Leben mit Multipler Sklerose

«Ich gehe jeden Dienstag tauchen»

Text und Foto: Olivia Sasse

«Ich gehe jeden Dienstag tauchen»

Sie wollen das Leben rocken – erst recht: Frauen, die mit Mut und Kraft ihren gesundheitlichen Einschränkungen trotzen. Online-Praktikantin Olivia Sasse hat vier solcher Kämpferinnen getroffen und stellt sie in einer Serie vor. Den Anfang macht Susan Bligh, die seit 15 Jahren mit Multipler Sklerose lebt.

Susan Bligh bietet mir einen Tee an, rollt in die Küche und kommt mit einer Tasse wieder, die sie zwischen ihre Oberschenkel eingeklemmt hält. Dann hievt sie sich auf den Sessel gegenüber. Sie ist noch nicht komplett auf den Rollstuhl angewiesen, hat noch ein wenig übrig gebliebene Kraft in den Beinen. Abgesehen von einem Treppenlift weist auf den ersten Blick nichts in der Wohnung darauf hin, dass hier eine Frau wohnt, die seit 15 Jahren mit Multipler Sklerose lebt. Und auch ihr liebstes Hobby würde man nicht sofort mit den Einschränkungen einer chronischen Krankheit in Verbindung bringen: Susan Bligh ist leidenschaftliche Taucherin.

«Unter Wasser bin ich frei. Ich war früher schon Schwimmerin, und das Tauchen war damals bloss eine Art, länger unter Wasser zu bleiben. Heute, wo ich weniger Kraft habe, erlebe ich den Moment viel intensiver. Dieses Bewusstsein verstärkt sogar den Genuss, den ich dabei empfinde: ein Körpergefühl ohne Einschränkungen, wenn auch nur für ein paar Minuten. Aufgrund der Gleichgewichtsstörungen tauche ich immer Hand in Hand mit einem Tauchbegleiter. Manchmal kippe ich plötzlich auf eine Seite, drehe mich wie eine Schildkröte auf den Rücken. Dagegen kann ich nichts tun. Dann hilft mir mein Begleiter, mich aufzurichten. Strenge ich mich allein zu sehr an, zieht sich manchmal mein ganzes Nervensystem zusammen. Das ist wie bei einem Ganzkörperorgasmus, nur nicht so schön.

Mein Tauchbrevet habe ich vor 31 Jahren in Kanada gemacht. Damals war ich noch nicht auf Unterstützung angewiesen, weder beim Tauchen noch sonst in meinem Leben. Ich war stets sehr aktiv, habe Familie und Karriere unter einen Hut gebracht. Das erste Anzeichen der Krankheit war eine Gesichtslähmung, später kamen Taubheitsgefühle im Bein. Ich bekam Medikamente und konnte meine Stelle als Projektleiterin bei der UBS ab da nur noch Teilzeit ausführen. Sechs Jahre später kam dann die Entscheidung, ob ich meine Medikamente weiterhin einnehme, obwohl sie stark krebserregend sind. Oder ob ich sie absetze, auf ein Reboot meines Systems hoffe und damit lebe, dass dieser Weg mich in den Rollstuhl bringen kann. Offensichtlich habe ich mich für Letzteres entschieden.

2011 musste ich mein Tauchbrevet erneuern. Da ging ich bereits am Stock. Einer meiner Bekannten, ein Tauchinstruktor für Menschen mit einer Behinderung, meinte, ich solle bei ihnen mitmachen. ‹Aber ich habe doch keine Behinderung!›, dachte ich, gegangen bin ich trotzdem. Durch die Menschen, die ich dort kennenlernte, war es für mich viel einfacher, mit dem Rollstuhl umzugehen. Bekommen hatte ich zu meinem neuen Gefährt nur eine kleine Broschüre. Der Angestellte der IV-Stelle meinte: Sie sind schon in einem gewissen Alter, da lassen Sie sich sowieso nur noch schieben. Von wegen! Da war ich noch nicht mal 50 Jahre alt und steckte mitten in der Scheidung. Niemand hätte mich ständig schieben können. Das Gute daran war, dass ich schnell lernte, damit zu fahren. Der Rollstuhl war meine Erlösung. Ich bewege mich wieder viel und selbstständig. Ich gehe selbst einkaufen, gehe zur Arbeit und habe gelernt, über Tramschienen zu fahren, ohne einen Purzelbaum zu machen.

Für mich hat ein zweites Leben angefangen. Ja, es war hart, als ich meine Schuhkiste mit gesammelten Wanderungen, die ich noch machen wollte, wegschmeissen musste. Aber ich habe sie durch einen Tauchordner ersetzt. Es ist wichtig, dass man neue Leidenschaften findet und sich Momente schafft, die sich nach purem Glück anfühlen. Ich gehe jeden Dienstag tauchen, auch im Winter. Solange man den Regulator im Mund halten und atmen kann, ist es möglich zu tauchen. Und das werde ich auch tun.»

Wöchentlich veröffentlichen wir einen Text aus der vierteiligen Kämpferinnen-Serie. Die Sammlung finden Sie zukünftig hier

Olivia Sasse

Die Geschichten der Online-Praktikantin starten oft als Gedanken-Karussel im Kopf und finden ihre Form in Text, Fotografie und Film. Begeistern kann sie sich vor allem für mutige Menschen, alltägliche Geschichten und Absurditäten.

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