Plädoyer

So glücklich macht Selbstliebe

Text und Foto: Jessica Prinz

Selbstliebe? Ja bitte!
  • Durch die rosarote Brille: In den Ferien fiel der Junior Editor Jessica Prinz und deren Begleitung die Selbstliebe leicht.

Ein Plädoyer für den liebevolleren Umgang mit sich selber – von Junior Editor Jessica Prinz, die ihre rosarote Brille nie mehr abziehen will. Eine Egoistin ist sie deshalb nicht, nur viel glücklicher.

Selbstliebe – ein Schlagwort, das mittlerweile so nervig ist, dass man zuschlagen möchte. Immer und immer wieder wird, besonders von und für Frauen, betont: Love yourself! Jeder Instagram-Kanal erinnert uns daran, uns Komplimente zu machen, uns selber den Vorrang zu geben, mit und für uns ein Glas Rotwein zu trinken und einfach das Leben zu geniessen. 2019 ist für die Frau alles möglich – wenn sie sich denn selbst nur genug liebt. Das klingt oft viel zu einfach. Vor allem dann, wenn all diese Weisheiten zwischen Beziehungskrise und Arbeitsstress auf dem Handybildschirm aufpoppen. Wie sich für mich herausstellte, muss es aber eigentlich wirklich gar nicht so schwierig sein.

Ich gebe zu, mir fällt es in meinem momentanen Zen-Modus grad leicht, das zu behaupten. Denn den Anfang dieses Jahres habe ich mit einer guten Freundin im Paradies verbracht. Mit viel Freiheitsgefühl und den hemmungslosesten Gesprächen. Nur eins war wichtig: Zeit für mich. Wir beide wollten es uns so richtig gut gehen lassen, zur Abwechslung mal auf niemanden Rücksicht nehmen – und einfach das Leben feiern. Einmal während dieser Ferien konnten wir uns gar nicht mehr erholen vor Freude: Als wir im Januar zusammen ins Meer hüpften – wir, zwei junge Frauen, die eine blond, die andere mit schwarzen Haaren, die das Leben wie ein lebendiggewordenes Yin und Yang umarmten. «Embrace the Sea! Embrace the Sun! Embrace Life!», riefen wir dann. Ja, auch mit mir geht mal die Instagram-Romantik durch. Ich bin hier also grad ein wenig im Vorteil, wenn es darum geht, über Selbstliebe zu sprechen. Oder wie oft nehmen Sie sich so viel Zeit für sich selbst? Drum: Nehmen Sie doch für einen Moment meine rosarote Brille, und kommen Sie mit auf meine Reise.

Natürlich kommt die Selbstliebe nicht einfach so von selbst. Mit ein wenig embracen ist die Arbeit nicht getan. Auch bei mir war und ist das ein langer Prozess. Und je mehr man darüber lernt, umso mehr weiss man, was man noch zu tun hat. Es gibt ganze MSC-Studiengänge, die sich dem Thema widmen, die Professorin Kristin Neff, die Selbstmitgefühl bereits seit Jahren studiert, bietet zum Beispiel achtwöchige Grundkurse an. Ihre Studien belegen zwar, dass man mit Selbstliebe über weit mehr Ressourcen und Widerstandskräfte verfügt und weniger zu Ängsten, Depressionen und Burn-out neigt. Dennoch ist die Selbstliebe generell in Diskussionen immer ein wenig umstritten. Schnell assoziiert man mit dem Begriff dauergrinsende Hippies, die den ganzen Tag meditieren und sich selbst Blumen schenken. Und vielleicht geht es Ihnen gleich: Auch wenn diese Hippies glücklich sind – mein Leben stelle ich mir trotzdem etwas anders vor. Realistischer vielleicht. Strukturierter. Schliesslich kann und will man im Normalfall Job und Verantwortung nicht einfach so zur Seite schieben, um Platz für ein wenig Selbstliebe zu machen.

