Leben mit amputierten Unterschenkeln

«Es war, als würde ich auf Wolken gehen»

Text: Olivia Sasse; Foto: Vera Hartmann

«Es war, als würde ich auf Wolken gehen»

Sie wollen das Leben rocken – erst recht: Frauen, die mit Mut und Kraft ihren gesundheitlichen Einschränkungen trotzen. Online-Praktikantin Olivia Sasse hat vier solcher Kämpferinnen getroffen und stellt sie in einer Serie vor. Dieses Mal erzählt Spitzensportlerin Abassia Rahmani von ihrem Leben mit amputierten Unterschenkeln.

Die Sonne scheint unerbittlich auf die Rennbahn des Stadion Deutweg in Winterthur. Das Thermometer misst über 30 Grad, vor gut einer Stunde hat die 26-jährige Abassia Rahmani hier noch trainiert. Jetzt sitzt sie im Schatten auf den blauen Stühlen der Tribüne. Aus den Augenwinkeln sieht man drei Mädchen, die gerade auf der Bahn über Hürden springen. Es sind alles Zweibeiner, wie Abassia Rahmani sie nennen würde. Sie ist es nicht mehr. Aufgrund einer bakteriellen Blutvergiftung (Meningokokken Sepsis) mussten ihr 2009 beide Unterschenkel amputiert werden. Unterkriegen liess sie sich davon nicht: Fünf Jahre später begann Abassia Rahmani mit Leichtathletik. 2016 gewann sie an der EM in Grosseto Bronze, und an den Paralympics 2016 rannte sie in der 200-m-Disziplin als Vierte über die Zielgerade.

«Manchmal habe ich ein Paar Beine im Kofferraum. Ich muss viel organisieren, so bein-technisch. Wenn ich an eine Hochzeit eingeladen bin oder tanzen gehe, kann ich nicht einfach hohe Schuhe in die Handtasche packen. Ich brauche auch die Prothesen, bei denen ich den Absatz verstellen kann. Ich besitze mittlerweile mehrere Paar Beine, solche für den Sport und solche für die alltäglichen Dinge. Tatsächlich unterscheidet sich aber mein Alltag nicht so sehr von dem eines Zweibeiners. Ich lebe in einer Wohnung im dritten Stock ohne Lift. Ich arbeite im Büro, gehe einkaufen, erledige den Haushalt und treffe mich mit Freunden. Aber am Morgen ziehe ich nach dem Aufstehen halt meine Beine an, nicht meine Schuhe.

Viele haben das Gefühl, dass die Prothesen schmerzen müssten. Das tun sie aber nicht, denn die Beine sind wie massgefertigte Schuhe. Mein Gewicht wird unter dem Knie abgefangen. Und Prothesen haben durchaus auch ihre Vorteile: Meine Füsse schmerzen nicht mehr. Weder auf hohen Schuhen, noch verbrenne ich mir am Strand die Füsse im heissen Sand. Und im Winter kann ich sogar Converse tragen, ohne dass ich an den Füssen friere. Meine Prothesen trage ich immer, auf meinen eigenen Beinen kann ich nicht gehen. Andere, die von Geburt an keine Unterschenkel haben, können das teilweise – für mich ist es aber unvorstellbar. Ich ziehe die Beine nur aus, wenn ich schlafen gehe. Sie im Bett anzubehalten, wäre komisch. Man würde ja auch nicht mit Skischuhen schlafen gehen.

Heute ist das Leben mit Prothesen für mich sehr natürlich, aber mit 16 Jahren hadert man natürlich sehr mit solch einem Schicksal. Aufgrund der bakteriellen Blutvergiftung musste ich damals ins künstliche Koma versetzt werden. Als ich wieder erwachte, realisierte ich zuerst nicht, dass mir ein Teil meiner Beine fehlte. Ich war komplett mit Medikamenten vollgepumpt. Ich wusste nicht, ob das alles bloss ein Albtraum war oder nicht. Dann bin ich in ein sehr tiefes Loch gefallen. Viel tiefer kann man vermutlich nicht fallen. Ich verbrachte viel Zeit allein und machte mir Gedanken, die normale 16-Jährige sich wahrscheinlich nicht machen: Was bringt das Leben? Welchen Sinn hat es? Was soll ich jetzt damit anfangen?

Irgendwann kam der Punkt, an dem ich mich gefragt habe: Lässt du es jetzt schleifen, oder gibst du nochmals Gas und schaust, was dabei rauskommt? Dann habe ich eigentlich gar keine andere Möglichkeit gesehen, als das Beste zu geben. Man hat ja nur das eine Leben. Ich war früher sehr sportlich und schnell, aber nach der Amputation musste ich zuerst mal wieder meine Grundfitness aufbauen. Das war harte Arbeit. Mit meinen Alltagsprothesen spürte ich keine Leichtigkeit, ich konnte nicht über eine Mauer springen oder schnell die Treppe hinunterhüpfen. Als ich dann das erste Mal die Möglichkeit hatte, Rennfedern auszuprobieren, war es um mich geschehen. Es war, als würde ich auf Wolken gehen.

Eine Leidenschaft zu haben, die mich jeden Tag motiviert, hilft mir extrem im Leben. Letzte Woche habe ich mein erstes Rennen gegen nicht-eingeschränkte Athletinnen gewonnen. Als ich meinen ersten Zweibeiner überholt habe, was das ein richtig geiler Moment. Bisher bin ich meistens den anderen hinterhergerannt, schon mal als Dritte oder Vierte ins Ziel gekommen. Aber wirklich einmal zuvorderst zu sein, das war sehr cool. Wenn ich renne, spüre ich nicht, dass mich nicht meine eigenen Füsse ins Ziel tragen. Wenn ich renne, werde ich völlig eins mit den Federn.»

Alle bereits erschienenen Porträts der Kämpferinnen-Serie finden Sie hier.

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