Job und Familie geht, kommt schnell die Work-Life-Balance ins Gespräch. Das harmonische Gleichgewicht zweier gegensätzlicher Welten, die man mit viel Organisation täglich auszubalancieren versucht, ist jedoch zum Scheitern verurteilt. Was für Ausgeglichenheit steht, endet in Wahrheit meist in Stress, Überforderung und Unzufriedenheit. Wann haben Sie das letzte Mal am Freitagabend das Büro verlassen, ohne bis Montag E-Mails zu checken, an die Arbeit zu denken oder gar ein Meeting oder eine Präsentation vorzubereiten, wenn auch nur mental? Work-Life-Balance geht von einer Dualität zwischen Arbeit und Privatleben aus. Dabei haben sich diese Grenzen durch die Digitalisierung schon längst aufgelöst.

Caroline Straub, Dozentin für Personalwirtschaft an der Berner Fachhochschule, spricht von Work-Life-Integration: «Man kann heute nicht mehr von zwei getrennten Bereichen ausgehen. Heute versucht man eher eine Verbindung beider Bereiche herzustellen.» Besonders für Frauen ist die Vereinbarkeit von Job und Familie wichtig und eine grosse Herausforderung. In der Schweiz arbeiten 6 von 10 erwerbstätigen Frauen Teilzeit, aber nur 1.7 von 10 Männern. Die strukturellen Faktoren dafür sind altbekannt: hohe Kinderbetreuungskosten oder fehlende Flexibilität des Arbeitsmarkts. 

Ist die Arbeit, dieses notwendige Übel, gar der eigentliche Störenfried in diesem Über-Mantra der idealen Vereinbarkeit und der Selbsterfüllung? Oder verstecken sich hinter diesem Streben womöglich bereits die Vorboten einer grundsätzlichen Veränderung unserer Lebensmodelle, die mit der fortschreitenden Digitalisierung einhergeht?

Die Befragten der Studie «Der Mensch in der Arbeitswelt 4.0» des Instituts für Angewandte Psychologie finden, dass der digitale Wandel durch die Automatisierung von Prozessen die individuelle Work-Life-Balance stärkt. 67 Prozent der befragten Frauen und Männer mit Führungsaufgaben und einem Durchschnittsalter von 45 Jahren halten die Trennung von Arbeit und Freizeit wichtig, gleichzeitig sind 46 Prozent auch ausserhalb der Arbeitszeit für den Arbeitgeber digital erreichbar. 83 Prozent der Befragten könnten ihren Job auch mobil flexibel, also im Home-Office und mit gleitenden Arbeitszeiten machen. Wird das in den Unternehmen auch konkret umgesetzt? Im Moment hält sich das althergebrachte Arbeitsethos noch hartnäckig in den Köpfen: «Teilzeitarbeit gilt noch heute in vielen Unternehmen als Stigma. Wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter in Teilzeit geht oder den Wunsch nach mehr Flexibilität äussert, wird sie oder er oft nicht mehr als verlässlich empfunden, und der berufliche Aufstieg wird schwieriger. Mitarbeiter mit hoher Visibilität und Erreichbarkeit sowie langen Präsenzzeiten gelten noch immer als besonders produktiv», konstatiert Caroline Straub.

Aktuell scheinen Arbeit und Selbsterfüllung für viele unvereinbar. Etwas kommt immer zu kurz: die Karriere, die Kinder, die Partnerschaft, die Freunde, die finanzielle Vorsorge oder die eigenen Bedürfnisse. Diese Auffassung von Vereinbarkeit oder Trennung der Bereiche wird sich mit der digitalen Revolution fundamental verändern, auch wenn heute noch 78 Prozent der Befragten davon ausgehen, dass ihr Job nicht nur durch Maschinen ersetzt wird.

Trotzdem wird die klassische Erwerbstätigkeit in den kommenden Jahren, auch in nicht-manuellen Berufen, zwangsläufig weniger. Denkbar ist eine Gig-Economy, eine Arbeitswelt, die hauptsächlich aus Freelancern und Ich-AGs besteht, die ortsunabhängig ist und höchste Flexibilität voraussetzt. Höchste Zeit also, sich endlich von traditioneller Rollenverteilung und Denkweisen zu verabschieden und über die Lebens- und Arbeitsmodelle von morgen nachzudenken.

Tanja Ursoleo ,
Pariskorrespondentin
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