Und doch ist es essenziell, der Selbstliebe täglich Aufmerksamkeit zu schenken. Sie ist die Basis eines gesunden Alltags, nicht etwa dessen Konkurrenz. Denn Selbstliebe ist wohl eines der rohesten und logischsten Gefühle. Es geht dabei im Kern darum, sich zu fragen, was man will und warum man es will. Es geht darum, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten, sie zu beobachten, sich zu fragen, woher sie wohl kommen und wieso sie sich mit der Zeit verändern. Und dann geht es darum, diese Bedürfnisse ernst zu nehmen, sie zu akzeptieren, ihnen Platz und Vorrang zu geben. Alles recht einleuchtend. Und doch tun wir uns oft schwer damit. Die innere Stimme ist vielleicht oft zu ehrlich für unser Umfeld. Unkonventionelle Vorstellungen stossen schnell auf Skepsis. Dabei hat jedes Bedürfnis, solang es denn moralisch und ethisch vertretbar ist, das Recht, Platz zu bekommen. Es ist genauso okay, das Bedürfnis zu haben, sich drei Burger reinzudrücken, wie es in Ordnung ist, als Mutter nicht stillen zu wollen oder in einer Partnerschaft Sex mit anderen haben zu wollen. Ist es wirklich.

Egoistisch? Nein! Die Frage ist nämlich, wie man mit diesem Bedürfnis umgeht. Während es okay ist, das Bedürfnis zu haben, mit jemand anderem als dem Partner zu schlafen, ist es nicht okay, das einfach zu tun, ohne mit ihm darüber zu sprechen. Ein Egoist wäre in dieser Situation viel besser bedient als jemand, der sich einfach selbst liebt. Egoismus, laut Duden das «Streben nach Erlangung von Vorteilen für die eigene Person, nach Erfüllung der die eigene Person betreffenden Wünsche ohne Rücksicht auf die Ansprüche anderer», ist etwas, das nur auf positive Gefühle für die eigene Person fokussiert ist.

Die Grenze zwischen Egoismus und Selbstliebe ist tatsächlich schmal. Ein abgrenzender Faktor zum Egoismus ist es aber eben, sich auch mit schwierigen Gefühlen zu beschäftigen. Der ehrlichen, inneren Stimme zuzuhören. Auch Trauer, Eifersucht oder Einsamkeit zu embracen. Natürlich wäre es einfacher, die innere Stimme zu ignorieren. In einer Beziehung zum Beispiel leise Zweifel oder unerfüllte Träume auf die Seite zu schieben. Im Endeffekt ist es für viele wohl immer noch einfacher, in einer Beziehung unglücklich zu sein und diese Tatsache einfach hinzunehmen, als etwas daran zu ändern – und zu versuchen, allein glücklich zu sein. Und das ist wirklich egoistisch! Denn damit tue ich nicht nur mir selbst keinen Gefallen, ich halte ausserdem auch meine Partnerin oder meinen Partner hin. Es geht bei der Selbstliebe aber eben nicht nur darum, sich zu feiern und sich ständig zu sagen, dass man toll ist. Selbstliebe braucht Mut, sowohl Stärken als auch Schwächen in ihrer Gesamtheit zu akzeptieren – und sich immer noch zu lieben. Das ist nicht immer einfach. Auch im Ferienparadies nicht, wenn die Haut nicht mit Klima, Essen und Tagesrhythmus klarkommt und man auf jedem Foto aussieht wie ein Streuselkuchen.

Das ehrliche Annehmen des Ist-Zustands führt zu einem tiefen, ehrlichen Gefühl: Selbstliebe. Ich weiss, dass ich selbst in erster Linie für mich und mein Glück verantwortlich bin. Diese Erkenntnis führt auch dazu, dass viel weniger Druck auf meinem Umfeld lastet, wenn ich mein Glück nicht von anderen abhängig mache. Viele kleine Alltagsprobleme und zwischenmenschliche Spannungen kommen erst gar nicht auf, wenn ich mit einer ehrlichen Haltung mir und anderen gegenüber durchs Leben gehe. Und bei mir führt das dazu, dass ich mich auch an Tagen, an denen ich mich selbst nerve, mich hasse und mich verfluche, mich trotzdem noch fair behandle. Wie eine Freundin, Schwester, Mutter, die ich auch dann noch gern habe, wenn sie Fehler machen. Wenn ich sie nicht verstehe. Wenn ich wütend auf sie bin. Wie einen Menschen, den ich liebe eben.

Jessica Prinz ,
Junior Editor
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